Markus Kessel: "Aus Negern Afrikaner machen". Die Vermittlung subsaharisch-afrikanischer Literaturen in deutscher Übersetzung seit Ende der 1970er Jahre. Berlin: Saxa-Verlag 2011. 380 Seiten. ISBN 978-3-939060-27-7. € 29,90
"Kompletter Mist, alles nur wertlose Sachen" - dieses apodiktische Urteil über die Literaturen Afrikas fällte Marcel Reich-Ranicki 1986 vor einem exklusiven Kreis hessischer Wirtschaftsvertreter. Und folgt man der Auffassung vieler Beobachter der Szene, so scheint sich darin ein durchaus exemplarischer Blick auf Afrika als geschichts- und kulturlosen Krisenkontinent ohne nennenswerte literarische Errungenschaften auszudrücken. Bei näherer Betrachtung ergibt sich jedoch ein weniger düsteres Bild. Zum Glück für die Vielfalt des Buchmarktes hat es in den letzten Jahrzehnten immer wieder engagierte Versuche gegeben, die Literaturen Afrikas auch im deutschsprachigen Raum an den Leser zu bringen. Diese Initiativen und die Akteure, von denen sie ausgingen, sind das Thema von Markus Kessels Studie über "Die Vermittlung subsaharisch-afrikanischer Literaturen in deutscher Übersetzung seit Ende der 1970er Jahre". Im Gegensatz zu vielen vorliegenden Beiträgen bemüht sich Kessel dabei durchgehend um eine kritische Distanz gegenüber dem Gegenstand. Funktion und Wert der afrikanischen Literaturen werden nicht einfach vorausgesetzt, sondern vielmehr als das Ergebnis von Vermittlungshandlungen im literarischen Feld der deutschsprachigen Zielkultur betrachtet. Rekonstruiert wird die Positionierung der afrikanischen Literaturen mittels einer Inhaltsanalyse von mehreren hundert Quellentexten. Die hierbei verwendeten Kategorien werden theoretisch begründet, systematisch expliziert und anhand zahlreicher Beispiele veranschaulicht. Die Ergebnisse zeigen eine überwiegend heteronome, parteilich für die Kulturen Afrikas engagierte Praxis, die sich treffend als "advokatorische Literaturvermittlung" bezeichnen lässt. Damit wird erstmals ein Handlungstyp innerhalb des literarischen Feldes beschrieben, den die überwiegend auf die Kritik von hegemonialen Machtverhältnissen konzentrierte Forschung bislang ausgeblendet hat. Darüber hinaus gelingt Kessel eine plausible Einordnung seiner deskriptiven Befunde in den sozialgeschichtlichen Kontext der 1970er und 1980er Jahre, der vom postmaterialistischen Werte- und Mentalitätswandel sowie der durch die "Neuen sozialen Bewegungen" gebündelte Kritik an den Folgelasten der industriellen Modernisierung geprägt wird. Für den Zeitraum seit den 1990er Jahren ergibt sich der Befund einer konzeptionellen Neuausrichtung der Vermittlungspraxis: An die Stelle der literarischen Advocacy tritt ein professionalisiertes Engagement für die Verlagsprogramme, das auch mit einer zunehmenden Herausarbeitung spezifisch literarischer und hedonistischer Qualitäten der Texte aus Afrika einhergeht und als Reaktion auf den bis heute geringen Vermarktungserfolg begriffen werden kann. Am Beispiel eines interessanten Nischenbereichs zeigt Markus Kessel die Möglichkeiten einer deskriptiven, methodisch transparenten und auch historische Entwicklungen einbeziehenden Soziologie der literarischen Übersetzung auf.
Bernadette Kalkert: Paradigmen literarischer Wertung und Kanonisierung in der amerikanischen Gesellschaft des 20. und 21. Jahrhunderts untersucht am Beispiel von Bret Easton Ellis. Salzhemmendorf: Blumenkamp-Verlag 2011. 470 Seiten. ISBN 978-3-942958-00-4. € 34,00
"Great American novelist – it's time to add Bret Easton Ellis to the canon", schreibt Jonathon Keats in der Online-Zeitung Salon am 22. Januar 1999. Aber wie ist es wirklich um die Kanonisierung des Autors bestellt? Bernadette Kalkert untersucht am Beispiel von Ellis' Romanen zentrale Paradigmen literarischer Wertung in der amerikanischen Öffentlichkeit und Wissenschaft. Der Vorgang der Kanonisierung wird am 'lebenden Objekt' nachvollzogen, die verschiedenen Faktoren, die zur Aufnahme in einen literarischen Kanon führen, werden identifiziert und hierarchisiert. So liefert die Untersuchung des Fallbeispiels Ellis, der vor allem mit seinem 'Skandalroman' American Psycho Furore machte, Erkenntnisse über allgemeine Funktionen und Prozesse der Entstehung, Entwicklung und Festschreibung eines literarischen Traditionsbestandes.
Katrin Blumenkamp: Das "Literarische Fräuleinwunder". Die Funktionsweise eines Etiketts im literarischen Feld der Jahrtausendwende. Münster u.a.: LIT-Verlag 2011. 432 Seiten. ISBN 978-3-643-10920-0. € 39,90
In einem "Spiegel"-Artikel sprach Volker Hage von einem "literarischen Fräuleinwunder" und erfand damit ein literarisches Etikett, das sich weit über das Jahr 1999 hinaus fortgetragen hat. Trotz harscher Kritik und wiederholten Totsagungen kursiert es auch 2010 noch in den Feuilletons, es geistert durch Anthologien, Sammelbände und Literaturgeschichten. Am Fallbeispiel des "literarischen Fräuleinwunders" zeigt diese Studie, wie literarische Etiketten eingeführt, verbreitet und tradiert werden. Nicht nur die literarischen Texte stehen im Mittelpunkt, sondern auch die Literaturkritik, die Inszenierungen der "Fräuleinwunder"-Autorinnen sowie der gesellschaftliche Kontext von "Erlebnisgesellschaft" und "New Economy". Die Korpusuntersuchung widmet sich den Schriftstellerinnen Nadine Barth, Tanja Dückers, Karen Duve, Alexa Hennig von Lange, Judith Hermann, Amélie Nothomb und Birgit Vanderbeke.