Kunstgeschichtliches Seminar

Gilly · Weinbrenner · Schinkel
Baukunst auf Papier zwischen Gotik und Klassizismus

13. November 2015 - 18. September 2016

Ausstellungskonzept und Leitung:
PD Dr. Christian Scholl und Dr. Marion Hilliges


Ausstellung Gilly Weinbrenner Schinkel PlakatDie Ausstellung

Die Kabinettausstellung führt vier bed­eu­tende Stich- und Zeichnungs­konvolute klassi­zistischer Architekten aus der Universitäts­kunst­sammlung und der Universitäts­bibliothek Göttingen zusammen. Alle Blätter zeigen jeweils individuelle Auseinander­setzungen der Architekten mit be­ste­henden Bauten, für die eine neue Nutzung diskutiert wurde.

Zusammen mit aus­gestellten Schriften geben sie in besonderer Weise Einblicke in die vernetzte Welt der Baumeister um 1800.


Friedrich Gillys Entwürfe für den Umbau eines Spritzenhauses in ein Theater in Stettin

Friedrich Gillys Entwürfe für den Umbau eines Spritzenhauses in ein Theater in Stettin sind die frühesten Zeichnungen überhaupt, die sich von dem jungen Architekten erhalten haben. Bereits 1787 übertrug der in Stettin als preußischer Oberbaudirektor wirkende Vater David Gilly seinem begabten Sohn das Umgestaltungsprojekt. Die wohl noch in Stettin begonnenen und in Berlin ausgeführten Zeichnungen bestechen durch ihre besonders aufwändige Präsentation und herausragende zeichnerische Qualität. Nach einer umfassenden Restaurierung im letzten Jahr können die Zeichnungen nun erstmals der Öffentlichkeit präsentiert werden.


Friedrich Weinbrenners Entwürfe zum Umbau der Göttinger Paulinerkirche zur Universitätsbibliothek

Von dem namhaften badischen Architekten Friedrich Weinbrenner sind fast nur klassizistische Bauten und Projekte bekannt. Umso bedeutender sind die in der Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen erhaltenen Entwürfe zum Umbau der Paulinerkirche, die seine eigene Auseinandersetzung mit der Gotik zeigen. Während seines Aufenthaltes in Hannover zu Beginn des Jahres 1802 wurde Weinbrenner gebeten, einen Entwurf beizusteuern, den er noch in demselben Jahr anfertigte und 1803 nach Göttingen schickte. Etwa zeitgleich entwarf er auch den Gotischen Turm im Erbprinzengarten in Karlsruhe, der noch heute als Höhepunkt sentimental-romantischer Inszenierung im fürstlichen Park gilt. Zum 250. Geburtstag des Architekten präsentiert die Kunstsammlung Göttingen mit den qualitätvollen lavierten Federzeichnungen zum Umbau der Paulinerkirche eine bislang vernachlässigte Facette seines Schaffens.


Friedrich Fricks Aquatinta-Serie nach Friedrich Gillys Zeichnungen der Marienburg in Westpreußen

Marienburg Westpreußen GillyAls David Gilly 1794 die Marienburg in Westpreußen besuchte, sollte er eigentlich deren Abbruch organisieren. Sein mit ihm reisender Sohn Friedrich Gilly verfiel jedoch der Faszination der gotischen Deutschordensritterburg. Er schuf Zeichnungen, die 1795 auf der Berliner Akademieausstellung gezeigt wurden und großes Aufsehen erregten. Auf dieser Grundlage publizierte Friedrich Frick zwischen 1799 und 1803 die Aquatinta-Serie "Stadt und Schloss Marienburg in Preussen". Frick schöpft die Möglichkeiten der druckgraphischen Technik Aquatinta voll aus, um das alte Backsteingebäude in seiner Atmosphäre und Materialität anschaulich werden zu lassen. In einer Zeit, als der Rang mittelalterlicher gegenüber antiker Architektur noch umstritten war, wurde damit ein wirkmächtiges Plädoyer für deren Wert publiziert, das maßgeblich zum Erhalt der Anlage beitrug. Folgenreich war schließlich auch Gillys historisierende Sicht auf die Marienburg, die den Grundstein für deren Umdeutung zu einem preußischen Nationaldenkmal legte.


Karl Friedrich Schinkels Entwürfe eines Palastes auf der Akropolis in Athen

Als "anmuthige[s] Feenmärchen" hat Leo von Klenze den Palast bezeichnet, den Karl Friedrich Schinkel 1832-34 als Regierungssitz für König Otto von Griechenland entwarf. Der Berliner Architekt erträumte einen Baukomplex auf dem Plateau der Athener Akropolis, zwischen den ehrwürdigen Ruinen von Propyläen, Parthenontempel und Erechtheion. Was heute der Albtraum eines jeden Archäologen wäre, bedeutete für den Klassizisten Schinkel die Einlösung einer bildungsbürgerlichen Utopie: Nach dem siegreichen Ende des Befreiungskampfs der Griechen im Jahr 1832 sah er die Möglichkeit, die "altgriechische Baukunst [...] auf die Bedingungen unserer neuen Weltperiode" zu erweitern und das lange Zeit verloren geglaubte Griechenland-Ideal real werden zu lassen. Umso schwerer fiel ihm die Einsicht, dass seine Pläne jede Realisierbarkeit überstiegen. Als "Werke höherer Baukunst, zur Ausführung bestimmt" veröffentlichte Schinkel sie 1840-43. Das aufwändige Mappenwerk besticht durch den visionären Charakter der Architektur und durch druckgraphische Perfektion – verbunden mit der beruhigenden Gewissheit, dass dieses Projekt nicht ausgeführt wurde.

Baukunst auf Papier Schinkel Akropolis





GiWeiSchi Der Katalog


Gilly - Weinbrenner - Schinkel
Baukunst auf Papier zwischen Gotik und Klassizismus

Marion Hilliges, Christian Scholl (Hrsg.)

Erschienen im Universitätsverlag Göttingen, DIN A4, 194 Seiten mit zahl­reichen S/W- und Farb­abbildungen; ISBN13: 978-3-86395-264-8.

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