Evolution und Biodiversität der Tiere

Die Evolution und Biologie der Mecopteren (Schnabelfliegen) (Prof. Dr. Willmann)


Panorpa_germanica_2Die Schnabelfliegen mit ihren bisher rund 600 beschriebenen Arten stehen seit vielen Jahren im Zentrum des Interesses von Rainer Willmann. Obwohl es eine Reihe intensiver morphologischer und auch einige molekulare Untersuchungen zu ihren phylogenetischen Beziehungen gegeben hat, sind grundsätzliche Fragen nicht gelöst. Das beginnt damit, dass nicht einmal sicher ist, dass die Mecopteren im traditionellen Sinne, das heißt inklusive der Winterhafte (Boreidae, nur in Eurasien und Nordamerika verbreitet) und der auf die Südhemisphäre beschränkten Nannochoristidae), eine monophyletische Gruppe bilden, denn es ist möglich, dass die Dipteren die Schwestergruppe der Nannochoristidae sind, und es wird von manchen Autoren nicht ausgeschlossen, dass die Boreidae und die Flöhe miteinander nächst verwandt sind.



Genitalapparate_Panorpa_2In unseren Arbeiten haben wir bisher mit Hilfe der männlichen Genitalien sowie der Flügelgelenkung versucht, die internen Verwandtschaftsbeziehungen zu klären, doch eindeutige Resultate wurden nicht erzielt. Hier bietet sich noch ein weites Feld für weitere Untersuchungen. Bemerkenswert ist es, dass die Funktionen der recht komplizierten Teilelemente des männlichen wie des weiblichen Genitales nicht bekannt sind. Auch auf diesem Sektor sollen Untersuchungen erfolgen, denn vielleicht bietet die Kenntnis der Funktion eine Hilfe bei der Rekonstruktion der Verwandtschaftsbeziehungen. Und schließlich ist für keine der artenreicheren Teilgruppen der Mecopteren, das sind die Mückenhafte und die Schnabelfliegen (Bittacidae und Panorpidae), die Phylogenie geklärt – und damit auch nicht ihre Verbreitungsgeschichte. Die ersten, Jahrzehnte zurück liegenden Ansätze hierzu bedürfen dringend der Fortführung, und manche Analysen (so für die Bittacidae) waren noch nicht auf der Basis der phylogenetischen Systematik durchgeführt worden.

Schließlich bieten die Mecopteren ein ideales Feld für Untersuchungen zur Artbildung. In in Mitteleuropa sind zwei Formen, die üblicherweise als Panorpa communis und Panorpa vulgaris geführt werden, regional möglicherweise nicht reproduktiv isoliert, während lokal eine reproduktive Isolation sicher ist. Ein Grund für diese Unsicherheit: Die beiden Formen lassen sich morphologisch kaum und örtlich nicht sicher voneinander unterscheiden. Bei anderen Artengruppen ließ sich eine Korrelation zwischen ihrer Ausbreitungsgeschichte mit dem eiszeitlichen Geschehen aufzeigen: Die Panorpa-cognata-Gruppe wurde offenbar auf West- und Südeuropa zurückgedrängt, als die Eismassen nach Süden voranschritten, und hier haben sie sich in verschiedene Arten differenziert. Eine Teilgruppe hat schließlich von der Apennin-Halbinsel aus Mitteleuropa besiedelt und drang hier als Panorpa cognata postglazial weit nach Norden vor. Ein höchst kompliziertes Bild bietet Panorpa alpina mit ihren Verwandten, da diese Gruppe im Alpen- und Karpathenraum eine reiche Differenzierung erfahren zu haben scheint, von wo auch sie sich weit nach Norden ausgebreitet hat. Der Status dieser Formen (eigene Arten oder nicht?) ist nicht klar. Eine ähnliche Problematik besteht bei den zahlreichen Panorpa-Formen der aspoecki-Gruppe in Anatolien.



Bittacus_3_2Doch auch einfache faunistische Probleme reizvoller Art harren noch der Lösung. Von vielen Arten sind die Verbreitungsgebiete nur unvollkommen bekannt. Und dabei ist manche Überraschung möglich, gelten doch die beiden europäischen Bittacus-Arten hageni und italicus als ausgesprochen selten. Doch immer wieder werden Vorkommen gemeldet – so in den letzten Jahren in Frankreich und in Tschechien -, und eine kleine Sensation war es, als Bittacus hageni, der in Deutschland als ausgestorben galt, von uns vor wenigen Jahren nördlich des Harzes wieder entdeckt werden konnte. Und eine Überraschung der besonderen Art erlebten wir, als wir, nachdem wir in der Zeitschrift „Natur & Museum“ das Beutefangverhalten von Bittacus italicus geschildert hatten, eine Sonderdruck-Anfrage aus dem amerikanischen Verteidigungsministerium erhielten.