#4genderstudies am 18. Dezember

18.12.2019: „Konzertierte Aktion" zur Aufklärung und öffentlichen bzw. medialen Artikulation die Gender Studies

Auch dieses Jahr soll der 18.12. für die Aktion #4genderstudies genutzt werden.

Wie kann das aussehen?

(Erklärung von Prof. Dr. Paul Villa im Folgenden)

"Entstanden ist dieses Format 2017 im Kontext der damals intensiven Diffamierungen gegen das Feld und gegen den Begriff ‚Gender' im Kontext antidemokratischer politischer Mobilisierungen. Es ist m.E. weiterhin wichtig, diese öffentliche Thematisierung als Chance zu nutzen, das Feld der Gender Studies forschungsbasiert darzustellen.

Es gibt durchaus viel gute, seriöse Berichterstattung und auch seitens der Medien ein produktives Interesse an guten Infos zum Begriff ‚Gender' und zu den Gender Studies. Selbstverständlich auch an der Kritik an, den Problemen und Grenzen von Gender / Gender Studies. Die Kontroversen, um es höflich zu sagen, sind ja hoch spannend. Wir sollten sie nur auf einem guten Niveau führen. Gern kontrovers, aber eben auch kompetent.

Ich möchte hiermit alle Kolleg_innen auffordern, sich entsprechend öffentlich zu artikulieren: Was arbeiten und forschen wir? Inwiefern sind Gender Studies Wissenschaft? Was meint der Gender Begriff in Ihrem/Eurem Feld? Machen wir lediglich Politik und Lobbyismus für LGBTTI*? Wer hat was (nicht) von unserer Forschung? Und ist das überhaupt eine sinnvolle Frage? Wie kooperiert Ihr / wie kooperieren Sie mit den Gender Studies bzw. Institutionen / Gruppen / Organisationen außerhalb der Wissenschaft und Lehre? Wie ist das international? Was wird studiert und wie ist das Studium? usw. Darüber hinaus aber auch: Inwiefern werden mit den Angriffen auf die Gender Studies womöglich auch weitere Disziplinen und Felder der Geistes-, Sozial- und Naturwissenschaften adressiert, d.h. welches Verständnis von Wissenschaft artikuliert sich in den Gender Studies und den Phantasien um diese?

Die Medienmenschen möchte ich gern ermutigen, mich sowieso und womöglich auch weitere Kolleg_innen anzusprechen. Es gibt ja viele interessante Themen, über die sich berichten, schreiben, sprechen ließe:

• Warum Unterstrich? —> Sprache, Gender, Nerv?
• Was meint Gender und inwiefern ist das gesellschaftlich relevant? —> geschlechterbezogene Aspekte von Ungleichheit, Armut, Gewalt, Anerkennung, Inklusion, Konsum, Rechte, Bildung, usw. Gender als nicht-politischer, sondern analytischer Forschungsbegriff (‚Doing gender', Genderismus bei Goffman, usw.)
• Gender und...Eure/Ihre Disziplin, Fragestellung, Forschungsinteressen...?
• Intersektionalität? Was soll das? —> Geschlechtlichkeit im Zusammenhang mit weiteren sozialen Differenzen und Strukturen wie Alter, Klasse/Schicht, ‚race', Sexualität usw.
• Gender als voluntaristische Individual-Identität oder als soziale Struktur, als symbolische Ordnung, als praktischer Vollzug ...?
• Sein und Schein - Kultur versus ‚echte' Probleme? —> wie hängen Anerkennung und Verteilungsfragen zusammen? was ist kulturell am Gender, warum sind Begriffe, Bezeichnungen, Bilder so wichtig? sind sie das überhaupt? und wie verhalten sich dazu Fragen von Gerechtigkeit, Teilhabe usw.? warum ist die Toilette ein Ding?
• Islam, Integration, Irritation —> Rolle von Gender im Kontext von Religion, Migration, citizenship, Flucht, Leitkultur usw.
• genderqueergaga? —> was meint queer? was meint queer theory? hat das war mit gender zu tun? und was genau? und was nicht?
• gender diesseits von Natur - jenseits des common sense? —> verleugnen die Gender Studies bzw. verleugnet der gender-Begriff die Natur? Was meint ‚Natur' in Bezug auf die Geschlechterdifferenz? Science and Technology Studies: Neurowiss., Epigenetik, naturecultures usw.
• Dramatisierungen und Diskussionen um 'Transgender'
• ‚doing gender' als Forschungsperspektive seit den späten 1960'er, also nicht erst seit Butler und weit über diese Autorin hinaus (die gleichwohl zentral ist): Goffman, Ethnomethodologie, STS, ‚doing gender/doing differences'
• (neue?) Männlichkeiten, auch in Bezug zu Gesundheit, Gewalt, Familie, Politik, Medien, Kultur ...
• Gender und Gewalt, z.B. #metoo, #niunamenos, „Missbrauch" von Jungen und Männern als unterbelichtetes Thema, Gewalt gegenüber non-binären Menschen
• Gender und Politik: Frauenbewegungen, aktuelle Populismen, Feminismen, Geschlecht in der Politik: Personen und Positionen, Quoten usw. —> als Forschungsgegenstände
• ...
• ...


Selbstverständlich ist das wesentlich aus meiner Perspektive verfasst, und keineswegs eine vollständige oder zweifelsfreie Zusammenstellung. Sie ist aus meiner nunmehr intensiven Einmischung in Öffentlichkeit und Medien, aus den vielen Gesprächen und Debatten innerhalb und außerhalb von academia generiert. Ich meine, dass wir die Qualität, die Relevanz und die Pluralität dessen, was Gender meint und insbes. was Gender Studies sind, noch stärker in's differenzierende Licht setzen sollten. Es geht grad nicht darum, hier stärker noch zu politisieren, sondern sachlich zu informieren und sich Debatten sowie Nachfragen zu stellen - und darum, Diffamierungen zu beenden.

Konkret: nutzen Sie/nutzt social media mit dem Hashtag #4genderstudies, sprechen Sie/sprecht die Pressestellen Ihrer/Eurer Einrichtungen an (auf Interviews, Darstellung von Forschungsprojekten oder -ergebnissen), nutzen Sie / nutzt die eigenen Homepages, machen Sie eigene Publikationen sichtbar usw. Medienschaffende: sprechen Sie uns an.

Super ist auch, wenn Ihr / Sie das weitergeben - an einschlägig Forschende und Studierende.

Danke für das Lesen des langen Textes. Für alle Fragen und Anliegen stehe ich gern zur Verfügung."

Wer sich sonst auch informieren mag:

Fachgesellschaft Gender Studies: https://www.fg-gender.de
Facts zu Stellen/Professuren: http://www.database.mvbz.org
Konferenz der Gender-Studies Zentren in D/CH/A: https://www.genderkonferenz.eu/deutsch/home/home.htm
Gender - Zeitschrift (peer review); http://www.gender-zeitschrift.de
kleine Einführung Gender Studies von Villa: http://www.gender.soziologie.uni-muenchen.de/lehrstuhlprofil/gender-eine-soziale-tatsache.pdf und
‚Many shades of Gender' https://www.gender.soziologie.uni-muenchen.de/shades-of-gender/index.html


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