Bericht: Podiumsdiskussion zur Reform der Organspende

Der aktuelle Umgang mit der Organspende bedarf einer gesamtgesellschaftlichen Reform – so in etwa könnte ein Konsens der vier Diskutanten bei der Podiumsdiskussion am Donnerstag, den 25.04.2019, im Hörsaal ZHG006 der Universität Göttingen klingen. Mit diesem doch sehr allgemeinen Standpunkt endet jedoch die gemeinsame Auffassung der Diskussionsteilnehmer; Je konkreter die Ideen einer solchen Reform aussehen, desto mehr zeichneten sich die Unterschiede ab.

„Reform der Organspende – brauchen wir die Widerspruchslösung?“, lautete die Überschrift der offenen Diskussion, zu der das Zentrum für Medizinrecht der Georg-August-Universität Göttingen in Kooperation mit der studentischen Hochschulgruppe DAF – Demokratische Aktion Fachschaft geladen hat. Etwa 130 Zuschauer folgten der Einladung zur abendlichen interdisziplinären Debatte. Nach einer kurzen Begrüßung und Einführung in das Thema durch die Mitarbeiter des Zentrums für Medizinrecht und einem kurzen Referat durch Thomas Kopietz, Leiter der Lokalredaktion Göttingen der HNA und Moderator der Veranstaltung, zum „Göttinger Organspendeskandal“ aus dem Jahre 2013, in dessen Folge das allgemeine Vertrauen in die Organspende und die Spenderzahlen stark gesunken sei, starteten die weiteren vier Diskussionsteilnehmer mit ihren Eingangsstatements.

Den Anfang machte Thomas Oppermann, aktuell Vizepräsident des Deutschen Bundestages und ehemaliger Fraktionsvorsitzender der SPD im Deutschen Bundestag. Die erste persönliche Erfahrung mit der Organspende habe er gemacht, als der aktuelle Bundespräsident und (bis zu seiner Wahl zu diesem Amt) Parteifreund Oppermanns Frank-Walter Steinmeier im Jahre 2010 eine Niere an seine Frau spendete. Von diesem Entschluss Steinmeiers seien er und weitere Parteimitglieder sehr begeistert gewesen und zum ersten Mal wurde ihnen die Bedeutung von Organspenden am lebenden Beispiel bewusst. Oppermann erklärte, er halte die Widerspruchslösung für richtig und die damit verbundene Einschränkung des Selbstbestimmungsrechts für „vertretbar“, weshalb er sich dem Gesetzesentwurf von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn und SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbauch zur Einführung der Widerspruchslösung angeschlossen habe.

Der Forderung nach der Einführung einer Widerspruchslösung schloss sich auch Dr. Rigmar Osterkamp, Vorsitzender des Vereins „Gegen den Tod auf der Organ-Warteliste e. V.“, an. Über seine Arbeit am ifo Institut für Wirtschaftsforschung der Universität München sei er mit dem Thema und den geringen Spenderzahlen bei gleichzeitig viel höherem Bedarf an Spenderorganen in Kontakt gekommen. „Dass es so viele vermeidbare Tote gibt“, sei laut Dr. Osterkamp „ein Skandal“, weshalb er sich neben der Einführung der Widerspruchslösung auch gleichzeitig für viele weitere Maßnahmen, wie Aufklärung, mehr Geld für Krankenhäuser und Vorteile für Organspender gegenüber Menschen, die sich gegen eine Organspende entscheiden, aussprach.

Auch Dr. Matthias Kaufmann, geschäftsführender Arzt der Region Nord der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO), schloss sich seinen Vorrednern „als Mensch, nicht unbedingt als Vertreter der DSO“ an. Er richtete den Blick in Deutschlands Nachbarländer, von denen die meisten eine Widerspruchslösung praktizierten und die Spenderzahlen dort deutlich höher liegen als in Deutschland, das somit „nicht umsonst Schlusslicht“ bei den Spenderzahlen sei.

Der Kernforderung nach der Widerspruchslösung konnte sich Prof. Dr. Gunnar Duttge, geschäftsführender Direktor des Zentrums für Medizinrecht, jedoch nicht anschließen. Er warb dafür, die Debatte nicht emotional, sondern „wissenschaftlich“ zu führen und von „vorschnellen Lösungen aus der Politik“ abzusehen. Der Vergleich zu anderen Ländern stelle kein Argument für eine Widerspruchslösung dar, die Beispiele Schweden und Spanien würden zeigen, dass dort die Spenderzahlen seit Einführung der Widerspruchslösung nicht kausal durch die Widerspruchslösung gestiegen seien. Wenn in diesen und weiteren Ländern eine Steigerung der Organspenden zu vermelden sei, so sei dies doch lediglich auf „bessere Organisation in den Kliniken“ zurückzuführen, nicht jedoch auf die Widerspruchslösung. Weiterhin gab Prof. Duttge zu bedenken, dass es bei jedem potentiellen Organspender zu einem Mehr an Intensivmedizin noch zu Lebzeiten komme, was einem großen Teil der Bevölkerung aber gar nicht bewusst sei. Diese stärkere intensivmedizinische Belastung sei somit ein rechtfertigungsbedürftiger körperbezogener Eingriff, über den die Menschen aber in jedem Fall zunächst einmal aufgeklärt werden müssten. Die Widerspruchslösung umgehe jedoch diese obligatorische Aufklärung. Der Göttinger Professor sprach sich daher für eine medial breiter geführte Informationskampagne und Werbung über die Organspende aus.

Doch die bisherigen Werbekampagnen hätten bisher nicht funktioniert, entgegnet Dr. Kaufmann. Zwar seien nach Daten der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) ca. 80% der Bevölkerung zu einer Organspende bereit, jedoch hätten nur etwa 30% einen entsprechenden Willen beispielsweise mittels eines Organspendeausweises auch geäußert. Der Arzt berichtete, dass sich dadurch viele Kliniken unter Druck gesetzt fühlten, weil bei vielen potentiellen Spendern der individuelle Wille unklar sei. „Wer keine Erklärung abgibt, spendet auch nicht“, berichtet Dr. Kaufmann von der aktuellen Praxis. Die tatsächlichen Zustimmungswerte würden von der Widerspruchslösung am besten aufgefangen.

Daher sei der aktuelle Gesetzesentwurf ein erster Schritt, die Politik habe damit „ihre Hausaufgaben gemacht“, ergänzte Oppermann. Das Recht auf Leben von Zehntausenden sei wichtiger als das Recht auf Schweigen eines Einzelnen, so der Politiker und Jurist. Jedoch dürfe eine Stärkung der Aufklärung nicht zu kurz kommen, es gäbe große Unsicherheiten bei Rahmenfragen wie „Was ist der Hirntod?“.

Eine ausreichende Aufklärung zu Thematik sei jedoch nicht nur wünschenswert, sie sei sogar geboten, denn ohne ausreichende individuelle Aufklärung, zum Beispiel über soziale Medien oder in den Schulen, sei jede Zustimmung – wie auch jeder unterbliebene Widerspruch – defizitär, so Medizinrechtler Prof. Duttge. Bevor die Politik nun den Vorschlag voranbringe, solle der Effekt des im Februar vom Bundestag und im März vom Bundesrat beschlossenen „Gesetzes zur Verbesserung der Zusammenarbeit und der Strukturen bei der Organspende“ abgewartet werden. „Wir wissen nicht, was passiert, wenn die Widerspruchslösung eingeführt wird“, fügte der Göttinger Professor hinzu.

Uneinig waren sich die Diskutanten ferner über die Aussagekraft von Studien, die den Effekt der Widerspruchslösung auf die Spenderzahlen untersucht haben. Im Ergebnis würden all diese Studien und Metastudien für die Widerspruchslösung neben einem Bündel weiterer notwendiger Maßnahmen sprechen, führte der Ökonom Dr. Osterkamp aus. Dem widersprach Prof. Duttge und brachte eine Studie, die im Auftrag des Schweizerischen Bundesrates erstellt wurde, ins Feld, nach der nur 0-25% einer möglichen Steigerung von Spenderzahlen in anderen Ländern auf eine Widerspruchslösung zurückzuführen seien.

Ebenfalls zur Sprache kam bei der Diskussion die Forderung von einer weiteren fraktionsübergreifenden Gruppe von Mitgliedern des Deutschen Bundestags um Grünen-Parteivorsitzende Annalena Baerbock, welche eine „erweiterte Zustimmungslösung“ vorsieht, bei der eine postmortale Organspende weiterhin nur vorgenommen werden darf, wenn – wie bisher – der Spender zu Lebzeiten explizit einer Organentnahme zugestimmt hat. Neu sollte jedoch sein, dass eine solche Zustimmung regelmäßig durch Behörden, z. B. bei Beantragung eines neuen Personalausweises, eingeholt und zusätzlich ein öffentliches Spenderegister eingeführt werden soll.

Für Oppermann sei diese Lösung schon deshalb unpraktikabel, weil mit ihr weiterhin eine Option „keine Angabe“ möglich sein soll, womit die aktuell bestehenden Probleme nicht gelöst würden. Ferner sei diese Lösung nicht mit dem gleichzeitigen Bestreben nach „E-Government“, wonach schon möglichst bald ein Großteil von Behördenservices digital möglich sein soll, vereinbar. Dr. Osterkamp ergänzte, dass das von Baerbock und Co. geforderte Spenderegister schon heute vom Transplantationsgesetz vorgesehen sei, die Politik es bisher nur unterlassen haben, ein solches zu erstellen.

Nach der spannenden Diskussion öffnete Moderator Kopietz die Diskussion für Fragen aus dem überwiegend studentischen Publikum. Dabei zeigte sich bei vielen Fragen, dass noch nicht alle Zweifel an der Widerspruchslösung ausgeräumt werden konnten, jedoch ein sehr breites Interesse an der weiteren Diskussion zu diesem Thema besteht. Das letzte Wort scheint in dieser Diskussion noch nicht gesprochen zu sein.


Wir bedanken uns nochmals sehr herzlich bei unseren Referenten für die aufregende Diskussion und all unseren Zuschauern für ihr reges Erscheinen und Interesse. Ferner gilt ein ausdrücklicher Dank nochmals an die DAF für die gelungene Zusammenarbeit.

Das Team des Zentrums für Medizinrecht freut sich schon auf die nächste Veranstaltung zu aktuellen medizinrechtlichen Themen.

Fotos von der Podiumsdiskussion sind unter der Rubrik Aktuelles zu finden.