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Prof. Dr. Morag Josephine Grant

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Prof. Dr. Morag Josephine Grant


Der Mensch und die Musik

Für Morag Josephine Grant ist Musik ein unverzichtbarer Bestandteil ihres Lebens. „Sie ist mein Begleiter durch den Tag“, sagt die 36-Jährige. Privates und Berufliches lassen sich dabei kaum trennen: Die Musikwissenschaftlerin versucht auch mit ihren Forschungen, die besondere Wirkung von Musik zu ergründen: „Musik ist eines der Merkmale der Menschheit. Forschung über Musik ist deshalb Forschung über die Menschheit überhaupt.“

Schon in ihrer Kindheit und Jugend spielte Musik eine große Rolle: „Alle meine Geschwister haben musiziert.“ Für die gebürtige Schottin stand schon sehr früh fest, dass sie auch beruflich etwas auf diesem Gebiet machen wollte. Sie studierte zunächst an der Universität Glasgow und wechselte danach zum King`s College in London, wo sie erst den „Master of Music in Theory and Analysis“ und dann den „Doctor of Philosophy in Music“ erwarb.


Ende der 1990-er Jahre siedelte sie nach Berlin um. Die Wissenschaftlerin wollte an der Humboldt-Universität für ihre Dissertation und ihre Habilitation forschen und das Berliner Musikleben genießen. „Am Anfang habe ich jede Woche mindestens drei Konzerte besucht“, erzählt sie. Inzwischen hat sie nicht mehr so viel Zeit dafür, doch auf eines kann sie nicht verzichten: „Ich muss mindestens einmal im Jahr in der Philharmonie eine Mahler-Symphonie hören. Die Akustik dort ist einfach unglaublich.“

Ansonsten ist Morag Josephine Grant musikalisch nicht festgelegt. Sie hört Klassik ebenso wie schottische Volksweisen, Disco Music oder Rap. Vor allem aber interessiert sie sich für Experimentelle Musik und für Neue Musik, über die sie auch promoviert hat.

Prof. Dr. Morag Josephine Grant

Dabei ist sie sich bewusst, dass viele Menschen mit Werken von Karlheinz Stockhausen oder John Cage zunächst nichts anfangen können und keinen Zugang dazu finden. Sie sieht sich deshalb sowohl als Analytikerin als auch als Vermittlerin. „Ich versuche, diese Musik theoretisch-wissenschaftlich zu beschreiben, sie in einen Kontext zu stellen und zu erklären, was das Besondere daran ist.“ Die sonst übliche musiktheoretische Herangehensweise helfe da nicht weiter. „Man muss andere Kategorien und eine andere Sprache dafür finden. Damit sind dann auch viele ästhetische und philosophische Fragen verbunden.“

Auch soziologische und psychologische Aspekte spielten bei den Reaktionen auf Werke der Neuen Musik eine wichtige Rolle, meint Grant. „Mich beschäftigt die Frage, warum ich diese Musik spontan so gut verstehe und warum andere Menschen sie erst gar nicht an sich heranlassen wollen.“ Die Auseinandersetzung damit sei eine gute Übung für das Leben. „Diese Musik stellt vieles in Frage und zwingt einen so dazu, über seine Vorurteile nachzudenken.“ Was andere als sperrig empfinden, macht für sie das Faszinosum aus: Neue Musik thematisiert oft die kognitiven und sozialen Bedingungen des Musikerlebnisses – und sagt damit ganz viel über den Menschen aus.

Morag Josephine Grant will mit ihren Forschungsarbeiten traditionelle Strukturen aufbrechen. Statt der Beethoven- oder Bach-Forschung eine weitere Nuance hinzuzufügen, bringt sie ganz neue Fragestellungen in die Musikwissenschaften hinein. Zum Beispiel, indem sie sich mit einem schlichten Volkslied beschäftigt. Die Schottin hat die Geschichte und Rezeption des wohl bekanntesten Liedes aus ihrer Heimat untersucht: „Auld lang syne“. Der Liedtext von Robert Burns ist relativ kurz, doch ihre Forschungen füllen viele Seiten: „Ich versuche zu erklären, warum ,Auld lang syne‘ so bekannt geworden ist und überall auf der Welt gesungen wird. Es gibt in vielen Ländern ganz verschiedene Traditionen um das Lied, die aber mit seinem ursprünglichen Sinn scheinbar nichts direkt zu tun haben. So wurde aus dem Nachdenken über ein kleines Lied ein Nachdenken über Gott und die Welt.“

Darüber, was Musik bewirken kann und was sich mit Musik anrichten lässt, kann sie jetzt noch intensiver forschen. Morag Josephine Grant leitet seit Mai 2008 an der Universität Göttingen die Nachwuchsgruppe „Music, Conflict and the State“. Es ist eine der Free Floater-Gruppen, die die Hochschule als Teil der Maßnahmen im Zukunftskonzept ohne ein vorgeschriebenes Thema ausgeschrieben hatte. Die Wissenschaftlerin fühlte sich sowohl von der Ausschreibung als auch von dem Exzellenzantrag der Universität sofort angesprochen „Da gab es viele Punkte, die man anderswo nicht findet, zum Beispiel das Dual Career-Konzept. Ich habe dies als Zeichen dafür gewertet, dass diese Universität es ernst meint und richtig etwas aufbauen will.“

Grant ist nicht nur von den guten Arbeitsmöglichkeiten begeistert. Auch das Accouchierhaus, in dem das Musikwissenschaftliche Seminar untergebracht ist und das zu den Göttinger Sehenswürdigkeiten gehört, hat es ihr angetan. „Das ist ein ganz besonderes Ambiente, das sich auch hervorragend für Experimentelle Musik eignet.“

Vor allem aber fasziniert sie das wissenschaftliche Umfeld: „Hier habe ich alle Experten, die ich brauche, von Islamwissenschaftlern über Psychologen und Pädagogen bis hin zu Juristen.“ Warum sind diese Disziplinen wichtig für ihre Forschung? Weil Musik, anders als viele meinen, nicht von Natur aus „gut“ und völkerverbindend ist „Es kommt immer darauf an, was man damit macht.“ Grant will analysieren, wie Musik eingesetzt wird zur Ausübung von Gewalt, Volksverhetzung, Kriegsverbrechen und Völkermord – ein hoch aktuelles Thema. Eines der frühesten Indizien dafür, dass in einem Land Menschen- und Bürgerrechte in Gefahr sind, sei es, wenn Regierungen Musik vereinnahmen und staatlichen Zwecken unterordnen. „Eines der ersten Dinge, die Wladimir Putin gemacht hat, war der Austausch der Nationalhymne.“ Wie die Wissenschaftlerin betont, haben auch die Deutschen ihre Erfahrungen mit diesem Phänomen: Ebenso wie einst die Nationalsozialisten setzen heute Neonazis Musik als Köder für ihre menschenverachtenden Ziele ein.

Auch privat beschäftigt sich Morag Josephine Grant mit dem, was Menschen Menschen antun: Sie ist aktives Mitglied von „Amnesty International“. Im vergangenen Jahr gehörte sie der deutschen Delegation an, die an der internationalen Ratstagung der Organisation in Mexiko teilgenommen hat.