[Die erste Entscheidung – Studium und die Konsequenzen]
[Die zweite Entscheidung – berufsorientiertes oder interessegeleitetes Studium?]
[Ein Studium kann viele Möglichkeiten eröffnen]
[Raus aus dem Elfenbeinturm des eigenen Faches!]
[Studieren mit praktischem Weitblick]
[An deutschen Hochschulen bewegt sich etwas]
Welche Privilegien bietet ein Hochschulstudium heute, an der Schwelle zu einem neuen, noch unbekannten Millenium? Ist es vielleicht sinnvoller, sich (zuvor) die praktischen Sporen in einer Berufsausbildung zu verdienen? Was sind die Jobs der Zukunft, für die ich mich gezielt durch ein Studium qualifizieren könnte? Wie steht es dann mit Angebot und Nachfrage in vier oder fünf Jahren, wenn ich dieses Studium voraussichtlich abgeschlossen haben werde? Und schlußendlich: Wie hoch ist künftig das Risiko, nach einer langjährigen und kostspieligen Hochschulausbildung entweder arbeitslos zu werden oder in fachfremden und dürftig bezahlten Positionen steckenzubleiben? – Gerade heute, in einer global vernetzten Welt der immer rasanter sich entwickelnden Kommunikationstechnologien und Wirt-schaftssysteme, erscheinen diese Fragen aktueller denn je. Zwei Grundgedanken stehen dahinter: Die Suche nach Argumenten für und wider ein Universitätsstudium sowie die eng damit verbundene Frage nach einer rein berufsorientierten oder doch eher interessegeleiteten Studienwahl.
Die erste Entscheidung – Studium und die Konsequenzen
Einigen Fragen sollte sich jeder potentielle Studienanwärter und jede Studienanwärterin ernsthaft stellen und versuchen, sie für sich persönlich zu klären. Sie beziehen sich auf die Besonderheiten eines Hochschulstudiums: Die Arbeitsweise an Universitäten ist durch ihre Theoriebezogenheit gekennzeichnet, sie ist vor allem immer und in jedem Fach auf wissenschaftliche Forschung ausgerichtet. Bin ich also überhaupt an theoretischen Fragestellungen interessiert, oder bevorzuge ich doch eher die Arbeit in der Praxis? – Dies ist die wohl grundlegendste Frage vor einem Studieneinstieg. Weiter hängt ein erfolgreiches Studium besonders von einer Leistung ab: der Eigenverantwortung. Wie ein roter Faden zieht sie sich durch alle Studienabschnitte, beginnt schon bei der Fächerwahl und findet sich in Alltäglichem, wie der Entscheidung morgens weiterzuschlafen oder doch zur frühen Vormittagsvorlesung zu gehen. Zwischenprüfungen, Klausuren, Vordiplome und Examensarbeiten – ihre Termine und die Teilnahme an ihnen beruhen fast immer auf eigenverantworteter Entscheidung, denn eines sollte angehenden Studierenden schon frühzeitig klar sein: Ein Lern-System wie in der Schule gibt es nicht mehr. Niemand sagt einem, was zu tun ist – man muß lernen, es selber zu wissen. Wer sich aber ein Studium zutraut, für den sollte der Gang an die Uni auch heute eine ernsthafte Möglichkeit darstellen. Denn trotz aller Unkenrufe über zu hohe Hochschulabsolventenzahlen und Akademikerschwemme eröffnet ein engagiert betriebenes Studium noch immer eine Vielzahl von Berufsmöglichkeiten – ganz gleich, auf welchen Studiengang die Wahl fällt. Auch wenn sich laut SPIEGEL-Statistik die absolute Zahl der arbeitslosen Studierten in den alten Bundesländern zwischen 1980 und 1997 von 42.000 auf 164.000 nahezu vervierfacht hat – gemessen an der Masse von Erwerbslosen klingen diese Angaben noch immer relativ harmlos. Was sie zumindest aber belegen, ist folgendes: Ein Studium immunisiert heute längst nicht mehr, wie vielleicht noch vor einer Generation, gegen Arbeitslosigkeit. Im Prinzip kann sich jeder Mangelberuf von heute in der relativ kurzen Frist, die ein Studium währt, in einen Überschußberuf verwandeln und umgekehrt. Spätestens Mitte der achtziger Jahre konnten die Lehramtsanwärter ein Lied davon singen – morgen sind es vielleicht die Informatiker. Das Risiko jedoch, später einmal auf der Straße zu stehen – frei nach dem Motto: "gescheit, gescheiter, gescheitert" – wird durch ein Studium noch immer deutlich vermindert: Gemessen an der Gesamtquote der jeweils Beschäftigten sind nur halb so viele Akademiker wie Nichtakademiker arbeitslos.
Die zweite Entscheidung – berufsorientiertes oder interessegeleitetes Studium?
Eine Behauptung an dieser Stelle: Die wichtigsten Kriterien für ein erfolgreiches Studium sind Interesse und Begabung. Rückschlüsse auf Leistungen und Vorlieben in der Schule können wesentlich zu einer klärenden Selbsteinschätzung beitragen. Manchmal erscheint es sogar denkbar einfach: Wer unmusikalisch ist, wird niemals auf die Idee kommen, Musik zu studieren; doch auch andere Rückschlüsse sind möglich: Warum sollte ich mich zum Beispiel für ein BWL-Studium entscheiden, wenn ich bisher im Geographieunterricht nie das geringste Interesse für wirtschaftliche Zusammenhänge und ökonomische Fragestellungen aufbringen konnte? Etwa weil einige Leute noch immer behaupten, mit einem soliden BWL-Studium in der Tasche würden einem alle Türen offenstehen? Ebenso würde ich ja wohl auch nicht Germanistik studieren wollen, wenn die einzigen Bücher, die ich freiwillig während meiner Schulzeit gelesen habe, von Stephen King stammen, nur weil irgend jemand behauptet, man hätte als studierter Germanist besonders gute Berufseinstiegschancen. Die Enttäuschung und Unzufriedenheit ließe, wenn schon nicht im Laufe des Studiums, dann spätestens im Beruf, nicht lange auf sich warten. Eines zeigt sich hier besonders: Bei einer Wahl der Studienrichtung ist es sicherlich sinnvoller, zuerst Interessenschwerpunkte zu setzen und sich nach ihrer Maßgabe für ein bestimmtes Fach zu entscheiden, als sich ausschließlich von Berufsprognosen leiten zu lassen – die nämlich ändern sich ohnehin recht schnell und unberechenbar.
Ein Studium kann viele Möglichkeiten eröffnen
Wichtig ist vor allem die Erkenntnis, daß mit der Wahl des Studienfaches keine Entscheidung für den späteren Beruf, sondern eher für eine berufliche Richtung verbunden sein kann. Jedes gut absolvierte Studium – und ein interessegeleitetes Studieren ist immer noch die beste Voraussetzung dafür – eröffnet nämlich vielfältige berufliche Möglichkeiten. Ingrid Kolb, Leiterin der Henri-Nannen-Journalistenschule, wies vor kurzem in einem Vortrag an der Göttinger Uni darauf hin, daß Chefredakteure oft nicht, wie man auf den ersten Blick vermuten sollte, den Bewerbungen studierter Germanisten oder Publizisten den Vorzug gäben, sondern vielfach sogar eher Kandidatinnen und Kandidaten aus völlig anderen Bereichen suchten. Hierzu zählte sie zum Beispiel Juristen, Mediziner und Biologen. Ebenso gibt es aber auch eine Reihe von "Quereinsteigern" aus Philosophie, Germanistik oder weiteren Geisteswissenschaften, denen sich nach Abschluß des Studiums ganz neue Möglichkeiten eröffnen: Sie werden Unternehmensberater, klinische Linguisten in Therapie- und Reha-Zentren oder Pressesprecher in Wirtschaftsunternehmen. Die berufliche Praxis nach dem Studium ist breit, sie erschließt eine Reihe von ungeahnten Möglichkeiten, und das Studium sollte genutzt werden, sich möglichst umfassend darauf vorzubereiten.
Raus aus dem Elfenbeinturm des eigenen Faches!
Die Anforderungen, mit denen Hochschulabsolventinnen und -absolventen im Berufsleben bisweilen konfrontiert werden, gehen längst über das übliche Maß an gründlichen Fachkenntnissen hinaus. Von Ingenieuren wird heute erwartet, daß sie unternehmerisch denken und schon bei der Entwicklung eines neuen Produktes die Kosten sowie Aspekte von Wartung und Service im Auge haben. Naturwissenschaftler sollen vorzugsweise juristisches und ökonomisches Wissen mitbringen. In den Wirtschaftswissenschaften gehören umfassende Fremdsprachenkenntnisse mittlerweile zum Standard. Geisteswissenschaftler wiederum tun gut daran, Kenntnisse in betriebswirtschaftlichen Dingen und EDV zu sammeln. Früher einmal hieß dies "studium generale". Zwar ist es bei der heutigen Bandbreite des Uniangebots und unter der Maßgabe eines effektiven und kurzen Studiums schier unmöglich geworden, diesen hehren Anspruch auch nur annähernd zu erfüllen. Dennoch sollte sich jeder Studierende im Laufe seiner Universitätsausbildung ein wenig von dieser Grundhaltung zu eigen machen. Auch im Studium mal ein wenig über den Tellerrand zu blicken, hat bisher niemandem geschadet. Die Universität ist hierfür sogar der ideale Ort, weiß man erst die Bandbreite der angebotenen Möglichkeiten zu nutzen. Manch einer lernt dadurch sogar erst seine eigentlichen Interessen kennen und schätzen. Ein Wechsel des Studienfachs ist deshalb nicht immer gleich ein Beinbruch.
Studieren mit praktischem Weitblick
Es empfiehlt sich in jedem Fall, auch die praktische Seite des Berufslebens nicht aus den Augen zu verlieren. "Praktika" heißt das Zauberwort, sie erst sind die Eintrittskarte zu vielen Berufen und Folgeausbildungen. In einigen Fächern sind sie sogar obligatorisch in den Studienablauf integriert. Beispielsweise im Medizinstudium, in manchen Naturwissenschaften und besonders für die Lehrerausbildung sind sie Pflicht. Was sich zuerst wie eine Beschneidung der Semesterferien anhört, ist auf den zweiten Blick eine sehr sinnvolle Einrichtung. Sie vermitteln nicht nur ein wenig Berufsflair, sondern stellen die Studierenden auch immer wieder vor die Frage: Habe ich überhaupt Lust, später in einem solchen Berufsfeld tätig zu werden? Und: Traue ich mir zu, in einem solchen Beruf zu bestehen? Doch abgesehen von diesen obligatorischen gibt es auch Praktika, die nicht direkt mit dem Studium zusammenhängen. Sie sind deshalb nicht weniger empfehlenswert – im Gegenteil: sie sind mindestens ebenso wichtig. An sie heranzukommen, ist allerdings mühsamer und beruht einmal mehr auf Eigeninitiative. Für viele Berufseinstiege werden sie sogar gefordert. Bernhard Jagoda, Präsident der Bundesanstalt für Arbeit, beschreibt die Anforderungen vieler Personalchefs folgendermaßen: "Mitbringen sollte jede Absolventin und jeder Absolvent erstens: gute oder gar sehr gute Noten, zweitens: eine möglichst kurze Studienzeit und drittens: Nachweise über Zusatzqualifikationen und Praktika." (Interview für das Uni-Spezial der "Stiftung Warentest")
An deutschen Hochschulen bewegt sich etwas
Auch die deutschen Hochschulen haben mittlerweile die Zeichen der Zeit erkannt. Die praktische Seite der Ausbildung wird verstärkt gefördert. An der Göttinger Uni finden in mehreren Fächern regelmäßige Berufsinformationsveranstaltungen statt, zu denen Vertreter der unterschiedlichsten Berufsrichtungen zu Vorträgen geladen werden. Uniweite Praktikumsbörsen werden eingerichtet und Vielseitigkeit gepredigt. Außerdem soll die Struktur des Studienablaufs richtungsweisend geändert werden. Wie an vielen anderen Universitäten werden neue Abschlußmöglichkeiten geschaffen. Sie heißen "Bachelor of Arts" oder "Master"; sie sollen helfen, die Studienzeit zu verkürzen und die gesamte Ausbildung effektiver zu gestalten. Auch an den Universitäten stehen die Zeichen der Zeit also auf Veränderung.
Andreas Paschedag
Kontakt:
Dr. Friedrich Georg Wentz
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