Seminar für Deutsche Philologie

Dr. Ludger Grenzmann, Akad. Oberrat i.R.

Nachruf auf Dr. Ludger Grenzmann

Das Seminar für Deutsche Philologie nimmt Abschied von Dr. Ludger Grenzmann, der am 31. März 2017 verstorben ist.

Fast sein gesamtes akademisches Leben lang hat Ludger Grenzmann am Seminar und in der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen gewirkt. Als leidenschaftlicher Philologe und akademischer Lehrer hat er für Generationen von Studierenden die ältere deutsche Literatur und Sprache lebendig werden lassen. Dabei gab Ludger Grenzmann ein Beispiel dafür, dass erst die Verbindung von älterer und neuerer deutscher Philologie einen Germanisten ausmacht, dass aber auch die Germanistik insgesamt wiederum von interkulturellen Beziehungen lebt.

Ludger Grenzmanns Forschungsinteressen reichten vom Höfischen Roman des Mittelalters über die Fachprosa bis hin zur Romantik. Schon seine Dissertation, eine Arbeit zur Überlieferungsgeschichte des Traumbuchs Artemidori in der ersten Übersetzung ins Deutsche durch W. H. Ryff (aus dem 16. Jahrhundert), hatte sich über die Aufspaltung der Germanistik in Teilfächer hinweggesetzt. So hat sich Ludger Grenzmann nicht von ungefähr auch einen Namen als Eichendorff-Forscher gemacht.

Was Ludger Grenzmann aber besonders auszeichnete, waren sein Engagement in der Lehre und sein Einsatz für die Förderung der akademischen deutsch-französischen Beziehungen. Schon bevor es die heute etablierten Erasmus-Programme gab, betreute Ludger Grenzmann seit 1970 das drei Jahre zuvor von dem französischen Germanisten Pierre Bertaux ins Leben gerufene Austauschprogramm "Programme d'études en Allemagne" für französische Studierende der Germanistik an deutschen Hochschulen, an dem zahlreiche Studierende aus verschiedenen französischen Universitäten teilgenommen haben. Das Programm ist eines der ältesten Programme des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) und zugleich eines der langfristigsten seiner Art an der Georg-August-Universität Göttingen. Seit 1989 organisierte Ludger Grenzmann außerdem als Erasmus-Beauftragter die Kontakte des Seminars nach Frankreich und leistete auch hier Wegweisendes: Er führte interdisziplinäre Seminare ein und entwickelte bereits Anfang der Neunzigerjahre gemeinsam mit der Universität Besançon das "Certificat binational" – lange vor den späteren integrierten internationalen Studiengängen mit Doppelabschluss, mit denen Universtitäten heute ihre Attraktivitität zu steigern suchen. Mit seinen Kontakten zu den Universitäten Rouen (seit 2004) und Clermont-Ferrand (seit 2006) konnte er das Angebot an Austauschmöglichkeiten noch erweitern.

In Anerkennung dieser Leistungen ehrte ihn zunächst der DAAD 2009 für sein Engagement mit dem Erasmus-Preis. Einen Höhepunkt bedeutete ein Jahr später die feierliche Ernennung zum "Chevalier dans l'Ordre des Palmes académiques" durch das französische Bildungsministerium für Ludger Grenzmanns herausragende Verdienste in der deutsch-französischen Zusammenarbeit auf Universitätsebene.

Nach Göttingen gekommen war Ludger Grenzmann (geboren am 26. April 1939) im Jahr 1965 als wissenschaftliche Hilfskraft seines akademischen Lehrers Prof. Dr. Karl Stackmann, wo er am Seminar für Deutsche Philologie in verschiedenen Positionen, schließlich als akadmischer Oberrat tätig war. Im Jahr 2004 schied er aus dem Dienst aus, trat aber als Lehrender nicht in den Ruhestand, sondern widmete sich weiter seinen deutschen und französischen Studierenden. Auch in der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen hat sich Ludger Grenzmann bleibende Verdienste erworben. In seiner Tätigkeit als Mitherausgeber zahlreicher Sammelbände der Kommission zur Erforschung des Spätmittelalters war er bis zuletzt, trotz schließlich zunehmender gesundheitlicher Einschränkungen, ein Garant für den Erfolg der umfänglichen und vielbeachteten Publikationen.

Zweifellos hat die besondere persönliche Note, die Ludger Grenzmann jedem wissenschaftlichen Gespräch zu geben wusste, auch zu der besonderen persönlichen Anerkennung beigetragen, die er erfahren hat. Sie schlägt sich etwa nieder in den Beiträgen der ihm und seinem akademischen Freund Dr. Helmut Göbel gewidmeten Festschrift aus dem Jahre 2014. Ohne Ludger Grenzmann, der auf seine dezente und liebenswürdige Art das akademische Leben im Seminar für Deutsche Philologie mit geprägt hat, wäre nicht nur dessen Entwicklung, sondern auch mancher akademische Bildungsgang in der Göttinger Germanistik anders verlaufen. Nach schwerer Krankheit ist Ludger Grenzmann im Alter von 77 Jahren verstorben.