Religionswissenschaft

Stellungnahme aus der Göttinger Religionswissenschaft (re:Spiegel)


Als Betreuer des Promotionsprojekts von Nina Käsehage zum Salafismus in Deutschland distanziere ich mich in aller Deutlichkeit von dem Artikel "Die Magie der Zahlen" (DER SPIEGEL Nr. 25, 17.06.2017, S.41). Aus meiner Sicht besteht der Artikel zur Gänze aus negativen Unterstellungen und diskreditierenden Vermutungen, die einen Täuschungsverdacht suggerieren, ohne empirisch belastbare Argumente vorzulegen. Fakt ist demgegenüber: Frau Käsehage hat in der Tat seit mehreren Jahren in einer besonders extensiven Weise empirische Feldforschungen in der gegenwärtigen salafistischen Szene unternommen - in Deutschland und darüber hinaus. Als Erstbetreuer kann ich dies beurteilen und stelle fest: Frau Käsehage verfügt aus eigener Anschauung und Begegnung über ein besonders detailliertes Primärwissen hinsichtlich vieler Prediger, Akteure, Gruppen und Netzwerke in diesem Feld, das sie teilweise bereits in zwei kleineren Buchpublikationen, vielen Vorträgen, Interviews sowie TV-Auftritten öffentlich unter Beweis stellen konnte. Dasselbe gilt von Ihren Lehrveranstaltungen zu Dschihad-Konzeptionen oder zum Salafismus in Deutschland, in denen die Studierenden enorm von ihrem aktuellen Sachwissen profitieren können. Ihr Promotionsverfahren wird voraussichtlich in Bälde abgeschlossen sein. Dann ist die Sachhaltigkeit und der volle Umfang ihrer empirischen Untersuchungen zur salafistischen Szene in Deutschland offen demonstrierbar, denn die entsprechenden Materialien, Analysen und Ergebnisse - inkl. sämtlicher Interview-Transkripte der Dissertation, die mir als Betreuer bereits vorliegen - können dann in entsprechenden Publikationsformen zugänglich gemacht werden.

Zum Status der Nachprüfbarkeit empirischer Feldstudien ist grundsätzlich zu betonen, dass die Zusicherung von Vertraulichkeit, sowie eine durchgängige Anonymisierung von Person und Ort zum unumgänglichen Standard qualitativer Feldforschung gehören (sofern einzelne befragte Akteure keinen expliziten Anonymisierungsverzicht äußern). Gegenüber dem pauschal erhobenen Verschleierungsvorwurf im SPIEGEL-Artikel ist festzuhalten: Frau Käsehage folgt mit ihrem eisernen Festhalten am Informantenschutz in vorbildlicher Weise den wissenschaftsethischen Grundsätzen der empirischen Sozialforschung.

Frau Käsehage verdient Respekt als umsichtige und engagierte Forscherin in einem schwierigen und höchst umstrittenen Feld, in dessen Zusammenhang verschiedene Perspektiven um die Deutungsmacht im öffentlichen Diskurs ringen: Ihre bereits in Ansätzen öffentlich sichtbar gewordene Kompetenz und mediale Sprachfähigkeit als Nachwuchs-"Expertin" im salafistischen Kontext könnte dazu führen, dass manche Akteure negativ auf ihre Präsenz reagieren. Im Gegenüber zu einer bloßen 'Magie der Unterstellungen' kann ich Nina Käsehage jedoch mein volles Vertrauen als Forscherin und Lehrperson ausdrücken.

Göttingen, 26.06.2017
Prof. Dr. Andreas Grünschloß

Abt. Religionswissenschaft, Theologische Fakultät, Georg-August-Universität Göttingen


Vgl. zu diesem Vorgang auch die Stellungnahme der Theologischen Fakultät, Universität Rostock (20.06.2017)

Und die Stellungnahme der studentischen Fachgruppe der Universität Göttingen

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Hubert Gude, Expertin, Eintritt in die Expertenwelt, will Wunder bewirken, Dutzende Dschihadisten, 35, Deradikalisierungsexpertin, Salafismus-Forscherin, 175 Interviews