Sprachwissenschaftliches Seminar

Profil: Sprachbeschreibung

Die Sprachfähigkeit ist eine der wichtigsten Eigenschaften des Menschen. Kinder lernen in ihren ersten Lebensjahren äußerst effizient und in kürzester Zeit, ihre Muttersprache zu beherrschen. Wie Sie aus der leidvollen Erfahrung des Sprachunterrichts in der Schule wissen, ist diese Fähigkeit leider auf die frühkindliche Phase beschränkt. Die Allgemeine Sprachwissenschaft, wie wir sie im Profil "Sprachbeschreibung" betreiben, beschäftigt sich damit, diese menschliche Sprachfähigkeit zu modellieren.
Wenn wir uns also mit Grammatik beschäftigen, heißt das nicht, dass wir Sprachbeschreibungen produzieren, wie Sie sie aus dem Schulunterricht kennen. Vielmehr versuchen wir nachzubilden, wie die grammatischen Kenntnisse aussehen, die sich Menschen im Erstspracherwerb aneignen. Dabei geht es nicht um Fragen des richtigen Gebrauchs von Wörtern oder Konstruktionen, wie sie der Duden lehrt. Für uns wichtig ist dagegen zum Beispiel die Tatsache, dass Sprecher des Deutschen in dem Wort chaotisch zwischen dem a und dem o einen sogenannten Knacklaut sprechen, nicht aber in dem so ähnlichen Wort Chaos. Ohne dass uns dies bewusst wäre, wissen wir also offenbar etwas über die Verteilung dieses Knacklauts in unserer Muttersprache. Genauso wissen Sprecher des Deutschen, dass der Satz


Über Sprache hat Maria ein Buch gelesen.

im Deutschen möglich ist, der Satz

Über Sprache hat Maria ein Buch verloren.

dagegen nicht. Diesem uns nicht bewussten Sprachwissen, über das wir alle verfügen, gilt im Profil Sprachbeschreibung unser Interesse.

Wenn Sie dieses Profil im Rahmen des Studiengangs "Allgemeine Sprachwissenschaft" studieren möchten, sollten Sie Spaß an modernen Fremdsprachen haben. Sie sollten zudem bereit sein, eine Wissenschaft zu studieren, die für die Geisteswissenschaften nicht gerade typisch ist: das Profil Sprachbeschreibung ist stark empirisch orientiert. Wir beschäftigen uns also mit der Sammlung und Auswertung ganz konkreter Daten alltäglicher Sprache. Zu diesen Daten bilden wir dann Hypothesen, die wir an weiteren Daten überprüfen. Aus dieser Vorgehensweise ergibt sich eine zweite Eigenschaft der Sprachwissenschaft, die sie von anderen Geisteswissenschaften unterscheidet: weil wir unsere Modellierungen von sprachlichem Wissen überprüfbar machen wollen, kommen wir nicht ganz ohne Formalisierungen aus. Sprachwissenschaftliche Arbeiten sehen deswegen auf den ersten Blick oft sehr technisch aus. Das heißt nun nicht, dass Sie sich für Mathematik begeistern müssen, Sie sollten aber andererseits damit leben können, wenn Ihnen in bescheidenem Umfang Konzepte und Begriffe aus der Mathematik und der Logik im Studium begegnen.