Prof. Dr. Murad Erdemir

Elena Muhl

Ein mulmiges Gefühl begleitete mich am Morgen des Kolloquiums. Trotz all der Vorbildung und Erfahrungen im Vorfeld bin ich bis heute kein Fan von einschlägigen Filmen. Auch blieb mein Bedürfnis, Filme dieser Art zu schauen, immer auf einem niedrigen Niveau und so war ich über die Filmauswahl zunächst nur mäßig erfreut. SAW I und II hatte ich zwar noch gesehen, nur reichte mir das aber im Großen und Ganzen. Über IRREVERSIBEL hatte ich außerhalb der Uni noch nie etwas gehört und die Informationen, die ich im Vorfeld von dem Referenten über den Film bekommen hatte, ließen meine Vorfreude auf den Nullpunkt sinken. Noch dazu neige ich zum Zucken bei Horrorfilmen, was mir in Gesellschaft immer unangenehm ist.

Kurzum: Meine Begeisterung hielt sich in Grenzen.

Jedoch änderte sich diese anfängliche Skepsis schneller als erwartet. SAW V UNRATED war nicht wirklich dramatischer als die Teile I und II und die wissenschaftliche Atmosphäre im Hörsaal machte die Rezeption des Films deutlich leichter. IRREVERSIBEL hinterließ einen tieferen Eindruck bei mir, jedoch auch geprägt von Neugierde auf Hintergrundinformationen und auf die rechtliche Einschätzung. Es sind wohl keine Filme, die ich in meiner Freizeit zur Unterhaltung gucken würde, trotzdem war es eine interessante Erfahrung, die mich auch wieder offen machte für „einschlägige“ Filme.

Nach der Mittagspause folgten die Referate. Schwerpunkt bei SAW V UNRATED war der Ansatz, Filme in gewisse Genres einzuordnen und hierbei die jeweils typischen Stilmittel sorgfältig herauszuarbeiten, um sie auch juristisch besser beurteilen zu können. Im Anschluss entbrannte eine Diskussion darüber, dass solche Einordnungen ja ziemlich subjektiv seien. Prägend für die gesamte Veranstaltung, das möchte ich vorwegnehmen, war schließlich die Erkenntnis, dass rechtliche Beurteilungen von Filmen naturgemäß sehr subjektiv geprägt sind.

Auf den Vortrag zu IRREVERSIBEL und die darin enthaltende Subsumtion unter die einschlägigen juristischen Normen folgte erneut eine lebhafte Diskussion. Gerade die Frage, ob die Kunsteigenschaft den Film und die ausschweifende Vergewaltigungsszene rechtfertigen kann, bewegte die Gemüter. Man war sich jedoch auch einig, dass der Film einen zwar verstörte, im Ergebnis aber durch die Erzählweise diesen Eindruck teilweise revidieren konnte. Zusammenfassend war die Einstufung durch die Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft GmbH (FSK) mit „Ab 18“ bzw. „Keine Jugendfreigabe“ für die meisten Teilnehmer gerechtfertigt.

Wir verließen anschließend das Gewaltgenre und widmeten uns dem Thema „Pornografie“. Begonnen wurde mit dem Film 9 SONGS. Schwerpunkt des Vortrages war unter anderem die Frage, ob und inwieweit eine besonders realistische Darstellung sexueller Interaktion vom Vorwurf der Pornografie zu befreien vermag. Zur Verdeutlichung wurden kurze Ausschnitte aus dem Film gezeigt. Soweit ich das beurteilen konnte, handelte es sich bei den gezeigten Szenen um ganz „normale“, authentisch gefilmte Liebesakte. Der Film zeigte zwar alles, mutete dabei aber nicht wie ein klassischer Hardcore Pornofilm an. Der Eindruck bei mir war entsprechend positiv, zumal auch die Protagonisten definitiv nicht als bloße Sexobjekte dargestellt wurden. Es herrschte dadurch auch weitgehende Einigkeit bei den Teilnehmern, dass eine FSK-Kennzeichnung mit „Freigegeben ab sechzehn Jahren“ vollkommen zu vertreten war.

Der letzte Vortrag befasste sich mit dem Film IM REICH DER SINNE. Auch hier wurden kurze Szenen gezeigt. Der Referent machte den Aspekt des Voyeurismus als zentrales Element des Pornografiebegriffs und dementsprechend die Verhinderung der Verleitung Minderjähriger zum Voyeurismus als zentrale Schutzrichtung des Pornografieverbots aus. Dieser durchaus sehr interessante Ansatz konnte leider aufgrund der fortgeschrittenen Zeit nicht mehr vertieft werden, hinterließ aber auch wieder viel Stoff zum Nachdenken.

Fazit: Meine anfängliche Skepsis wurde durch die wissenschaftliche Atmosphäre und die wirklich guten Vorträge vollkommen beseitigt. Es wurde wieder einmal gezeigt, dass Jura in Bewegung bleiben muss, um neue Filmerscheinungen angemessen rechtlich beurteilen zu können. Im Besonderen das Jugendmedienschutzrecht befindet sich im ständigen Fluss, nicht zuletzt bedingt auch durch den Wandel gesellschaftlicher Wertvorstellungen. So war ein Film vor zwanzig Jahren höchst skandalös und ringt uns heute nur noch ein müdes Lächeln ab. Das zeigt deutlich, dass gerade Medienrechtler dazu angehalten sind, beim Umgang mit unbestimmten Rechtsbegriffen wie Gewaltverherrlichung und Pornografie „mit der Zeit“ zu gehen. Stillstand kann man sich in diesem Bereich nicht erlauben. Es gibt noch viel zu viele Fragen zu klären und Lösungen zu entwickeln.

Elena Muhl, Studentin der Rechtswissenschaften, Göttingen