Institute of Social and Cultural Anthropology and The Ethnographic Collection

Göttinger Ethnologie

Die Ethnologie beschäftigt sich mit den unterschiedlichen Lebensweisen von Menschen in ihren kulturellen und sozialen Ausdrucksformen. Ihr Gegenstandsbereich ist so breit wie das Leben von Menschen selbst. Soziopolitische Organisationsformen, wirtschaftliche Strategien, religiöse und weltanschauliche Werteordnungen und Identitätskonstruktionen werden in ihren Verflechtungen, Dynamiken und historischen wie auch aktuellen Kontexten untersucht. Die Forschungsschwerpunkte liegen im außer-europäischen Bereich und rücken die Aspekte des »Fremden« und des »kulturell Anderen« in das Zentrum der Betrachtung. Damit einher geht immer auch die Relativierung des »Eigenen« und des »Fremden«: Beides bedingt sich wechselseitig und kann nur gemeinsam erschlossen werden.
Wesentlich für die Methoden der Ethnologie ist eine vergleichende Perspektive, die die verschiedenen Kulturen in Beziehung zueinander setzt. Grundlage hierfür ist die Erarbeitung einer möglichst umfassenden Innenansicht der Kulturen, also der Versuch, Kulturen aus sich selbst heraus zu verstehen. Daraus ergibt sich die besondere Bedeutung der empirischen Forschung im Rahmen der Feldforschung. EthnologInnen nehmen dabei im Sinne der »teilnehmenden Beobachtung« aktiv am Leben der untersuchten Gesellschaft teil.



Sehr viel früher als an anderen Orten innerhalb Deutschlands wurde der Grundstein für das Fach Ethnologie im Sinne einer kulturvergleichenden Wissenschaft mit besonderer Betonung außereuropäischer Gesellschaften in Göttingen gelegt. Während die meisten der deutschen Völkerkunde-Museen während der Kolonialzeit um die Wende des 19./ 20. Jahrhunderts gegründet wurden und sich die Völkerkunde als selbständige Disziplin an den Universitäten erst in der Folgezeit etablierte, setzte an der Georgia Augusta eine intensive Beschäftigung mit völkerkundlichen Themen in Forschung und Lehre wie auch im Museumsbereich bereits in der Zeit der Aufklärung ein. Bald nach Gründung der Universität im Jahr 1737 verfolgte man undogmatisch und weltoffen neben allgemein-kulturhistorischen auch ethnologische Fragestellungen und baute in dem 1773 eröffneten Academischen Museum, dem ersten Universitäts-Museum in Deutschland, systematisch eine 'Ethnographische Sammlung' auf.


Der Initiative und den weitreichenden Kontakten des Göttinger Naturforschers und Anthropologen Johann Friedrich Blumenbach zu wissenschaftlichen Teilnehmern der Großen Entdeckungsreisen in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts ist es zu verdanken, dass dieses Museum, das seiner Bestimmung nach "nicht zum Prunck, sondern lediglich zum Gebrauch, zur Untersuchung und zum Unterricht" (Georg Christoph Lichtenberg) dienen sollte, eine unübersehbare ethnographische Prägung erhielt. Vor allem zwei Sammlungen, die aus Blumenbachs internationalen Kontakten herrühren und die er für Göttingen erwerben konnte, bildeten den Ausgangspunkt früher völkerkundlicher Forschung: Die aus europäisch noch unbeeinflussten Kulturdokumenten der arktischen Regionen von Sibirien und Alaska bestehende Baron von Asch-Sammlung und die auf den berühmten englischen Kapitän James Cook und seine wissenschaftlichen Begleiter Johann Reinhold und Georg Forster zurückgehende, weltweit einzigartige Südsee-Sammlung (Cook-/Forster-Sammlung), die sich aus 500 Ethnographica zusammensetzt. Diese überaus wertvollen Altbestände haben dazu beigetragen, dass nach Auflösung des Academischen Museums infolge des Tods von Blumenbach im Jahr 1840 die völkerkundliche Forschung an der Universität Göttingen, vor allem mit ihrer Zentrierung auf die Südsee (Ozeanien), nicht in Vergessenheit geriet, sondern aufgrund ihrer internationalen Anerkennung eine dauerhafte Verankerung im Göttinger Universitätsbetrieb erhielt.


Mit Aufnahme des Unterrichtsbetriebs im Fach 'Völkerkunde' an der Universität im Jahr 1928, der Einrichtung eines Ordinariats für Völkerkunde (1934) und der anschließenden Gründung von Institut und Sammlung für Völkerkunde (1935/36) wurde Ozeanien die Hauptregion in Lehre und Forschung. Im Zentrum des Instituts standen damals die 'Lehrsammlungen', zu denen vorrangig die heute weltberühmte Cook-/Forster-Sammlung gehörte.
Aus heutiger Sicht birgt die seinerzeit vollständig in das Institut für Völkerkunde eingegliederte Ethnologische Sammlung mit ihren mittlerweile auf 17.000 Ethnographica angewachsenen Beständen ein einmaliges kulturelles Vermächtnis sowohl wissenschaftshistorisch für die Göttinger Universität als auch spezifisch ethnologisch für das Institut, was vor allem die Kulturdokumente aus Ozeanien betrifft. Seit nunmehr etwa 70 Jahren wurden deshalb die Fachbibliothek sowie die Foto- bzw. Bildersammlung gezielt mit dem Schwerpunkt Ozeanien erweitert.