Victoriahaus

112 Jahre Victoria in Göttingen

(bis 2015)

Seit 1903 verfügte der Botanische Garten der Universität Göttingen auch über ein Victoriahaus. In den Sommermonaten war hier die südamerikanische Riesen-Seerose Victoria zu sehen, deren Schwimmblätter bis 1,8 m Durchmesser erreichen und die im Hoch- und Spätsommer abends ihre 30 cm großen Blüten öffnet. Um dem Publikum das Naturschauspiel zugänglich zu machen, lädt der Botanische Garten alljährlich zu den "Victoria-Nächten" ein, und während dieser Woche mit verlängerten Öffnungszeiten (täglich von 11.00-21.30 Uhr), besuchen Tausende von Göttingern und Auswärtigen "ihre" Victoria.
Umrahmt war die spektakuläre Victoria von tropischen Seerosen mit blauen und violetten Blüten, Passionsblumen, Pfeifenwinden, Gurkengewächsen mit bizarren Früchten etc.


Victoria_cruziana


Wie ein Gewässer im tropischen Südamerika: Die riesigen Schwimmblätter der Victoria bedeckten die Wasserfläche, davor die bizarren Brettwurzeln von Pachira aquatica.


Nymphaea_Moore


Herrliche tropische Seerosen bildeten einen würdigen Hofstaat für die Victoria.


Hymenocallis_caribaea


Das Wasserbecken wurde umrahmt von tropischen Sumpfpflanzen, hier Hymenocallis caribaea.


Tillandsia_usneoides


Das "Louisiana-Moos" (Tillandsia usneoides) lebt, wächst und blüht völlig wurzellos als Aufsitzerpflanze in den Bäumen. Wasser und Nährstoffe nimmt es nur über seine mit Saugschuppen bedeckte Oberfläche auf.

Abrissarbeiten im Botanischen Garten: Platz für Neues (Okt. 2015)

Liebe Freunde des Gartens,

ich möchte Sie aus erster Hand informieren über die dramatischen Veränderungen, die derzeit bei uns zu beobachten sind: Auch im Göttinger Tageblatt und in anderen Medien wurde bereits darüber berichtet. Hier jedoch, auch in Absprache mit unserem Gartendirektor Herrn Prof.Dr. Erwin Bergmeier, zu Ihrer Information noch einmal unsere "Vollversion". Freuen Sie sich mit uns über die großartige Chance, die uns hier gegeben ist:

Abrissarbeiten im Botanischen Garten:
Platz für Neues



Abriss

Mitten im Botanischen Garten fanden derzeit Abrissarbeiten statt. Betroffen sind die 5 kleinen, nicht öffentlich zugänglichen Versuchsgewächshäuser sowie auch das Victoriahaus, das mit seinem farbenfrohen Pflanzenbestand rings um das Wasserbecken mit der Riesenseerose Victoria in den Sommermonaten das populärste Haus des Gartens war. All diese Häuser gehören NICHT zu den historischen, denkmalgeschützten Anlagen des Gartens, sondern stellen funktionelle Fünfziger-Jahre-Bauten dar, die bezüglich Energiekosten, Technischer Einrichtung, Arbeitssicherheit etc nicht mehr zeitgemäß sind.

Der "Verlust" für die Besucher des Gartens ist dabei unterschiedlich groß:
Die Versuchshäuser entstammen einer Zeit, als der Botanische Garten vor allem eine Forschungseinrichtung des "Pflanzenphysiologischen Instituts" war und das Publikum keine große Rolle spielte. Nur so war zu erklären, dass sich im Botanischen Garten Göttingen ausgerechnet an zentralster Stelle im Herzen der Anlage nicht wie in anderen Botanischen Gärten selbstverständlich das spektakulärste Schaugewächshaus, sondern kleine abgeschlossene Versuchshäuser befanden, die sich noch dazu nach vorne mit einem überdimensionierten Verbinder-Vorbau in schmuckloser Backsteinbauweise präsentierten.
Anzuchten hunderter Jungpflanzen für pflanzenphysiologische Versuche und die Lehrveranstaltungen im botanischen Grundunterricht spielten damals eine große Rolle und schienen den sukzessiven, aber baulich und energiekostenmäßig wenig sinnvollen Bau fünf zum Teil sehr kleiner, separater Anzuchthäuser zu rechtfertigen.
Jahrzehnte später haben klassische pflanzenphysiologische Versuche keine derartige Bedeutung mehr, und in vielen Disziplinen des biologischen Unterrichtes wird auf den Einsatz echter Pflanzen zur Demonstration mehr und mehr verzichtet. Der Bedarf an diesen Häusern war also in den letzten Jahren sehr eingeschränkt, so dass der Entschluss zu ihrer Stilllegung aus technischen Gründen von den Betreibern leicht zu treffen war und das Publikum sie kaum vermissen wird.

Anders das Viktoriahaus:
Das derzeitige Viktoriahaus war ebenfalls ein Bau der Nachkriegszeit und in Bezug auf technischen Standard, Energiekosten, Elektrik und Sicherheit für Mitarbeiter und Besucher ebenso veraltet. Anders als die Versuchshäuser ist das Viktoriahaus jedoch das populärste Haus des Gartens, und seit der Einführung der "Viktoria-Nächte" in den Neunziger Jahren kommt unsere Viktoria und damit Garten und Hochschule alljährlich norddeutschlandweit in die Medien. Jeden Sommer finden allein während der einwöchigen Viktoria-Nächte ca. 5000 Besucher, teilweise von weit anreisend, den Weg in unseren Garten, und der Ansturm der allabendlichen Besuchermassen war in dem kleinen, engen, nicht behindertengerechten Gewächshaus immer schwerer zu bewältigen. Zudem war das Becken zum Schluss ständig undicht und die Wege dadurch nass, veralgt und glatt !

Zentraler Blickfang war die tropische Riesenseerose Victoria cruziana, umrahmt wurde sie von einem "Hofstaat" aus anderen Tropischen Sumpf- und Wasserpflanzen, Orchideen und Bromelien, Tropischen Nutzpflanzen etc. Das Pflanzensortiment aus unserem Viktoriahaus ist dabei von überragender Qualität und kann sich mit dem vergleichbarer Anlagen in München und Berlin, Frankfurt und Dresden messen, war aber zum Schluss viel zu beengt untergebracht und z.B. für Schulführungen kaum mehr zu präsentieren.

Gewaechshaeuser

Der Abriss der genannten maroden Häuser bietet nun einzigartige Chancen. Auf der dadurch frei werdenden großen Fläche an zentralster Stelle im Botanischen Garten kann ein neues, großes Viktoriahaus entstehen, das zahlreiche Erfordernisse und Wünsche miteinander verbindet:

ein baulich zeitgemäßes Gewächshaus:
ein neues, von einer Fachfirma errichtetes Standardgewächshaus würde dank zeitgemäßer Materialien bei gleicher Nutzung die Energiekosten reduzieren und den Mitarbeitern und Besuchern eine technisch zufriedenstellendes Haus bieten.

großzügige Platzverhältnisse für ein völlig verändertes Anforderungsprofil:
anders als in den Fünfziger Jahren ist der Botanische Garten heute eine stark frequentierte Anlage mit 100.00 Besuchern/a, die weit über ihre Funktion für Forschung und Lehre hinaus von der Universitätsleitung als für das Image der Universität unverzichtbar wichtig wahrgenommen wird. Ein neues Haus würde mit anders konzipierter Raumausnutzung dem Besucheransturm besser gerecht werden und Platz für neue Konzepte der Öffentlichkeitsarbeit und Imagebildung bieten.

Ausgeweitete Schülerarbeit (Stichwort "lebenswissenschaftliches Schülerlabor", "B-Lab").
Die vom Präsidium initiierten Konzepte zur Stärkung der Schülerarbeit scheiterten bisher im Botanischen Garten nicht am fehlenden Material (alle relevanten Pflanzen und Themen sind in Göttingen von jeher vorhanden!), sondern an den mehr als unzulänglichen Platzverhältnissen. In einem neuen Viktoriahaus könnten diese Konzepte umgesetzt werden.

Bei Konzeption und Bau eines neuen Gewächshauses kann auf die gute Vernetzung innerhalb des Vebandes Botanischer Gärten zurückgegriffen werden, und die Erfahrungen mehrerer Botanischer Gärten, die derzeit gerade neue Gewächshäuser gebaut haben, können uns zu gute kommen. Der Preis für ein derartiges, technisch zeitgemäßes und ausreichend großes Haus würde sich nach ersten Erkundigungen in Botanischen Gärten und bei Firmen auf ca 150.00 bis 200.000 ? belaufen.

DAS IST DOCH FUER EINEN SPONSOR NICHT VIEL GELD !!! ;-)


Und wo sind nun all die schönen Pflanzen aus dem Viktoriahaus hin ??? !!!

Keine Sorge, da sind wir doch Profis !
Die Viktoria ist das geringste Problem: unsere Freunde wissen ja längst, dass diese riesige Pflanze unglaublichwerweise alljährlich aus einem Samenkorn erwächst, die Victoria kann also in Form der dieses Jahr geernteten Samen die Zeit bis zum nächsten Viktoriahaus möhelos im Tief- und Schönheitsschlaf verbringen.
Ansonsten haben unsere vortrefflichen Gärtner - unterstützt durch ein paar fantastische Freiwillige Studenten - wieder mal das Unmögliche möglich gemacht und innerhalb weniger Tage den gesamten Pflanzenbestand in Form von Stecklingen, kleinen Teilpflanzen etc. vermehrt und gerettet. Wir haben nicht vor, auch nur eine einzige Art dabei zu verlieren.

Derzeit ist also der gesamte Bestand des ehem. Viktoriahauses in kleinsten Töpfen auf wenigen Quadratmetern in anderen Gewächshäusern untergebracht. Jahrelang lassen sich diese Pflanzen freilich nicht in diesem Zustand bei Laune halten, wollen wir also hoffen, dass es nicht so lange dauert mit dem neuen, grandiosen Viktoriahaus ! ;-)


Herzliche Grüße aus dem Garten,
Ihr
Michael Schwerdtfeger


Dr. Michael Schwerdtfeger
Gartenkustos (Curator)

Georg-August-Universität Göttingen
Alter Botanischer Garten
Untere Karspüle 2
D-37073 Göttingen
0049 (0)551 39 57 55
0049 (0)551 99 64 651 (mobil)
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