Faculty of Economic Sciences

Berufsschullehrer aus Leidenschaft: "Die Kunst ist, das eigene Wissen so für die Schüler aufzubereiten, dass diese einen maximalen individuellen Lernerfolg erzielen können."

Boris Scheffer hat an der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät von Oktober 2003 bis Januar 2008 Wirtschaftspädagogik I ohne Nebenfach studiert und sein Studium mit dem Titel Diplom-Handelslehrer erfolgreich abgeschlossen.

1) Wo arbeiten Sie und was sind Ihre Aufgaben?

Ich bin seit August 2010 Studienrat an der Modellschule Obersberg in Bad Hersfeld. Mein Unterrichtsschwerpunkt liegt in der Ausbildung von Bankkaufleuten. Darüber hinaus bin ich in der gymnasialen Oberstufe als Grund- und Leistungskurslehrer im Fach ‚Wirtschaft‘ eingesetzt. Neben dem eigentlichen Unterricht engagiere ich mich in der schulinternen Arbeitsgruppe ‚Berufs- und Studienorientierung‘, die mit verschiedenen Projekten und Veranstaltungen die Schülerinnen und Schüler bei dem Übergang vom Schul- ins Arbeits-/ Studienleben unterstützt, und bin Multiplikator im ‚Multiplikatorennetz für ökonomische Bildung‘ des Amtes für Lehrerbildung für den Landkreis Bad Hersfeld-Rotenburg und den Werra-Meißner-Kreis. Meine Aufgaben sind hier die Organisation und Durchführung von Fortbildungsmaßnahmen zu Themen der ökonomischen Bildung und die Vermittlung von Referentinnen und Referenten, Materialien, außerschulischen Fortbildungsangeboten etc. für die Schulen in der Region.

2) Wie haben Sie diese Position erlangt bzw. wie sieht Ihr beruflicher Werdegang aus?

Vor meinem Studium der Wirtschaftspädagogik habe ich eine Banklehre absolviert und ein Jahr als Finanzberater im Ausbildungsbetrieb gearbeitet. Durch die duale Ausbildung zum Bankkaufmann ist bei mir das Interesse am Unterrichten an einer kaufmännischen Berufsschule geweckt worden und war damit die Grundlage für die Wahl meines Studiengangs. Während des Studiums arbeitete ich in den Semesterferien bei meinem Ausbildungsbetrieb oder absolvierte Praktika bei anderen Banken. Für mich war es während des Studiums wichtig, neben der theoretischen Ausbildung in betriebs-, volkswirtschaftlichen und pädagogischen Themen immer den Bezug zur Praxis zu behalten, um später von einem möglichst breiten Fundus an praktischen Erfahrungen im Unterrichtsalltag zu profitieren. Nach meinem Abschluss im Januar 2008 habe ich dann im August 2008 eine Stelle an der Modellschule Obersberg in Bad Hersfeld als LiV (Lehrkraft im Vorbereitungsdienst, ehem. Referendar) angetreten und das 2. Staatsexamen in der Fachrichtung ‚Wirtschaft und Verwaltung‘ mit dem Nebenfach ‚Politik und Wirtschaft‘ (wurde mir in Hessen auch ohne Studium dieses Faches als Ausbildungsfach zugewiesen) im Mai 2010 erfolgreich bestanden. An meiner Ausbildungsschule bestand zu meinem Abschlusszeitpunkt eine Vakanz im Bereich der Ausbildung von Bankkaufleuten, die nach einem Auswahlverfahren glücklicherweise sofort mit mir besetzt wurde. Seit August 2010 bin ich nun im Beamtenverhältnis als Studienrat an der Modellschule Obersberg mit den oben beschriebenen Schwerpunkten tätig.

3) Wie haben Sie Ihren Berufseinstieg erlebt bzw. wie hat das Studium auf die Praxis vorbereitet?

Die Lehrerausbildung gliedert sich in zwei Phasen, ein Hochschulstudium und eine pädagogisch-praktische Ausbildung. Der erfolgreiche Abschluss des Studiums der Wirtschaftspädagogik mit dem Titel ‚Diplomhandelslehrer/in‘ ist mit dem 1. Staatsexamen eines Lehramtsstudienganges gleichgestellt (1. Phase der Lehrerausbildung) und ist Eingangsvoraussetzung für den Vorbereitungsdienst für das Lehramt an beruflichen Schulen (2. Phase der Lehrerausbildung; ehemals Referendariat). Da in der ersten Phase der Ausbildung der Schwerpunkt auf dem Erwerb von Fachkompetenzen des Unterrichtsfaches und der Aneignung eines breiten, theoretischen pädagogischen Wissens liegt, gleicht der Einstieg in das Referendariat einem „Sprung ins kalte Wasser“. Man besitzt eine Menge an Fachwissen und Wissen über theoretische Modelle. Dies allerdings ist nur die Grundlage für das Unterrichten. Selbstsicher vor einer Klasse zu stehen, die Schülerinnen und Schüler mit anregendem Unterricht motivieren zu können und das eigene Wissen schülerbezogen aufzubereiten, sind Kompetenzen, die man sich erst im Vorbereitungsdienst aneignen kann. Jeder eigene Unterricht im Vorbereitungsdienst ist ein weiterer Schritt auf dem Weg zum fertig ausgebildeten Berufsschullehrer. Das Studium der Wirtschaftspädagogik ist die „Grundausrüstung“, die man auf dem Weg dorthin benötigt.

4) Inwiefern wenden Sie Ihre im Studium erlernten Fähigkeiten und Fachkenntnisse im Beruf an?

Die im Studium erlernten betriebs- und volkswirtschaftlichen Fachkenntnisse gehen weit über die in den Lehrplänen für die Schülerinnen und Schüler geforderten Inhalte hinaus. Für einen Lehrer ist es allerdings notwendig, auch Fachwissen zu besitzen, das weit über die Lehrpläne hinausgeht, um Zusammenhänge besser zu vermitteln und gegenüber der Klasse bei weiterführenden Fragen die notwendige Fachkompetenz zu haben. Die Kunst besteht darin, das eigene Wissen so aufzubereiten und den Schülerinnen und Schülern so präsentieren zu können, dass diese die Möglichkeit haben, einen maximalen individuellen Lernerfolg zu erzielen.
Die in der pädagogischen Ausbildung an der Universität vermittelten fachdidaktischen und methodischen Inhalte bilden ein gewisses Gerüst, an dem man sich im Vorbereitungsdienst orientieren kann.

Darüber hinaus eignet man sich während des Studiums überfachliche Kompetenzen an, die dabei helfen, den Herausforderungen des (Schul-)Lebens erfolgreich zu begegnen. Hierzu zählen insbesondere Zeitmanagement, strukturiertes, selbstorganisiertes und eigenverantwortliches Arbeiten. Man darf aber nicht glauben, dass man nach einem erfolgreichen Studium ein fertiger Lehrer sei. Erst die praktische Umsetzung des theoretischen Wissens im Unterrichtsalltag in erfolgreichen Unterrichtsstunden während des Vorbereitungsdienstes macht einen zu einem fertig ausgebildeten Lehrer.

5) Denken Sie an Ihre Studienzeit in Göttingen zurück…

… habe ich durchweg positive Erinnerungen. Sicherlich war das eigentliche Studium in manchen Phasen sehr fordernd und zeitintensiv, aber daran denkt man nicht, wenn man das Studentenleben im Rückblick betrachtet. Hier erinnert man sich primär an die tollen Erlebnisse wie die Feten in der jährlichen ‚WiWi-O-Phase‘, den ‚Dies Academicus‘, die ‚Uni-Liga‘ und die tolle Zeit während der WM 2006. Ich habe während dieser Zeit viele Freundschaften geschlossen, die noch heute bestehen. Göttingen war und ist für mich ein idealer Ort für ein Studium. Durch die Vielzahl der Studierenden ist das Leben in der Stadt quasi auf deren Bedürfnisse ausgerichtet. Die „kurzen Wege“, das Freizeitangebot und die günstigen Lebenshaltungskosten sind nur eine Auswahl passender Voraussetzungen, um eine schöne und erfolgreiche Studienzeit zu erleben.

6) Welche Tipps geben Sie zukünftigen Berufsschullehrerinnen und -lehrern für den Berufseinstieg mit auf den Weg?

Ein erfolgreiches Studium bereitet einen mit seinen meist theoretischen Inhalten auf den Unterrichtsalltag vor, ist aber keine Garantie für eine erfolgreiche Tätigkeit als Lehrer. Aus diesem Grund sollte man schon frühzeitig im Studium testen, ob einem das Unterrichten von Jugendlichen Spaß macht. Der Lehrerberuf hat heute nur noch wenig mit dem klassischen Dozenten zu tun, man spricht nicht umsonst in der fachwissenschaftlichen Literatur von einem „Lernberater“. Fachinhalte kann sich jeder aneignen. Frei vor einer Gruppe zu referieren, sich mit den Bedürfnissen und Problemen der Schülerinnen und Schüler zu beschäftigen, den Unterricht an diesen Punkten auszurichten und jeden auf seinem persönlichen Lernweg zu begleiten, sind Aufgaben, die nicht zu jeder Persönlichkeit passen. Aus diesem Grund sollte man bereits möglichst früh durch Praktika an einer Schule für sich herausfinden, ob der Lehrerberuf eine Tätigkeit ist, die einem Spaß macht. Dies ist nämlich die notwendige Bedingung für ein erfülltes, erfolgreiches Berufsleben.
Ist diese Voraussetzung erfüllt, empfehle ich jedem, möglichst viele Praxiserfahrungen in der Wirtschaft zu sammeln. Von diesen profitiert man im Unterrichtsalltag enorm. Nichts ist wichtiger als Problemsituationen, mit denen die Auszubildenden in den Betrieben konfrontiert werden, persönlich erlebt zu haben. Nur durch diese Erfahrungen kann man praxisnahen und damit schülernahen Unterricht planen und durchführen. Idealerweise richtet man seine Wirtschaftspraktika und seine betriebswirtschaftlichen Studienschwerpunkte an den kaufmännischen Berufsfeldern einer Berufsschule (Handel, Logistik, Industrie, Banken/Versicherung) aus.