Kunstgeschichtliches Seminar

Projekte


Projekt Künstlerwissen Thimann

Künstlerwissen und Künstlerlektüre im Rom des 19. Jahrhunderts. Die Bibliothek des Deutschen Künstlervereins und ihr wissensgeschichtlicher Kontext (gefördert durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft)
Leitung: Prof. Dr. Michael Thimann in Zusammenarbeit mit Dr. Maria Gazzetti (Casa di Goethe, Rom)
Wissenschaftlicher Mitarbeiter: Dr. Ulf Dingerdissen


Sofort nach seiner Konstitution im Jahr 1845 begann der Deutsche Künstlerverein, für seine Mitglieder eine Bibliothek aufzubauen. Diese Büchersammlung war die dritte, die im 19. Jahrhundert für die in Rom wirkenden deutschsprachigen Künstler angelegt wurde. Zuvor waren bereits 1821 vornehmlich dank der Initiative des preußischen Diplomaten Christian Carl Josias Bunsen und des Malers Johann David Passavants auf dem Kapitol die Bibliothek der Deutschen sowie 1832 unter der Schirmherrschaft König Ludwigs I. von Bayern auf der Villa Malta die Bibliothek der Deutschen Künstler gegründet worden. Im Jahr 1900 wurden dem Deutschen Künstlerverein schließlich die beiden älteren Bibliotheken übereignet und die einzelnen Bestände zu einer umfassenden Künstlerbibliothek zusammengeführt. In Folge des Zweiten Weltkriegs in Einzelbestände ge- und auf unterschiedliche Institutionen in Rom verteilt, befindet sich die Bibliothek des Deutschen Künstlervereins seit 2012 in der Casa di Goethe. Wiedervereint steht die heute noch etwa 4500 Bände zählende Bibliothek dort jetzt der Forschung zur Verfügung. Die wissenschaftliche Erschließung der Bibliothek des Deutschen Künstlervereins und die Rekonstruktion ihrer Bedeutung in wissens- und konstellationsgeschichtlichen Bedeutung sind die erklärten Ziele dieses Forschungsvorhabens, von dem sich weitgehende Aufschlüsse sowohl über das Lektüreverhalten der deutschen Künstler in Rom als auch die Organisation des intellektuellen Lebens innerhalb der deutschen Künstlerrepublik sowie den philosophischen, religiösen und kunsttheoretischen Ideentransfer erwarten lassen: Als Bibliothek für die Künstler entstanden, ist die Bibliothek des Deutschen Künstlervereins ein aussagekräftiges Dokument für das Künstlerwissen, die Künstlerbildung und die Künstlerlektüre im 19. Jahrhundert. Den ganz besonderen Wert besitzt diese Bibliothek, da sie auf dem gewissermaßen exterritorialen Gebiet in Rom entstand, womit sich beispielhaft beschreiben lässt, wie eine intellektuelle Struktur von Grund auf geplant und realisiert worden ist. Als Sammlung von wertvollen historischen Buchbeständen an sich von hohem Interesse, liegt die große Bedeutung der Bibliothek des Deutschen Künstlervereins zudem in jedem einzelnen Buch selbst mit seinen Widmungen, Besitz- und Geschenkvermerken sowie Marginalien von namhaften Künstlern und Intellektuellen des ausgehenden 18. und 19. Jahrhunderts. Auf Grundlage der Erfassung und Auswertung der Künstlerbibliothek werden sich damit erstmalig gesicherte Aussagen über das Wissen und den Lektürekanon sowie über die Rezeption ästhetischer, philosophischer, poetischer, politischer, religiöser oder sozialer Ideen in Rom machen lassen, was bisher in dieser Form kaum möglich ist. Für eine Rekonstruktion der zentralen Debatten des 19. Jahrhunderts bietet die Bibliothek einen unschätzbaren Quellenfundus, da durch die Bücher und Lesespuren nicht nur die schwierigen Bedingungen von Lektüre unter dem Einfluss der päpstlichen Zensur sichtbar werden, sondern sich die Debatten konkret nachvollziehen und illustrieren lassen – etwa die Diffusion protestantischen Gedankenguts, die breite Auseinandersetzung mit kontrovers-theologischen Schriften sowie die Rezeption der beispielsweise von Humboldt, Fernow, Kant, Hegel oder Schelling angeregten philosophischen und ästhetischen Diskurse.