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Gänseliesel: Meistgeküsstes Mädchen wird 111


Brauch hält sich trotz Kussverbot

Fast auf den Tag genau seit 111 Jahren ziert das Gänseliesel nun schon den Marktplatz in Göttingen. Anfang Juni 1901 hatte sich die „neue Mitbürgerin […] auf dem Marktbrunnen häuslich niedergelassen“, wie das Göttinger Tageblatt am 8. Juni berichtete.

Von Beginn an war das Gänseliesel bei den Bürgerinnen und Bürgern Göttingens sehr beliebt. Unter den Neuimmatrikulierten wurde es zum Brauch, das Gänseliesel zu küssen. Da die Zahl der Studierenden nach dem Ersten Weltkrieg stark zunahm, wurde der Polizei das regelmäßige Treiben auf dem Marktplatz jedoch bald zu bunt. Am 31. März 1926 erließ sie eine Verordnung, die das Klettern auf den Marktbrunnen – und damit das Küssen des Gänseliesels – unter Strafe stellte.

Niemand wollte sich den Brauch nehmen lassen. Der Student Graf Henckel von Donnersmarck wurde in flagranti dabei ertappt, wie er über den Brunnenrand zur Bronzefigur aufstieg und deshalb Strafe zahlen sollte. Weil er sich weigerte, kam es zum „Göttinger Kussprozess“. In seinem Plädoyer argumentierte der Student: „Die gesamte Alma mater Georgia Augusta steht einmütig auf dem Standpunkt der Volksmeinung, dass Küssen keine Sünd‘ ist.“ Er forderte daher: „Geben Sie Kussfreiheit!“ Die Geldstrafe von zehn Reichsmark musste er dennoch zahlen.

Obwohl das Kussverbot bis zu seiner Aufhebung am 7. Juni 2001 – anlässlich des 100. Gänseliesel-Jubiläums – Bestand hatte, wurde es ständig missachtet. So wurde das Gänseliesel zum meistgeküssten Mädchen der Welt und Wahrzeichen Göttingens. Heute besteigen frisch gebackene Doktoranden den Gänseliesel-Brunnen. Die Zeremonie, bei der das Gänseliesel nicht nur geküsst wird, sondern auch einen Blumenstrauß erhält, ist für Besucher aus aller Welt zu einer Attraktion geworden.

Was viele jedoch nicht wissen: Die Bronzefigur auf dem Marktbrunnen ist nur eine Kopie. Nachdem das Original immer wieder beschädigt wurde, befindet es sich seit 1990 im Städtischen Museum.



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