Musik im Körper – Körper in der Musik. Körper an der Schnittstelle von musikalischer Praxis und Diskurs

Internationale Tagung, 4.–6.9.2019, Musikwissenschaftliches Seminar Göttingen

Ungeachtet der Aufmerksamkeit, die der Körper als Wissensspeicher und -medium in anderen Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften erfuhr, spielte der Körper gerade bei Betrachtungen aus musikhistorischer Perspektive bisher kaum eine umfassende Rolle. Diese Beobachtung lässt sich damit erklären, dass sich musikwissenschaftliche Forschung, zumal die historisch geleitete, vielfach auf einen autonomieästhetischen Musikbegriff bezieht, der wesentlich durch „Marginalisierung des Körpers durch die Autonomie des Geistes“[1] bestimmt ist. So stand der Körper – trotz einer dazu im Widerspruch stehenden, unbestreitbaren Präsenz des Körperlichen in sowohl musikproduktiven als auch -rezeptiven Prozessen – bislang als übergreifende konzeptuelle Komponente eines Musikbegriffs nicht zur Verfügung: Zwar spielt Körperlichkeit in musikwissenschaftlichen Annäherungen der Bereiche Affect-, Gender- und Performance-Studies, in denen die Präsenz des Körpers offensichtlicher ist und in der Regel auf den Musiker_innenkörper beschränkt erscheint sowie in der Popularmusikforschung seit dem performative turn eine immer wichtigere Rolle. Doch mündeten diese Annäherungen bisher nicht in einer umfassenderen theoretischen Grundlegung des Musikbegriffs in seiner unhintergehbaren Körperlichkeit. Die Tagung will der Zusammenführung und Diskussion der verschiedenen theoretischen Perspektiven und Anwendungsbereiche in der aktuellen Konjunktur des Körperbegriffs in der Musikwissenschaft ein Forum bieten. Forschungsbeiträge aus möglichst vielen musikwissenschaftlichen Ansätzen werden vertreten sein.

Nun gilt es also, die Auswirkungen herauszuarbeiten, zu diskutieren und zu bündeln, die die Perspektiverweiterung des Musikbegriffs durch einen umfassenden Einbezug des Körpers auf erkenntnistheoretische Debatten der Musikwissenschaft hat. Der Körper stellt „eine, wenn nicht die zentrale Schnittstelle“ der Wissenschaften, die sich „der Erforschung der Musik widmen“, dar.[2]

Diesem Ziel will sich Tagung widmen: Sie soll Wege in eine Grundlagendiskussion über den Körper als zentrale musikwissenschaftliche Kategorie eröffnen und das Potential des Körperbegriffs in seiner Anwendung auf musikalische Gegenstände diskutieren. 


[1]Traudes, Jonas: „Ästhetik und Anstrengung. Performative Körperlichkeit in Gustav Mahlers Sinfonien“. In: Beate Flath u.a. (Hg.): The Body Is The Message. Graz 2012, S. 14–26, hier S. 16.

[2]Hiekel, Jörn Peter und Wolfgang Lessing: Einleitung. In: Dies. (Hg.): Verkörperungen der Musik. Interdisziplinäre Betrachtungen. Bielefeld 2014, S. 7.