Prof. Dr. Murad Erdemir

Wie ein ganzes Genre zum Zwecke des Jugendschutzes den Erwachsenen verborgen bleibt
 
Oder was es mit der Indizierung des Horrorfilms SAW V UNRATED auf sich hat

 
Dass Jugendmedienschutz bei den heutigen medialen Angeboten erforderlich ist und seine Bewältigung sowohl hinsichtlich der Qualität als auch Quantität nicht gleichzusetzen ist mit Jugendschutz hinsichtlich Alkohol und Drogen, ist klar. Es ist kaum vorstellbar, dass ein bestimmtes alkoholisches Getränk vom Markt nahezu ferngehalten wird, weil eine Gruppe sich dazu berufener Erwachsener zu dem Schluss gelangt ist, diese bestimmte Alkoholsorte könne beim Konsum durch Jugendliche deren Entwicklung beeinträchtigen.
 
Dennoch ist genau dies im Bereich von Kino und Trägermedien der Fall – das Genre Horror mit den zahlreichen Unterkategorien wie Splatter und Gore wird der erwachsenen Bevölkerung zum Teil vorenthalten mit der fragwürdigen Begründung der möglichen Gefährdung des öffentlichen Friedens oder unserer Jugend. Und wenn die Medienangebote nicht gänzlichen vorenthalten werden, so wird häufig bereits im Vorfeld ihrer Bewerbung durch Trailer solch eine Gegenkampagne durch gesellschaftliche Diskussionen gestartet, dass selbst ein mündiger Erwachsener schon allein deshalb das Interesse an den Angeboten verliert. Zudem entsteht die Bedrängnis, seinen eigenen Medienkonsum nicht mehr selbst zu bestimmen wegen der Gefahr, als möglicher Jugendschutzgegner oder als gesellschaftsuntauglich abgestempelt zu werden.
 
So ging es mir. Thriller – und insbesondere Psychothriller – haben es mir schon immer angetan, und meist musste ich allein vor dem Fernseher sitzen, weil ich keinen fand, der meinen Filmgeschmack teilte.
 
Ob ein Film nun als Psychothriller oder Horrorfilm seine Genre-Bezeichnung findet, liegt nicht so sehr an der Handlung oder gar dramaturgischen Aufarbeitung, vielmehr entscheidet darüber die Menge und Darstellung von Gewalt. Dabei ist gerade die so gefährliche psychische Gewalt vom Medienstrafrecht nicht erfasst, obschon diese viel mehr den Zuschauer erschauern zu lassen vermag. Horrorfilme wie die SAW-Reihe geraten dabei in Verruf aufgrund ihrer expliziten Gewaltdarstellung. Aber macht sich jemand dabei wirklich Gedanken um die Wirkung dieser Gewalt?
 
Ich denke Nein – wie kann es sonst sein, dass deutsche Filme wie DAS EXPERIMENT aus dem Jahr 2001 mit Moritz Bleibtreu und Andrea Sawatzki die Altersfreigabe FSK 16 bekommen, und SAW V UNRATED immer noch wegen des von der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien (BPjM) erhobenen Vorwurfs strafbarer Mediengewalt indiziert und in Liste B eingetragen ist, an eine Altersfreigabe gar nicht zu denken. Obwohl der deutsche Film auf dem Grundgedanken des Stanford-Prison-Experiments beruht und der Verlauf der Geschichte daher von Beginn an nicht unbekannt ist, ist die Spannung, mit der der Zuschauer umgehen muss – und die auch ein Kriterium bei der Bewertung von Gewalt im Hinblick auf den Jugendschutz sein muss – weitaus größer als bei den Handlungen von John Kramer alias Jigsaw, der seine Hauptdarsteller aufgrund einer von ihm erfundenen Weltideologie quält. Hier wird dem Zuschauer aufgrund der über sämtliche Teile der Filmreihe einheitlichen Struktur zunächst erklärt, welche Verletzungen dem Opfer zugefügt werden, oder besser gesagt, sich das Opfer selbst zufügen muss, und inwieweit das Opfer Schmerzen empfinden wird – trotz des vielen Bluts, das in der Abfolge fließt, ist dies keine gewaltverherrlichende oder gar die Menschenwürde verletzende Gewaltdarstellung. Der Zuschauer wird nicht überrascht mit roher und unerträglicher Gewalt, vielmehr wird die menschliche Psyche auf die Probe gestellt. Der Zuschauer kann entscheiden, ob er mit dem Opfer mitfühlt oder einfach nur die Handlung verfolgt und sich fragt, was muss in dieser Welt noch passieren, damit Jigsaw im Hinblick auf seine Ideologie keine neuen Opfer mehr suchen wird, denen er eine „Erlösung“ durch selbstzugefügten Schmerz anbietet – wann werden die Menschen menschlicher, ob nun die Opfer oder die Täter.
 
Während bei der Kürzung und Indizierung einzelner Titel der SAW-Reihe fast ausschließlich auf die Gewaltszenen abgestellt wird, gehen die Handlung und die der Reihe zugrunde liegende Kuriosität der menschlichen Handlungsfähigkeit völlig in der Gemetzel-Kritik unter. Da vergessen wohl die Prüfer, dass es sich nun mal um das Genre Horror handelt und nicht um eine Komödie, und dass Blut und Grusel nun mal zum Genre dazugehören und nicht zwangsläufig gleichzusetzen sind mit einer Jugendgefährdung und den ihr anhaftenden Schutzmechanismen, die auch Erwachsene von der Möglichkeit des Konsum fernzuhalten vermögen.
 
Nachdem ich im Sommersemester 2007 als Jurastudentin gewissermaßen die Geburtsstunde des Jugendmedienschutzrechts an einer deutschen Universität miterleben durfte, gab mir die Veranstaltung die willkommene Gelegenheit, sowohl die Uni Göttingen als auch „meinen“' Dozenten einmal wiederzusehen, wenngleich die Filmauswahl am Vormittag selbst zunächst auch weniger einladend auf mich wirkte. Bereits im Vorfeld der Veranstaltung war ich sehr besorgt, inwieweit ich den als so furchtbar deklarierten Film SAW V UNRATED verkraften werde – wie viele schlaflose Nächte wird er mir bereiten?
 
Meine persönliche Erfahrung war, dass es sich um eine guten Film eines bestimmten Genres handelt, der an meine Vorlieben – nämlich Psychothriller – grenzt und dabei viel harmloser ist als diese Filme. DAS EXPERIMENT mit den realistischen Darstellungen und der an das Tagesgeschehen erinnernden Kameraführung verschaffte mir als Konsumentin viel mehr Angst und Erschauern, obwohl Blut nicht zu sehen war. Durch die Tatsache, man selbst könnte genauso Täter oder Opfer der Stanford-Prison-Situation sein, verspürt der Zuschauer viel mehr Lähmung und Bestürzung – das Erlebnis ist nachhaltiger. Gerade hier sollte der Gedanke der möglichen Jugendgefährdung ansetzen.
 
Der zweite Film aus der Kategorie Gewaltdarstellung war IRREVERSIBEL. Obwohl kein typischer Horrorfilm, mit der Altersfreigabe FSK 18 versehen und entsprechend nicht indiziert, war die Rezeption ein wahrer Horror für mich als Zuschauerin. Die explizite Darstellung einer Vergewaltigung in einer Szene von fast 12 Minuten ohne einen einzigen Bildschnitt machte es dem Zuschauer unmöglich, den Bildern zu entfliehen. Obwohl hier kein Gemetzel und kaum akustische Schreie wahrzunehmen waren, war die unaufhörliche Situation nicht gleichzusetzen mit fehlendem Schmerz und hinsichtlich der empfundenen Anspannung beim Betrachter nicht vergleichbar mit einer vergleichsweise „harmlosen“ Kreissäge, die eine menschliche Hand in der Mitte teilt mit viel Blut und Geschrei.
 
Ohne Zweifel darf  SAW V UNRATED nicht für Jugendliche zugänglich gemacht werden, aber dies rechtfertigt es gleichwohl nicht, alle Erwachsenen zumindest faktisch vom Konsum fernzuhalten. Schließlich ist der Konsum von hochprozentigem Alkohol für junge Menschen auch nicht förderlich für eine gesunde Entwicklung, dennoch werden die Spirituosen nicht unter der Ladentheke versteckt und nur auf dem Schwarzmarkt gehandelt mit der Begründung des alles überragenden Jugendschutzes.

So wie kleine Kinder stets Cola und Süßes wollen, weil es ungesund und verboten ist, so interessieren sich Jugendliche und junge Erwachsene auch stärker für indizierte oder verbotene Filme, obwohl die tatsächlich für die Entwicklung riskante Gewalt – wie die Vergewaltigung in IRREVERSIBEL und Gruppenzwang mit zahlreichen Gewaltszenen in DAS EXPERIMENT – ihnen durch die Altersfreigaben wie Kaubonbons serviert wird, obwohl diese noch ungesünder sind als Zuckerlimonade. Jeder Jugendliche ist in der Lage sich vorzustellen, was passiert, wenn er seine Hand in eine laufende Kreissäge steckt, die dazugehörenden Bilder sind im Kopf bereits vorhanden, sie nochmals zu sehen, verstört nicht so sehr wie der Anblick einer äußert realen Vergewaltigung, die sonst nur als schreckliches Erlebnis in den Medien dargestellt und ohne eigene bildliche Vorstellung gefürchtet wird. Jugendgefährdung mit Blut zu messen ist genauso sinnvoll wie Karies mit dem Verbot vor Süßigkeiten zu stoppen.
 
Es gilt eine Konsumkompetenz zu schaffen, genauso wie das Zähneputzen von den Kleinen bereits verlangt wird.
 
Ich werde mir die restlichen Teile der SAW-Reihe nun endlich einmal ansehen.
 
Magda Wicker, Rechtsreferendarin, Kassel