Theologische Fakultät

Abteilung für Hellenistische Religionsgeschichte

Universitäre Tradition

Die Einrichtung der Abteilung für hellenistische Religionsgeschichte am IFS greift eine lange Tradition religionsgeschichtlicher Forschung und Lehre an der Universität Göttingen und insbesondere an der hiesigen theologischen Fakultät auf. Generationen von renommierten Wissenschaftlern verschafften der Hochschule auf diesem Feld internationales Renommee als Keimzelle innovativer und tragfähiger Forschungsansätze.

Die Reihe beginnt noch außerhalb der theologischen Fakultät mit dem Göttinger "Lehrer der Weltweisheit“ Christoph Meiners (1747-1810), der im Geist der Aufklärung erste Ansätze zu empirischer religionsgeschichtlicher Forschung lieferte (Christoph Meiners: Allgemeine und kritische Geschichte der Religionen, Bd. I und II., Hannover 1806 und 1807) und dabei auch die antike, insbesondere auch ägyptische , iranische und griechische Religions- und Geistesgeschichte in den Blick nahm (vgl. Christoph Meiners: De Zoroastris vita, institutis, doctrina et libris, commentatio I-III, Göttingen 1777, 1779, 1780; ders.: Beytrag zur Geschichte der Denkart der ersten Jahrhunderte nach Christi Geburt, in einigen Betrachtungen über die Neu-Platonische Philosophie, Leipzig 1782). Damit gehört Meiners zu den Gelehrten in Deutschland, die der Religionswissenschaft als empirischer Kulturwissenschaft im Zeitalter der Aufklärung den Boden bereitet haben. Wird Meiners in jüngerer Zeit besonders im Blick auf seine anthropologischen Grundannahmen eher kritisch gelesen von manchen, die in ihm einen Vorläufer der Rasseideologien des 20. Jahrhunderts erkennen, so zeigt doch der Heidelberger Ägyptologe Jan Assmann, dass eine Beschäftigung mit dem Werk des Göttinger Gelehrten nach wie vor fruchtbar sein kann. Assmann thematisiert u. a. Meiners Arbeiten zur ägyptischen Religionsgeschichte (Christoph Meiners: Versuch über die Religionsgeschichte der ältesten Völker, besonders der Egyptier, Göttingen 1775) im Rahmen eines Seminars während des Sommersemesters 2005 zur "Einführung in die Ägyptenrezeption: Die Mysterien der Ägypter“.
Mit Julius Wellhausen (1844-1918) steht in dieser Reihe trotz seiner Vorbehalte gegenüber der Religionsgeschichtlichen Schule ein bis heute prominenter Gelehrter, der mit philologischer Brillanz und fächerübergreifendem Blick zum Alten wie zum Neuen Testament, aber auch als Arabist und Islamwissenschaftler wichtige Arbeiten hervorgebracht hat. Wellhausen wurde 1870 in Göttingen Privatdozent und trat nach Lehrstühlen in Greifswald, Halle/Saale und Marburg 1892 die Nachfolge des Göttinger Orientalisten Paul de Lagarde an. Wenn Wellhausen von der Theologie zur Orientalistik wechselte, weil er seine Lehrtätigkeit nicht an den Bedürfnissen des Pfarramtes orientieren wollte, so weist dies auf ein Spannungsfeld, in dem sich religionsgeschichtliche Fragestellungen und theologische Interessen gelegentlich bewegen.

Mit der gegenwärtigen Abteilungsgründung wird ein solches Spannungsverhältnis zugunsten einer geordneten interdisziplinären Zusammenarbeit aufgelöst. Religionsgeschichtliche Ansätze und Fragestellungen können in diesem Rahmen innerhalb der theologischen Fakultät als eigenständige Zugangsweisen etabliert, bezogen auf die hellenistische Religionsgeschichte angewandt und für die historische und philologische Arbeit fruchtbar gemacht werden, ohne die genuin theologischen Interessen neutestamentlicher Forschung und Lehre im engeren Sinn zu vernachlässigen.
Den Weg dafür bereitet haben die Gelehrten, die der sog. Religionsgeschichtlichen Schule zugerechnet werden. Wegen ihrer akademischen Wurzeln an der hiesigen Universität – die erste Generation war eine Gruppe junger Theologen, die sich zwischen 1888 und 1893 in Göttingen habilitierten - werden sie gelegentlich auch als die "kleine Göttinger Fakultät“ bezeichnet. Ihr Verdienst war es, die Ergebnisse und Fragestellungen der zeitgenössischen religionsgeschichtlichen, aber auch philologischen und orientalistischen Fächer in die theologische Forschung und Lehre zu integrieren. War es zunächst ein rein wissenschaftlich-akademischer Ansatz, so wurde für die Religionsgeschichtliche Schule bald auch ihr Bemühen um Popularisierung der wissenschaftlichen Erkenntnisse charakteristisch: Mit der Reihe "Religionsgeschichtliche Volksbücher“, dem Nachschlagewerk "Die Religion in Geschichte und Gegenwart“ oder der Zeitschrift "Theologische Rundschau“ sind Publikationsorgane und Nachschlagewerke entstanden, deren Pflege und Fortführung bis heute zum Kernbestand des theologischen Wissenschaftsbetriebs gehört.
Für den Bereich der hellenistischen Religionsgeschichte sind vor allem die Arbeiten Wilhelm Boussets (1865-1920) von Bedeutung, den Kurt Rudolph als den "wohl produktivsten Vertreter“ dieser Gelehrtengruppe bezeichnet. Bousset erhielt 1890 die venia legendi für neutestamentliche Exegese an der Göttinger Theologischen Fakultät und wurde dort 1896 zum ao. Professor ernannt. Nach rund 25 Jahren Lehrtätigkeit in Göttingen übernahm er im Jahr 1915 eine ordentliche Professur für Neues Testament an der Universität Gießen. Seine Schriften "Religion des Judentums im neutestamentlichen Zeitalter“ (Berlin 1903, 2. Aufl. 1912, die 3. Aufl. wurde 1926 von Hugo Greßmann unter dem Titel "Die Religion des Judentums im späthellenistischen Zeitalter“ herausgegeben), "Hauptprobleme der Gnosis“ (Göttingen 1907; die 5. Aufl. wurde 1965 von Rudolf Bultmann herausgegeben), "Kyrios Christos: Geschichte des Christusglaubens von den Anfängen des Christentums bis Irenaeus“ (Göttingen 1913) oder der 1979 von Anthonie F. Verheule herausgegebenen Band "Religionsgeschichtliche Studien: Aufsätze zur Religionsgeschichte des hellenistischen Zeitalters“ bilden gleichsam den wissenschaftsgeschichtlichen Gründungsbestand des Instituts / der Abteilung für hellenistische Religionsgeschichte.
Die Tradition der Religionsgeschichtlichen Schule wurde in Göttingen nach dem 2. Weltkrieg von Carsten Colpe fortgesetzt. Als Direktor der Abteilung für allgemeine Religionsgeschichte setzte sich Colpe kritisch mit den Methoden und wissenschaftlichen Konzepten dieser Gelehrten auseinander und bearbeitete seinerseits deren religionsgeschichtliches Arbeitsfeld ausgehend von neueren nichttheologischen religionswissenschaftlichen Ansätzen. Im Jahresbericht der Universität Göttingen 1968/69 benannte er deswegen zwei Schwerpunkte, die er innerhalb des Gesamtgebietes bevorzuge: "1. Religionen der ausgehenden Antike unter besonderer Berücksichtigung des iranischen Anteils am Synkretismus, von da aus auch Entwicklungen in der iranischen Religionsgeschichte, welche die – für das lückenlose Studium des Hellenismus in erster Linie wichtige – Parther- und Sassanidenzeit mitbestimmen (z. B. Beziehungen Zoroastrismus – Nichtzoroastrismus) oder aus ihr weiterwirken (schiitischer Islam) … 2. religionsphänomenologische und methodologische Frage, vor allem in Hinblick auf eine etwaige Einheit der Religionsgeschichte und auf das Verhältnis des Christentums zu anderen Religionen“. Der Focus des zweiten Schwerpunktes auf die Verortung des Christentums innerhalb der Religionsgeschichte weist Colpe als treuen Anwalt von Anliegen der Religionsgeschichtlichen Schule aus.
Nach dem Wechsel Carsten Colpes auf den Lehrstuhl für Iranistik an die Freie Universität Berlin übernahm Gernot Wießner den Göttinger Lehrstuhl für Religionsgeschichte. Mit seiner streng historisch-philologischen Arbeitsweise und seiner grundsätzlichen Offenheit für theologische Anliegen setzte Wießner Colpes Göttinger Wirken nahtlos fort. Noch vor der eigentlichen Übernahme des Lehrstuhls wurde Wießner Sprecher des Sonderforschungsbereiches 13 "Orientalistik mit besonderer Berücksichtigung der Religions- und Kulturgeschichte des Vorderen Orients (Synkretismusforschung)“. Durch das von Carsten Colpe – Colpe blieb der Göttinger Abteilung für Allgemeine Religionsgeschichte als Honorarprofessor verbunden - betreute Teilprojekt B. "Phraseologisches Wörterbuch zur synkretistischen und gnostischen Literatur“ und das von Alexander Böhlig betreute Teilprojekt G. "Der hellenistische Beitrag zum Synkretismus im Vorderen Orient“ spielte die hellenistische Religionsgeschichte innerhalb des Sonderforschungsbereiches eine prominente Rolle. Ausdrücklicher Zweck der damaligen wissenschaftlichen Arbeit war es, "eine exakte Grundlage für die vergleichende religionsgeschichtliche Forschung zu liefern“ (Universität Göttingen, Jahresbericht 1971/73, S. 187.) Inhaltlich ging es vor allem um "die Erforschung des allgemein als "Synkretismus“ bezeichneten Phänomens im Bereich des Vorderen Orients innerhalb desjenigen zeitlichen Rahmens …, in dem das Griechische als "hellenistisches“ bzw. "Koiné-Griechisch“ neben dem Aramäisch-Syrischen als Verkehrs- und Kultursprache eine hervorragende Rolle als Verständigungs- und Austauschmittel zwischen den gewachsenen und werdenden Religionen und Kulturen spielte (ca. 300 v. Chr. – ca. 600 n. Chr.).“ (Universität Göttingen, Jahresbericht 1975/77, S. 474.) Die interdisziplinäre Kooperation der verschiedenen an dem Projekt beteiligten Fächer und ihrer Mitarbeiter war für die Vorgehensweise in diesem Sonderforschungsbereich konstitutiv.
War bereits der Forschungsschwerpunkt der allgemeinen Religionsgeschichte an der Theologischen Fakultät Göttingen allmählich mit der Arbeit im Sonderforschungsbereich 13 verschmolzen, so erfolgte mit dessen Ende am 31.12.1981, die Eingliederung des Faches als Abteilung "Religionsgeschichte der Spätantike und des Vorderen Orients“ in das Institut für Spezialforschungen. Aus dieser Zeit existieren noch umfangreiche Bibliotheksbestände, die durch dieses Institut wieder verstärkt genutzt und ergänzt werden.

Mit der Neubesetzung des Lehrstuhls im Wintersemester 2001/2002 änderte sich das Profil. Die Abteilung wurde in "Religionswissenschaft“ umbenannt, die nun in ihrer ganzen Breite Gegenstand der Forschung und Lehre ist. Die "Schwerpunkte liegen derzeit in den Bereichen Neue Religionen und Buddhismus, auf der vergleichenden und systematischen Religionsforschung, sowie auf Formen interreligiöser Austauschbeziehungen und gegenseitiger Fremdwahrnehmung. Ein weiterer Schwerpunkt liegt im Bereich der Chinesischen Religion. Dieser wird von Herrn Dr. Gentz vertreten, der als erster Juniorprofessur an der Fakultät tätig ist.“ (Information zum Seminar für Religionswissenschaft auf der Homepage der Theologischen Fakultät Göttingen).

Die Gründung der Abteilung "hellenistische Religionsgeschichte“ knüpft an die von Wilhelm Bousset, Carsten Colpe und Gernot Wießner geprägte Tradition der interdisziplinären wissenschaftlichen Beschäftigung mit der Religionsgeschichte der späteren Antike an und ergänzt und erweitert dadurch sowohl das theologische wie das religionswissenschaftliche Profil der gegenwärtigen Fakultät.
Angestrebt ist eine enge Zusammenarbeit mit dem Zentrum Orbis Orientalis (CORO), dessen Mitbegründer ich bin.

Forschungsprofil

Der Begriff „Hellenismus" stammt aus dem Judentum, das damit in seinem Ringen um Eigenständigkeit gegenüber dem Assimilationsdruck der griechischen Kultur diese als eine sprachlich, kulturell und gesellschaftlich zusammengehörende Einheit verstanden hat. Von Johann Gustav Droysen (1808-1884) wurde der Begriff als Epochenbezeichnung für die Zeit des griechisch-makedonischen Imperialismus zwischen dem Alexanderzug und dem Sieg Roms verwendet. Heute wird der Begriff und das Attribut hellenistisch im weiteren Sinn als Bezeichnung einer vom griechischen Geist geprägten Epoche auch noch für die Zeit des Imperium Romanum verwendet.
Der gewaltige geographische Raum, den die hellenistische Kultur umspannte, reicht von Griechenland bis Indien, vom Schwarzen Meer bis nach Ägypten. Um dieses weite Feld einigermaßen sachgemäß bearbeiten zu können ist heute, im Unterschied zu Gustav Droysen, interdisziplinäres Zusammenwirken verschiedener Disziplinen und ein zusammentragen ihrer Forschungsleistungen erforderlich.
Die Verschmelzung von griechischer Kultur mit den jeweiligen lokalen Einflüssen gibt der Zeit des Hellenismus ihr besonderes Gepräge, indem das Griechische einerseits zu einer Art Weltsprache wurde und die griechische Philosophie Weltgeltung erlangte, indem aber andererseits zahlreiche lokale und regionale Impulse zu Bestandteilen dieses nur auf den ersten Blick einheitlichen, bei genauerem Hinsehen aber durchaus disparaten religiösen und kulturellen Konglomerats mit einander verschmolzen sind.
In diese Welt hinein vollzieht sich die Entstehung des antiken Judentums und – in Anknüpfung daran wie in Abgrenzung davon – die Ausbreitung des Christentums. Die Koiné bot Bedingungen und Möglichkeiten eines Transfers religiöser und philosophischer Ideen und kultureller Errungenschaften über weiter Teile der hellenisierten Welt. Den in griechischer Sprache verfassten frühchristlichen Schriften war damit ein Forum gegeben, das die Ausbreitung der Religion und ihre Amalgamierung mit anderen zeitgenössischen religiösen Strömungen begünstigte.

Die Anbindung der Abteilung für hellenistische Religionsgeschichte an den Lehrstuhl für NT dient der Erforschung des kulturellen und geistesgeschichtlichen Kontexts des Frühchristentums. Der notwendigerweise interdisziplinäre Charakter der Forschungstätigkeit an dieser Abteilung wird organisatorisch dadurch gewährleistet, dass der Klassische Philologe Prof. Dr. Heinz-Günther Nesselrath, der Religionswissenschaftler Prof. Dr. Andreas Grünschloß, der Alttestamentler Prof. Dr. Reinhard Gregor Kratz, der Neutestamentler Prof. Dr. Florian Wilk sowie der Neutestamentler und Gräzist Dr. Rainer Hirsch-Luipold in die konzeptionelle und wissenschaftliche Arbeit der Abteilung eingebunden sind. Inhaltlich wird die Interdisziplinarität nicht zuletzt durch das Projekt SAPERE (Sta Antiquitatis Posterioris ad Ethicam REligionemque pertinentia, "Schriften der späteren Antike zu ethischen und religiösen Fragen“) sichergestellt, das einen Schwerpunkt der Abteilung darstellt. In diesem Editionsunternehmen werden bereits seit einigen Jahren philosophische und religiöse Texte der römischen Kaiserzeit durch ein intensiv miteinander kommunizierendes Forscherteam in interdisziplinärer und internationaler Zusammenarbeit ediert, übersetzt, eingeleitet, kommentiert und mit weiterführenden Essays versehen.

Die Arbeit der Abteilung wird koordiniert durch eine halbe Mitarbeiterstelle.