12. Juni 2015: Die "Cellistin von Auschwitz" Anita Lasker-Wallfisch nimmt das Göttinger Auschwitz-Cello in Augenschein

Ein Zeugnis des Holocaust in der Musikinstrumentensammlung der Universität Göttingen


In der Musikinstrumentensammlung der Universität Göttingen befindet sich unter der Inv.-Nr. 376 ein um 1900 von Leopold Mitsching in Elberfeld gebautes Violoncello, bei dem es sich um ein Zeugnis und dingliches Mahnmal des Holocaust handelt. Der Vorbesitzer Hermann Johannes Moeck (1896-1982), Musikverleger und Instrumentenfabrikant im vom ehemaligen Konzentrationslager Bergen-Belsen nur 24 km entfernten Celle, hatte es zwischen 1945 und 1956 unter nicht näher überlieferten Umständen für seine private Musikinstrumentensammlung erworben und notiert dazu in dem 1956-58 angelegten Karteikarten-Inventar handschriftlich: "Stammt aus dem Konzentrationslager Auschwitz", sowie in einer 1963 zusammengestellten Verkaufsliste: "Nicht besonders. Ist deshalb der Sammlung einverleibt, weil es aus dem Konzentrationslager Auschwitz stammt." Als Bestandteil der Sammlung Moeck gelangte dieses Cello 1964 in den Besitz der Universität Göttingen. Weiterführende Informationen zum Hintergrund der alten Inventarangaben waren bei unseren Nachforschungen in den Jahren 2002 und 2010 von den Nachkommen Dr. Hermann Alexander Moeck (1922-2010) und Sabine Haase-Moeck jedoch nicht mehr erhältlich.

Erschütternde Einblicke in den hier bezeugten objektbiographischen Kontext gewähren die Erinnerungen der einstmaligen Cellistin des Mädchenorchesters von Auschwitz, Überlebenden des Konzentrationslagers Bergen-Belsen und späteren Mitbegründerin des English Chamber Orchestra Anita Lasker-Wallfisch: Inherit the Truth, 1939-1945, London: Giles de la Mare, 1996. (Deutschsprachige Übersetzung: Ihr sollt die Wahrheit erben: Die Cellistin von Auschwitz. Erinnerungen. Bonn: Weidle Verlag, 1997.)

Am 12. Juni 2015 bot sich die Gelegenheit, dieses Cello im Rahmen eines von der Hamburgischen Vereinigung von Freunden der Kammermusik e.V. veranstalteten und von dem Musikjournalisten und 1. Vorsitzenden der HVFK Ludwig Hartmann moderierten Gesprächskonzerts mit Anita Lasker-Wallfisch, ihrem Sohn, dem international renommierten Cellisten Raphael Wallfisch, und ihrem Enkel, dem Sänger und Cellisten Simon Wallfisch, öffentlich zu präsentieren. Die Veranstaltung fand am Freitag, den 12. Juni 2015, um 19:00 Uhr im Kleinen Saal der Laeiszhalle in Hamburg, Johannes-Brahms-Platz, statt und wurde vom NDR aufgezeichnet. Auszüge daraus wurden am 21.06.2015 um 18:00 Uhr und am 23.06.2015 um 21:00 Uhr auf NDR kultur gesendet.

Frau Lasker-Wallfisch hat das Cello bei dieser Gelegenheit in Augenschein genommen, konnte aber die Vermutung, dass es sich eventuell um das seinerzeit von ihr in Auschwitz gespielte Exemplar handeln könnte, letztlich weder bestätigen noch entkräften. (Die Wahrscheinlichkeit, dass dies der Fall sein würde, war freilich von vornherein relativ gering gewesen, da es im Konzentrationslager Auschwitz und seinen verschiedenen Außenlagern neben dem Mädchenorchester von Birkenau noch sechs oder sieben Männerorchester gab.) Raphael Wallfisch stimmte das Instrument und spielte darauf eine kurze Passage.

Weitere Informationen zu und Berichte über diese Veranstaltung bieten die nachfolgend genannten und verlinkten Internetquellen:



Weitere Informationen zu Anita Lasker-Wallfisch als Zeitzeugin finden Sie hier:




Es folgen Hinweise auf Holocaust-Gedenkstätten, -Archive und -Online-Datenbanken, insbesondere Links zum Konzentrationslager Auschwitz und seinen Orchestern sowie Links zu Quellen über drei weitere Cellisten in Auschwitz, auf die wir bei unseren Recherchen bislang gestoßen sind: Maria Kröner, den Sohn von Perla Mark aus Czernowitz und Alfred Knoller aus Wien:

  • Yad Vashem:
    http://www.yadvashem.org/
  • Yad Vashem:
    Digital Collections Online Database: Search for "camp orchestra":
    http://collections1.yadvashem.org/search.asp?lang=ENG&rsvr=7
  • Yad Vashem:
    Digital Collections:
    "Das Auschwitz-Album":
    http://www.yadvashem.org/yv/de/exhibitions/album_auschwitz/index.asp
  • Auschwitz-Birkenau Memorial and Museum:
    http://auschwitz.org/en/
  • Auschwitz-Birkenau Memorial and Museum:
    Digital Collections Online Database:
    "Historical Pictures and Documents":
    "Life and Work"
    http://auschwitz.org/en/gallery/historical-pictures-and-documents/life-and-work,8.html
  • Claude Torres, Montpellier:
    Website "Musique dans les Camps de Concentration et les Camps d'Extermination",
    Quellensammlung zur Musik in den NS-Konzentrations- und Vernichtungslagern, insbesondere Auschwitz I und Auschwitz-Birkenau, darunter bildliche Darstellungen sowohl des Mädchenorchesters als auch eines Männerorchesters beim morgendlichen Auszug der Gefangenen zum Zwangsarbeitseinsatz und bei ihrer abendlichen Rückkehr:
    http://claude.torres1.perso.sfr.fr/GhettosCamps/MusiqueCamps1.html
  • Claude Torres, Montpellier:
    Website "Orchestre des femmes à Auschwitz-Birkenau, Avril 1943 - Octobre 1944",
    aus verschiedenen Quellen zusammengestellte Mitgliederliste und -zeitleisten-synopsis zum Mädchenorchester des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau, darin der Hinweis auf die Cellistinnen Maria Kröner (Mitglied ab Juni 1943, ermordet im Juli 1943, in der Shoa-Opfer-Datenbank von Yad Vashem nicht nachweisbar) und Anita Lasker-Wallfisch (Mitglied ab Dezember [nicht September!] 1943):
    http://claude.torres1.perso.sfr.fr/GhettosCamps/Camps/OrchestreDesFemmes.html
  • United States Holocaust Memorial Museum:
    http://www.ushmm.org/
  • United States Holocaust Memorial Museum:
    Filmdokumentation des Adolf-Eichmann-Prozesses: Sitzung 48 am 23. Mai 1961:
    "Testimony from Perla Mark who describes the burning of the main synagogue in Czernowitz and the murder of Jews including her husband, the town's chief rabbi. Mark gives an account of the deportation of her son and brother to Theresienstadt. She states that her brother died in Theresienstadt and that her son was sent to Auschwitz, where he was forced to play cello in the camp orchestra [and murdered in 1944]."
    http://www.ushmm.org/online/film/display/detail.php?file_num=2162
  • United States Holocaust Memorial Museum:
    "Oral history interview with Fred [Alfred, Freddie] Knoller", geführt vom Imperial War Museum 1985:
    "[...] describes [...] moving to a children's camp in Brussels, Belgium; playing cello in adult camp orchestra; leaving the camp in May 1940 [...]; being transported to Auschwitz in November 1943; attempting [in vain] to get into the camp orchestra; [...]; being marched to Dora in November 1944 [...]."
    http://collections.ushmm.org/search/catalog/irn510850