Theologische Fakultät

Gastwissenschaftler zu Fragen der Pluralisierung des Christentums an der Theologischen Fakultät


Prof. Dr. Emil A. Sobottka wird sich im Wintersemester 2017/18 als Gastwissenschaftler mit Fragen zur "Pluralisierung des Christentums" an der Theologischen Fakultät beschäftigen.

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Es ist für mich eine große Freude, für eine Zeit als Gastwissenschaftler an der Universität Göttingen tätig sein zu dürfen. Die Pluralisierung des Christentums im nationalen und globalen Kontext ist nicht nur ein intellektuell herausforderndes Thema, sondern auch eine alltägliche Erfahrung in meiner sozialen Umgebung. Mein Heimatland Brasilien hat sich von einem römisch-katholischen Land in eine religiös pluralistische Gesellschaft verwandelt. Der Protestantismus, Pfingstbewegungen und synkretistische Religionen sind selbst in den entlegensten Ortschaften vertreten. Säkularisierung in dem Sinne, dass Menschen eine durchrationalisierte Lebensführung anstreben und sich von Religion ganz trennen wollen, hat sich dort kaum entwickelt. Ganz im Gegenteil; religiöses Gedankengut ist überall präsent und der Alltag wird von ihm mitbestimmt – auch wenn dieses Gedankengut aus theologischer Sicht oft sehr merkwürdige Züge angenommen hat.

Ich bin als siebtes Kind in einer evangelischen Familie von Kleinbauern geboren, die in einem abgelegenen Dorf wohnte. Zuhause gab es weder Strom oder Radio noch sonstige moderne Errungenschaften. Im Lichtschein von Petroleumlampen wurde aber jeden Tag aus der Bibel und aus einer Wand voll Büchern gelesen. Nach der 5. Klasse war es dann an der Zeit, das Elternhaus zu verlassen, um weiterhin zur Schule gehen zu können. Heute ist das Dorf vergleichsweise gut ausgestattet – und zu den vormals zwei Kirchen kamen mindestens zehn weitere Kirchen bzw. Religionshäuser hinzu. Ein vergleichbarer sozialer und religiöser Wandel, der mit „Modernisierung“ und Verstädterung eng einherging, kann in Brasilien überall festgestellt werden.

Nach einer Ausbildung im Maschinenbau habe ich mich für das Studium der Ev. Theologie und der Soziologie entschlossen. Unter den sozial engagierten Christen waren die Auseinandersetzungen um die theologische Begründung dieses Engagements in den 1980-er Jahren sehr lebendig. In der Fraternidad Teológica Latinoamericana um C. René Padilla, Samuel Escobar u.a. fand ich zu der Zeit mein geistiges Zuhause. Die Beteiligung an sozialen Bewegungen führte mich zu den Kleinbauern und der Iglesia Evangélica del Río de la Plata in Paraguay, später zu einem Masterstudium in Religionswissenschaften bei Pablo Richard in Costa Rica und in verschiedene Länder Mittelamerikas und der Karibik. Nach einem kurzem Aufenthalt am Northern Baptist Seminary in den USA war ich drei Jahre lang Generalsekretär des Brasilianischen Rates der Christlichen Kirchen (Conic). Die 1997 abgeschlossene Promotion in Deutschland beendete diese quasi nomadische Phase meines Lebens. Danach wurde ich mehrmals in den Beirat der Evangelisch-theologischen Fakultät in Curitiba gewählt und habe gelegentlich punktuelle Aufgaben in der Kirche angenommen. Hauptberuflich lehre ich Soziologie und Politikwissenschaft an der Päpstlichen Katholischen Universität in Porto Alegre, Brasilien. Forschung und politisches Engagement haben mich insbesondere mit den unterschiedlichen Lebens- und Religionsformen der Menschen in den Armenvierteln vertraut gemacht.



weitere Informationen:

Pontificia Universidade Catolica do Rio Grande do Sul, Brasilien