Kunstgeschichtliches Seminar

Projekte



Materielle Kulturen des intellektuellen Austauschs zwischen Deut­schland und Rus­sland
Ko­operation mit Anna Kotomina vom Poly­technischen Museum und der Staatlichen Russischen Universität für Geistes­wissen­schaften Mos­kau, RGGU (DfG För­derung zur For­schungs­an­bahn­ung)

Das Pro­jekt soll den inten­siven Aus­tausch zwi­schen Rus­sland und Deut­schland untersuchen, der um 1900 im Zuge der Heraus­bildung einer inter­nationalen Forschungs­gemeinschaft zu beo­bachten ist. In dieser Zeit eta­blierten sich die Ver­fahren der ex­perimentel­len Psycho­logie in Be­reichen jenseits der Psycholo­gie (in der Indus­trie, der Erz­iehung und den Künst­en). Die Aus­gangs­frage an­gesichts dieser Ent­wicklung ist: Wie ver­teilten sich die inter­nationalen Stan­dards zur Ver­mes­sung des Men­schen und wie kam es zu ihrer dis­ziplinären Ent­grenzung? Dieser Frage soll exem­plarisch am Wissens­transfer zwischen Deutsch­land und Rus­sland nach­gegangen wer­den. Für ein tieferes Ver­ständnis der For­schung in beiden Län­dern wird die materiel­le Kultur des Wissens­transfers in den Blick genom­men (Instru­mente, Bilder, Labor­objekte), die im Gegen­satz zu dem weit­gehend be­kannten schriftlichen Aus­tausch der Wis­senschaftler kaum unter­sucht wurde. Die ent­scheidenden Quel­len hierzu stellen wissen­schaftliche Sam­mlungen auf dem Gebiet der Physik und Psycho­logie dar, die sich u.a. im medizin­historischen Museum in Moskau und im psycho­logischen Institut in Leipzig befinden. In Göt­tingen wären die Sam­mlungen des physikalisch­en Instituts, der Astro­physik und die Model­lkammer von Be­lang. The­se des Pro­jekts ist, dass durch den Ein­be­zug der zwi­schen den Wis­sen­schaft­lern zir­ku­lier­ten Ma­teri­alien ei­ne an­dere Ge­schich­te des in­tel­lek­tuel­len Aus­tauschs nach­voll­zieh­bar wird.


Wissens­praktiken. Bilder in der Ge­schichte der ex­perimentel­len und an­gewandten Lebens­wissen­schaften
ge­meinsam mit Jana August am ZfL Berlin durchgeführtes Projekt

Im Projekt wird der Einsatz von Bildern in der Wahr­nehmungs­forschung unter­sucht. Dabei sind die Über­legungen leitend, dass Bilder (wie Reizbilder, Modell­bilder oder Test­bilder) einen ent­scheidenden An­teil an der Ent­stehung von Wis­sen haben, dass sie als Ver­mittler zwischen Experimental­praxis und Theorie­gewinnung agieren und dass sie weit über den wissen­schaftlichen Raum hinaus wirken (etwa wenn sie von Künstlern an­verwandelt werden). Ziel ist es - im Sinne der his­torischen Epistemo­logie - die Aus­breitung des mithilfe von Bildern gewon­nenen Wissens nach­zuvollziehen und seine medialen, politischen und sozialen Im­plikationen in den Blick zu bekommen. Ein besonderes Augen­merk wird auf die Ästhe­tik des Wis­sens gelegt, zu­gleich per­spektiviert das Projekt die Voraus­setzungen einer aktuellen Kon­junktur empirischer.

Der Frage nach der epis­temischen Funk­tion von Bildern wird an zwei Fal­lbeispielen aus der Wahr­nehmungsforschung des 19. Jahr­hunderts nach­vgegangen:

  • Augen­spiegel­bilder. Zur Sicht­bar­mach­ung des Seh­ens (Mar­garete Vöhr­ing­er)
    Das Projekt ist kon­zipiert mit dem Ziel einer materiel­len Kultur der Wahr­nehmungs­forschung. Im Mittel­punkt steht Hermann von Helmholtz' Er­findung des Augen­spiegels, seine An­wendung in der Augenheil­kunde und seine Wirkung über die Wis­senschaften hinaus in Kunst und Kunst­theorie. Das Material befindet sich in dem nahezu un­berührten Nachlass des Augen­arztes Albrecht von Graefe am Berliner Medizin­historischen Museum.
    Das Projekt hat die Bilder zum Gegen­stand, die mit dem Augen­spiegel angefertigt wurden: Aus­gehend vom ersten Atlas für Ophthalmos­kopie, den Helmholtz' Assistent Richard Lieb­reich ent­wickelte, um Augen­ärzte im Er­kennen von Krankheiten zu schulen, lässt sich die Nutzung von Augen­hintergrundbildern vom wis­senschaftlichen Labor bis an die National Gallery in Lon­don und die École des Beaux-Arts in Paris nach­vollziehen. Das Projekt ver­sucht, das Ver­hältnis von Theorie und Praxis - hier konkret von Wahr­nehmungslehre, Augen­heilkunde und Kunst - anhand der Bilder neu zu fassen.

  • Op­tische Täusch­ungen. Wis­sens­geschichte und Bildpraxis der Wahr­nehmungs­forschung (Jana August)
    In der experimentel­len Er­forschung des Sehens kom­mt den optischen Täusch­ungen im 19. Jahr­hundert eine bes­ondere Rolle zu. Einer­seits thema­tisierten diese Phäno­mene als Il­lusionen von Farb-, Form- oder Bewegungs­wahrnehmungen in be­sonderem Maße die Sub­jektivität der Er­kenntnis, indem sie auf die physiologischen wie psychologischen Be­dingungen von Wahr­nehmung ver­wiesen. Anderer­seits ent­standen zur Er­forschung optischer Täuschung­en eine Reihe von Mess- und Untersuchungs­verfahren, die unter Ein­satz speziell ent­wickelter Test­bilder die wis­senschaftliche Beschreibung visuel­ler Er­kenntnis er­möglichten. In den Schriften beispiels­weise von Hermann von Helmholtz, Wilhelm Wundt und Max Wertheimer sind die Ergebnis­se dieser Labor­experimente mit Bildern theo­retisch aus­formuliert wor­den. Wie das Ver­hältnis von Bild­praxis und Theorie­bildung in der Er­forschung des Sehens zu bestim­men ist, unter­sucht das Pro­jekt am Bei­spiel diverser Test­bilder optischer Täusch­ungen.


Im Projekt wurde vom 24.11.2016 - 25.11.2016 ein Workshop durch­geführt:
Das Wissen vom Auge. Wahrnehmungs­geschichte und Bild­praxis.

  • Sehstörungen. Grenzwerte des Visuellen in Künsten und Wissenschaften
    hg. von Anne Kathrin Reulecke und Margarete Vöhringer.


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  • Reflex und Kognition. Zur Kon­figuration der Neuro­sciences (abgeschlossen), ge­meinsam mit Yvonne Wüb­ben am ZfL Berlin durch­geführtes Projekt (DfG-Förderung)


Mehr als 15 Jahre nach der Pro­klamation der so genan­nten "Dekade des Gehirns" hat sich der Ter­minus neuro­science zwar weitest­gehend eta­bliert, dennoch konnte die "neue Wis­senschaft" die an sie ge­richteten Erken­ntnis­erwartungen nur zum Teil er­füllen. Trotz der zu ver­zeichnenden Negativ­bilanz wird dem Ge­hirn weiterhin eine eminente Be­deutung für die Kontrol­le vitaler und kog­nitiver Prozes­se bei­gemessen. Dabei bleibt ein Aspekt al­lerdings oftmals un­berücksichtig: die cerebrale Steuer­ung von Re­flexen. Histo­risch ge­sehen fäl­lt sie ebenso in den Gegen­stands­bereich der neuroscience wie die Ko­gnition.

Von dieser Beo­bachtung aus­gehend widmete sich das ge­plante Pro­jekt der Ge­schichte der Reflex­forschung als einem für die Kon­figuration der Neuro­wis­senschaft konstitutiv­en Gegenstands­bereich. Ein Blick auf die Konstel­lationen um 1800 zeigte, dass sich die experiment­elle Er­forschung des Ge­hirns, seine epistemische Objekt­werdung in modernen Experimental­systemen, we­sentlich von der Peri­pherie aus, das heißt von der Er­forschung des Anderen der Kog­nition, vollzog. Im Zuge der Experimenta­lisier­ung der Peripherie (so z.B. bei Haller) wurde ein Wissen produziert, das im Laufe des 19. Jahrhunderts in die Hirnforschung einging. Die Etablierung moderner neurowissenschaftlicher Methoden trat somit aus einer Konstellation hervor, die sich durch zwei Momente aus­zeichnete: zum einen durch die Auf­hebung der zentralen Leit­differenz von Zent­rum und Peri­pherie, wie sie noch für die ver­tikal organisierte früh­neuzeitliche Wissens­ordnung ken­nzeichnend ist; zum anderen durch die sukzes­sive Eta­blierung eines horizontalen Model­ls, in dem Transfer­prozesse möglich werden.

Im Rahmen des geplanten Pro­jektes wurden jene Wis­sens­praktiken zwischen 1700 und 1800 re­konstruiert, die zur Unter­scheidung von Peri­pherie und Zent­rum bei­getragen haben und in deren Zug das Gehirn sowie das periphere Nerven­system zu epistemischen Ob­jekten avancierten. Gegen­über primär theorie- bzw. konzept­geschichtlichen An­sätzen war das Projekt diskurs- und ex­perimental­geschichtlich angelegt. Der ex­perimental­geschichtliche Teil anal­ysierte die Über­tragung der peri­pheren Experimental­techniken, durch die das Forschungs­objekt "Gehirn" über­haupt erst seine Kon­turen erhielt. Hier steht die Unter­suchung der materialen Kul­tur im Vor­dergrund: welche Techniken der Sicht­barmachung gab es? Wie wurden Gehirn und Peri­pherie prak­tisch erforscht und re­präsentiert? Welche Rolle spielte das anato­mische Theater dabei als öf­fentlicher Schau­platz der Wis­sen­schaft und mit welchen theatra­lischen Mitteln wurden episte­mische Ob­jekte dort in Szene gesetzt? Daran schloß sich ein zweiter diskurs­ge­schichtlicher Teil an, der litera­rische und wis­senschaftliche Ima­ginationen des Ge­hirns unter­sucht und zu Experimental­praktiken in Be­ziehung setzte. Zahl­reiche Texte befas­sten sich um 1800 mit der Er­forschung des Ge­hirns, sie nahmen nicht selten auf konkrete Ver­suche Be­zug. Welche kulturel­len Muster bei der Deu­tung dieser Ver­suche zum Tra­gen kamen, an welche Kon­texte sie sich an­lehnten und in­wiefern sie z.B. am po­litischen Dis­kurs parti­zipierten waren hier die ent­scheidenden As­pekte.
Margarete Vöhringer, Yvonne Wübben (Hg.)



Im Erscheinen ist

  • guktuktzkiPhantome im Labor
    Die Verbreitung der Reflexe in Hirn­forschung, Kunst und Technik
    Berichte zur Wissenschaftsgeschichte
    Wiley-VCH Verlag GmbH & Co
    Weinheim 2009







  • The Homeless Story (abgeschlossen), Raum- und Video­installation mit Birk Weiberg, Beitrag zur Aus­stellung "bo01 - Homeless" (2001 kuratiert von Boris Groys).



  • Ausstel­lungen zeit­genössischer Kunst innerhalb der Berliner Galerie aroma informations­design (abgeschlossen), mit Birgit Schneider und Andreas Eberlein initi­ierter Pro­jektraum.