Institut für Regionalforschung e.V.

26/03/2013:
Einkommenspolarisierung ist gesamtwirtschaftlich schädlich

In einem Beitrag für die Zeitschrift Wirtschaftsdienst setzen sich zwei Wissenschaftler des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) mit den Folgen der ungleichen Verteilung von Einkommen und Vermögen auseinander. Ihrer Einschätzung nach bremst die ungleiche Einkommensverteilung das Wirtschaftswachstum und befördert eine volkswirtschaftlich problematische Exportorientierung.

Wie die Autoren Karl Brenke und Gert G. Wagner schreiben, sei es in jüngerer Vergangenheit zu einem deutlichen Auseinanderdriften bei der Verteilung der Erträge aus der gesamtwirtschaftlichen Leistung gekommen. Das zeige sich besonders deutlich, wenn die Einkünfte der privaten Haushalte denen der Kapitalgesellschaften gegenübergestellt würden. So seien die Gewinne der Kapitalgesellschaften vor Steuern schon seit 2002 schneller gestiegen als die Primäreinkommen der privaten Haushalte.

Divergierende Entwicklungen zeigten sich auch, wenn man allein die Einkommen der Privathaushalte betrachte. Ein Auseinanderdriften zeige sich vor allem hinsichtlich der einzelnen Einkommensquellen. Während die Vermögenseinkommen und die Selbständigeneinkünfte hätten zulegen können, sei der Lohnanstieg seit Beginn der vergangenen Dekade deutlich hinter dem Anstieg der Wirtschaftsleistung zurückgeblieben. Auch wenn man die Perspektive wechsle und von der gesamtwirtschaftlichen Lohnsumme hin zu den Stundenlöhnen schwenke, bleibe der Befund der gleiche. Seit der Jahrtausendwende seine die realen Stundenlöhne laut amtlicher Volkswirtschaftlicher Gesamtrechnung bis zum Jahr 2012 gerade einmal um 3 Prozent netto (2 Prozent brutto) gestiegen, wobei erst die jüngste, etwas bessere Lohnentwicklung für dieses Plus gesorgt habe.

Die Auseinanderentwicklung der funktionalen Einkommen und damit die gewachsene soziale Ungleichheit habe zu einem veränderten Spar- und Ausgabeverhalten in breiten Teilen der Bevölkerung geführt, in dessen Folge im Inland zu wenig an Gütern verbraucht, also zu wenig konsumiert werde. Volkswirtschaftlich habe dies zu einem übermäßig auf Exporterfolge ausgerichteten wirtschaftlichen Wachstumsmodell geführt. Dies sei strukturell problematisch, da die deutsche Volkswirtschaft zwar leistungsfähig, aber auch außerordentlich stark vom Außenhandel abhängig sei.

Da die mit der gewachsenen Einkommensungleichheit einhergehende Unterkonsumption schädlich sei, sollte Deutschland nach Ansicht der Autoren besser Abschied von dem stark auf den Export ausgerichteten Wachstumsmodell nehmen, das die inländische Nachfrage hemme. Erforderlich sei dafür zumindest eine Lohnpolitik, die über Lohnsteigerungen den Verteilungsspielraum ausschöpfe. Über hohe Lohnsteigerungsraten hinaus „wäre es – nicht nur aus verteilungspolitischen oder Gerechtigkeitsgründen, sondern auch im Interesse makroökonomischer Stabilität denkbar, in Deutschland das Rad der Umverteilung hin zu den hohen Einkommen und Vermögen in die andere Richtung zurückzudrehen.“

Quelle: Brenke, K./ Wagner, G. G. (2013): Ungleiche Verteilung der Einkommen bremst das Wirtschaftswachstum. In: Wirtschaftsdienst, 93. Jg., H. 2, S. 110-116.


Weiterlesen:
Treeck, T.v./ Sturn, S. (2012): Income inequality as a cause of the Great Recession? A survey of current debates, International Labour Office, Genf.

Pickett, K./ Wilkinson, R. (2010): Gleichheit ist Glück – Warum gerechte Gesellschaften für alle besser sind, Berlin (Zusammenfassung).