Seminar für Ägyptologie und Koptologie

"Konstruktionen von Tradition und Devianz. Untersuchungen zur emischen und etischen Auseinandersetzung mit der sog. 'Amarna-Religion'"

Ansprechpartnerin: Janne Arp-Neumann

Janne Arp-Neumann, Habilitationsprojekt "Konstruktionen von Tradition und Devianz. Untersuchungen zur Auseinandersetzung mit der sog. ,Amarna-Religion'"?

Im 14. Jh. v. Chr. bestieg der vierte König des Namens Amenhotep als rechtmäßiger Erbe in der auf den Kult des Gottes Amun ausgerichteten Stadt Theben den ägyptischen Thron. Wenige Jahre nach Regierungsantritt änderte er seinen Namen in "Echnaton" und gründete mit Achetaton (heute Amarna genannt) eine neue Residenzstadt, in der fortan der Gott Aton verehrt wurde. Andere Götter wurden in den monumentalen Bauten von Achetaton nicht gezeigt, genannt oder anderweitig berücksichtigt.
In Zusammenhang mit dieser Neuausrichtung sind Überarbeitungen der Namensschreibungen des Königs sowie seines unmittelbaren Vorgängers, die den Bestandteil "Amun" betrafen, zu sehen. In der Ägyptologie wurden und werden zudem "Restaurationen" von Bildern und von Nennungen des Gottes Amun (sowie in geringerem Maße anderer Götter) in den Reliefs und Malereien von Theben (sowie andernorts) als auf Befehl Echnatons ausgeführte Ausmeißelungen erklärt. Folglich gilt die Umsetzung der sog. "Amarna-Religion" als radikal und brutal und ihre religionsgeschichtliche Rolle wird als traumatische Erfahrung beschrieben.
Für das Ende der Regierungszeit Echnatons und für seine unmittelbaren Nachfolger gibt es kaum aussagekräftige Quellen. Erst mit Tutanchamun verdichten sich die Informationen wieder: Er verlegte die Residenz nach Theben zurück und rief die Wiederaufnahme des Amunkultes aus. Ein Zeugnis dafür ist die sog. "Restaurationsstele", die er im thebanischen Karnaktempel aufstellen ließ. Der namengebende Stelentext beklagt den zu Regierungsbeginn vorgefundenen Zustand und beschreibt seine Überwindung. Dies ist ein typisch pharaonischer Topos und gibt daher keine historisch wertvolle Auskunft über die sog. "Amarnazeit" selbst. Erst in der Dynastie der Ramessiden, mehrere Jahrzehnte nach der Amarnazeit, wird das Andenken an diese Epoche gezielt verfolgt: in Form der Tilgung und Auslassung des Namens Echnatons, aber auch seiner Verfemung; daneben sind Ausmeißelungen, Zerstörung und Abbau von Monumenten festzustellen. Der zeitliche Abstand zwischen der Regierung Echnatons und seiner Damnatio Memoriae wurde bisher allein von Jan Assmann als Problem behandelt und mit der Schwere des Traumas, welches die Verarbeitung verzögert habe, erklärt (Moses der Ägypter).
Im Unterschied dazu ist eine leitende Hypothese dieses Habilitationsvorhabens, dass die Ramessiden die Amarnazeit rückblickend als Bruch mit der Tradition konstruiert haben um ihre eigenen, von der Tradition abweichenden Tätigkeiten als Wiederherstellung der Tradition darzustellen. Demnach kann es sich in beiden Fällen, sowohl der Amarna-Religion, als auch der "Religion" der Ramessiden, um Formen von Devianz handeln. Es ist Frage sogar die Frage zu stellen, was in der ägyptischen Religionsgeschichte überhaupt als Tradition gelten könne.

Nun ist es allerdings in erster Linie die ägyptologische Wissenschaft, die von "Religionen" (der von Amarna neben der "traditionellen") spricht, und sie ist es, die Religionsgeschichte Ägyptens schreiben und dabei insbesondere die Veränderungen und Entwicklungen betrachten und auswerten möchte. Daher ist es eine erste Aufgabenstellung dieses Vorhabens, die Auseinandersetzung der ägyptologischen Forschung mit der "Amarna-Religion" im Verhältnis zur Auffassung von traditioneller ägyptischer Religion zu verfolgen. Die Untersuchung beginnt mit der Arbeit von Christoph Meiners, "Zur Religion der ältesten Völker, insbesondere der Egyptier" (Göttingen, 1775), und verfolgt die Entwicklung der Darstellung und Beschreibung von Ägyptischer Religion bis zur wissenschaftlichen Entdeckung Amarnas. Anhand der entsprechenden Publikationen aus dem daran anschließenden Zeitraum wird die Formierung des Phänomens "Amarna-Religion" untersucht. Dabei stehen insbesondere die Auswirkungen auf die Darstellungen von Ägyptischer Religion bzw. die Wechselwirkungen zwischen den Auffassungen von traditioneller und exzeptioneller ägyptischer Religion im Vordergrund.
Als früheste Dokumentation von Hinterlassenschaften der Stadt Amarna kann die der napoleonischen Expedition angeführt werden: Die Description de l'Égypte, Paris 1817. Als historisches Phänomen aber wurde Amarna erst im ausgehenden 19. Jahrhundert entdeckt. Aufgrund der räumlich weiten Verteilung und der Diversität der Befunde und Funde ist diese Entdeckung vielmehr als Prozess aufzufassen. Diesen Prozess dominierten von Anfang an die ramessidischen Hinterlassenschaften, während die Funde und Befunde der Stadt Amarna selbst frühestens ab 1900 in ihren Kontexten publiziert vorlagen.
Eine weitere Arbeitshypothese dieses Habilitationsvorhabens ist daher, dass die ramessidische Konstruktion der exzeptionellen vs. traditionellen Religion als Tatsache in die Wissenschaft übernommen wurde. Bis heute wird das Beispiel der vermeintlich gescheiterten religiösen Revolution angeführt, um gerade anhand des Gegenbildes zu zeigen, was die Ägyptische Religion eigentlich ausgemacht habe. Eine Diskussion der Quellen selbst bleibt dabei meist aus.

Das Projekt widmet sich damit insgesamt der Rolle der sog. "Amarna-Religion" für die ägyptische Religionsgeschichte und für die ägyptologische Religionsgeschichtsschreibung in Form einer forschungsgeschichtlichen sowie archäologischen Analyse. Zu diesem Zweck wird die Entwicklung des Schreibens über die ägyptische Religion (mit Fokus auf die Frage nach Tradition, Devianz und Bruch) im Zeitraum zwischen dem 18. und frühen 20. Jahrhundert aufgearbeitet, indem der Stand der Quellen mit den Argumentationen und Hypothesenbildungen verglichen wird. Die archäologische Analyse betrifft die Primärquellen, die im Rahmen der forschungsgeschichtlichen Analyse als Gegenstand der Argumentationen und Interpretationen festgestellt werden können. Es wird eine umfassende Übersicht erstellt und die Denkmäler werden hinsichtlich ihrer historischen Aussagekraft untersucht. Insbesondere die bislang als Amarnabeschädigungen und Ramessidenreparaturen gedeuteten Beispiele werden nicht nur gesammelt, sondern vor allem umfassend verglichen und überprüft.
Das Projekt setzt sich zum Ziel, eine neue Perspektive auf die Darstellung der Ägyptischen Religion zu gewähren und zu neuen Erkenntnissen über die religionsgeschichtlichen Rollen der Amarna- sowie Ramessidenzeit zu gelangen.