Gegenwärtige Forschungsprojekte





(1) Das Visuelle als Wissenschaftssprache

Die verschiedenen Turns, die insgesamt den Cultural Turn und damit das Entstehen der Neuen Kulturwissenschaften darstellen, haben Arbeitsweisen und Kommunikationsformen innerhalb der Wissenschaften als auch an der Schnittstelle Wissenschaft?Gesellschaft verändert. Dennoch sind einige theoretische Implikationen des Cultural Turn noch nicht hinreichend in Ausdrucksformen von Erkenntnis und Wissen eingeflossen. Die Krise der Repräsentation hält hier insofern an, als klassische Texte Basistheoreme wie Pluralität, Interaktivität, Synchronizität, Konstruktivität von Wissen nicht hinreichend abbilden. Die These wäre nun, dass eine Ausweitung des medialen Ausdrucksspektrums für wissenschaftliche Erkenntnis diese theoretischen Defizite zu lösen vermag. Das Vorhaben untersucht, inwiefern visuelle Medien einerseits wissenschaftliche Erkenntnisformulierung verändern, andererseits, ob und wie sich aktuelle Probleme der Repräsentation von Synchronizität, Pluralität, Differenz und Ambivalenz visuell lösen lassen.

Einschlägige eigene Publikationen:
? Stefan Haas: Mediale Bedingungen der Erkenntnisformulierung und ?vermittlung in den Kultur- und Sozialwissenschaften. Theoretische und pragmatische Perspektiven, in: Fabio Crivellari/Kay Kirchmann/Marcus Sandl/ Rudolf Schlögl (Hg.): Medialität der Geschichte. Historizität und Medialität in interdisziplinärer Perspektive, UVK: Konstanz 2004, S. 211-238.
? Ders.: Vom Schreiben in Bildern. Visualität, Narrativität und digitale Medien in den historischen Wissenschaften, in: Zeitenblicke. Digitale Medien und Wissenschaftskulturen 5 (2006), Nr. 3, [2006-12-03], URL: http://www.zeitenblicke.de/ 2006/3/Haas/index_html, URN: urn:nbn:de:0009-9-6482.
? Ders.: Die visuelle Darstellbarkeit geschichtstheoretischen Wissens. Hypermediale Formen der Vernetzung empirischer und theoretischer Forschung auf www.geschichtstheorie.de, veröffentlicht auf www.clio-online.de, 2004.
? Ders.: Die Visualisierung (wissenschafts-)theoretischen Wissens in 3D-Animationen / The visualization of theoretical knowledge in 3D-animations (mit Insa Großkraumbach), in: Gesellschaft zur Förderung angewandter Informatik - Gerd Stanke/James Hemsley/Vito Cappelini (Hg.), Konferenzband EVA (Electronic Imaging and the Visual Arts) 2002 Berlin. Elektronische Bildverarbeitung & Kunst, Kultur, Historie. 9. Berliner Veranstaltung der internationalen EVA-Serie, November 2002, Berlin, S. 148-151.
? Ders.: History and Computer Games. Narrative structures in the age of the electronic media and their implications on historical consciousness and the theory of history, in: Attila Pók/Jörn Rüsen/Jutta Scherrer (Hg.): European History. Challenge for a common future, edition Körber-Stiftung: Hamburg 2002, S. 176-201.
? Ders.: Die Geschichtswissenschaft und der Internetauftritt der Archive, in: Frank M. Bischoff/Wilfried Reininghaus (Hg.): Die Rolle der Archive in Online-Informationssystemen, Münster 1999, S. 195-212.
? Ders.: Die Sprache des Historikers. Multimediale Perspektiven interkultureller Verständigung, in: Forschungsjournal der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster 1 (1997), S. 18-20.




(2) Implementation der Wohnungs- und Städtebaupolitik in Ost- und Westdeutschland im Vergleich 1949-1973

Das Projekt zielt auf einen Vergleich der wohnungs- und städtebaupolitischen Implementationsstrukturen in West- und Ostdeutschland im Zeitraum zwischen 1949 und 1973. Ihm zugrunde liegt ein Politische, Kultur- und Kommunikationsgeschichte zusammenführender Forschungsansatz, den ich in meiner Habilitationsschrift entwickelt habe und der in der Implementationsphase politischer Maßnahmen eine eigenständige, politikverändernde Phase betrachtet und diese daher als wichtiges Untersuchungsfeld zur Bewertung von politischen Maßnahmen ansieht. Wohnen stellt eines der zentralen Problemfelder der Nachkriegspolitik in Europa dar. Anhand der Erforschung der Implementationsstruktur werden differente Kommunikationsmuster an der Schnittstelle politische Entscheidungsinstanzen/ Verwaltung einerseits, Verwaltung/ Bevölkerung andererseits untersucht. Das Projekt wurde von der Gerda-Henkel Stiftung finanziert. Die Fertigstellung der Monografie ist für Ende 2011 geplant.




(3) Designing a virtual habitat. Intercultural Signification of Urban Spaces in Processes of Migration from Modernization to Post-Urbanism

Migranten und Migrantinnen standen und stehen vor der Situation, sich in einer veränderten Lebensumgebung zurechtfinden und eine neue Identität entwickeln zu müssen. Gleichzeitig bringen sie Elemente ihrer Herkunftskultur mit. In dem Dialog herkommender und ankommender Kultur werden kulturelle Strategien entwickelt, um neue Identitäten zu bilden oder die ursprüngliche in der neuen Umgebung zu bewahren. Das Forschungsprojekt untersucht solche sinn- und identitätsgenerierende Strategien am Beispiel der Städte Berlin, London, Toronto und Singapur. Das Ziel ist dabei, strukturelle Veränderungen in der Positionierung von Migrantengruppen von der Mitte des 19. bis zum Beginn des 21. Jahrhunderts herauszuarbeiten. Das Projekt basiert auf Archivstudien (historische Dimension) und Datenerhebungen mittels Fragebögen (aktuelle Dimension). 2006 konnte ein erster kurzer Abriss des Vorhabens und seiner Ergebnisse im Historischen Forum veröffentlicht werden.




(4) Tabu-Brüche im deutschen/europäischen Kino

Die aktuellen Entwicklungen politischer Radikalisierung im Kontext des Erstarkens religiös fundamentalistischer Gruppen hat die Frage, was im Kontext politischer Kritik und künstlerischer Aussage formuliert werden kann, in den Vordergrund des allgemeinen Interesses gerückt. Dabei steht nicht nur die Frage an, was politisch korrekt ist, sondern schärfer wird danach gefragt, was gesagt werden ?darf?. Diese Frage zielt auf die Etablierung oder Reetablierung von Tabus. Das Forschungsvorhaben zielt auf eine systematische Rekonstruktion der Tabubrüche im europäischen Film als dem vielleicht gesellschaftlich wirkungsmächtigsten Medium des 20. Jahrhunderts und deren Reetablierung am Beginn des 21. Jahrhunderts. Neben den Filmen und ihren Produktionsbedingungen werden dazu auch Untersuchungen zu ihrer Rezeption durchgeführt. Ziel ist es, einen Beitrag zur mentalen und diskursiven Disposition im Umgang mit dem Eigenen und dem Fremden, dem Sagbaren und dem Unsagbaren im Untersuchungszeitraum zu leisten.




(5) Vergleich der Implementationsstrategien Amerikanische Revolution/Preußische Reformen

Die Frage, was mit einem Gesetz geschieht, wenn es die Ebene der politischen Entscheidungsbühne verlassen hat, zielt auf eine Untersuchung von dessen Wirkung im Alltag. Diese wird als komplexer Kommunikationsprozess aufgefasst, in dem sowohl die von einer politischen Maßnahme betroffenen sozialen Gruppen involviert sind, als auch Verwaltungsinstanzen, die mit der Implementation der Maßnahmen betraut sind. Es wird angenommen, dass kommunikative Prozesse bewusst wie unbewusst den Gesetzestext umschreiben. Dieser Ansatz wurde in meiner Habilitationsschrift entwickelt und wird auch im Rahmen des Forschungsprojekts zur Wohnungsbaupolitik in Ost- und Westdeutschland angewandt. Derzeit wird durch Archivstudien in Nordamerika das Forschungsfeld durch vergleichende Untersuchungen zur Implementation der amerikanischen Revolution erweitert. Ziel ist es, auf breiter archivalischer Quellenbasis einen systematischen Vergleich der Implementation modernisierender Politik im Übergang vom 18. zum 19. Jahrhundert herauszuarbeiten.




(6) Symbolische Kommunikation und kulturelle Identität in den Gruppenbildungsprozessen der revolutionären Entwicklungen in Europa 1918/20

Die revolutionären Unruhen der frühen Jahre der Weimarer Republik gehören zu den einschneidenden Wendepunkten der deutschen Geschichte. Im Mittelpunkt des Projekts stehen symbolisch und kulturell vermittelte Gruppenbildungsprozesse. Dazu untersucht es das Thema unter drei inhaltlich bedeutsamen methodischen Gesichtspunkten: (1) der Rolle kommunikativen und symbolischen Handelns, (2) der kulturellen Organisationsformen und deren medialer Vermittlung im gruppeninternen wie öffentlichen Raum, sowie (3) ? unter Rezeption neuerer Erkenntnisse der Erforschung sozialer Bewegungen ? der Etablierung einer kulturellen und symbolischen Identität und deren Auswirkungen auf Inklusions- und Exklusionsprozesse. Diese Ansätze werden verwendet, um regionale Fallstudien durchzuführen. Auch im Hinblick auf das 2018 anstehende Jubiläum strebt das Projekt mit diesem innovativen Ansatz an, das Wissen um die Etablierung von politisch-kulturellen Verhaltensweisen bei der Entstehung der ersten deutschen Demokratie zu erweitern. Das Projekt wird von der DFG gefördert.




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