Abstract Dissertation


"Geister in Kambodscha – Existenz, Macht und rituelle Praxis" (eingereicht im April 2019)

Meine Dissertation „Geister in Kambodscha – Existenz, Macht und rituelle Praxis“ basiert auf einer 13monatigen Feldforschung. Ausgehend von der Frage nach der Relevanz der Geisterpraktiken in der kambodschanischen Gesellschaft, werden die gewichtigen Rollen von Geistern in Bereichen der Verarbeitung eines traumatischen Vergangenheit, der religiösen Identifikation, der politischen Ermächtigung und des ökonomischen Aufstrebens einer jungen Gesellschaft untersucht. Durch den ethnologischen Zugang und eine innovative, an die Akteur-Netzwerk-Theorie angelehnte Methodik kann im Sinne einer (wieder-) ‚verzauberten Moderne‘ ein emisches Verständnis dieser religiösen Phänomene gewonnen werden, die in ähnlicher Konzeption in ganz Südostasien auftreten.
Meine Arbeit fokussiert drei thematische Schwerpunkte: die höchste Priorität lege ich auf eine dichte Beschreibung der gegenwärtigen Geister und der Ritualpraxis ihrer Geistmedien. Der Forschungsstand dieses Feldes, zu dem bis heute lediglich Alain Forest (1992) und Ang Chouléan (1986) publizierten, erfährt durch meine Arbeit eine lang benötigte Erneuerung, da nach der Zeit der Roten Khmer kein vergleichbares Werk entstand. In ethnologischer Beschreibung lernen Leser_innen nicht nur die Biographien und Lebenswelten der Geistmedien und ihrer Klient_innen kennen, ich begreife die Geister als Akteure mit eigenen Werdegängen und spezifischen Eigenschaften. Dabei zeige ich zugleich, dass aufgrund des nachlassenden Einflusses der Reform-Buddhisten spirituelle Praktiken eine Blütezeit genießen, denn die Zahl der Geistmedien wächst stetig an. Ihre Geister werden als dringend benötigte Ressource von Macht, Heilung, Rat und Sicherheit verstanden – besonders von Vertretern der Mittel- und Oberschicht, die mit ihren ökonomisch geprägten Anliegen eine Triebfeder der spirituellen Praktiken bilden, was ich konzeptionell als prosperity religion (vgl. Jackson 1999) untersuche. Mit dem Engagement der elitären Herrscher des Landes wird – wie auch in anderen Ländern Südostasiens – die rituelle Praxis mit Geistern in Aushandlung zur institutionalisierten Religion legitimiert.
Den zweiten Schwerpunkt bildet meine experimentelle Methodik zur Untersuchung von Geistern. Die Arbeit stellt Geister nicht als symbolische und diskursive Erscheinungen dar, sondern versteht sie, in Weiterführung von Latours Akteur-Netzwerk Theorie (1996, 2005, 2015), als Akteure. Es gelingt mir dabei, die Existenzbedingungen der kambodschanischen Geister zu analysieren und schließlich auf fünf grundlegende Faktoren zu verdichten. Dafür werden Beispiele von der Geist-Werdung des ehemaligen Herrschers der Roten Khmer, Pol Pots, und eines ‚westlich‘ konzipierten Weihnachts-Geistes herangezogen, wobei die Gründe für ihr Erscheinen bzw. ihr Verschwinden dargelegt werden. Außerdem erweitere ich das Konzept der spiritscapes (Endres/Lauser 2011), das ich anhand eines Rückbezugs auf Appadurai (1991) in drei für diese Arbeit produktive Analysekategorien aufschlüssele, nämlich die Austauschbeziehungen, die Mobilitätsbewegungen und die verschiedenen Zeitlichkeiten der kambodschanischen ‚Geisterlandschaft‘ (spiritscapes). Mit der Verknüpfung dieser analytischen Konzepte wird ein methodologisches Model zur Untersuchung von Geistererscheinungen und -manifestationen entworfen, welches nicht nur in der gesamten Arbeit zweckdienlich zum Einsatz kommt, sondern auch übertragen auf andere regionale Kontexte die zukünftige Forschung bereichern kann. So werden Geister nicht mehr als entweder real oder imaginär verstanden – ich stelle stattdessen ein methodisches Werkzeug vor, um Geister widerspruchslos in moderne Kontexte einzubetten und zu analysieren.
Mit dem dritten Schwerpunkt eröffne ich eine neue Perspektive auf die Analyse von Machtbeziehungen in Südostasien. Über einen Vergleich verschiedener religiöser Machtkonzepte argumentiere ich, dass weltliche Macht in Kambodscha vor allem spirituell legitimiert wird. Denn der soziale Status bemisst sich einerseits als Folgeerscheinung der buddhistischen Karma-Konzeption. Andererseits bildet die Praxis mit Geistern eine brahmanistisch konzipierte Macht (parami), die einen Aufstieg in Patronage-Netzwerken ermöglicht. Anhand eigens beobachteter Rituale von Machthabenden des Landes und mehreren komplettierenden Untersuchungen von Beispielen aus dem Wahlkampf 2013 sowie dem Kampf um die spirituelle Vormachtstellung am umstrittenen Tempel Preah Vihear werden die bisher wenig beachteten religiösen Legitimationsbemühungen von Herrschaft in Kambodscha verdeutlicht. Hierbei analysiere ich auf die enge Verflechtung von Politik und Spiritualität, die die These einer ‚verzauberten Moderne‘ in Südostasien untermauert.
Meine Arbeit soll einen wegweisenden, wissenschaftlichen Beitrag zum Verständnis von Geistern vorstellen. Dabei möchte ich nicht nur mit der Anschlussfähigkeit meiner Methodik überzeugen; die Ethnografie vermittelt Einblicke über zahlreiche Bereiche der kambodschanischen Gesellschaft. Zu allgemeinen Themen wie Macht, Existenz, Heilung, Liebe oder Trauer werden ethnologische Beschreibungen geliefert, die nicht nur das ‚Andere‘ plausibel machen, sondern auch das ‚Eigene‘ in Frage stellen. Nicht zuletzt stellt das Buch eine gut zu lesende Lektüre dar, in der ich die oft verworrenen und skurrilen Beziehungen zwischen Geistern und Geistern in emischer Perspektive nachzeichne.