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Georg Christoph Lichtenberg ...


Lichtenberg (1742 – 1799), der große, kleine (oder war's umgekehrt?) Göttinger: Aufklärer, Schriftsteller, Spötter, Professor für Experimentalphysik. Lichtenberg derzeit allenthalben: feierliche Ausstellungen, gewichtige Feuilletons – schließlich ist es gerade 200 Jahre her, daß er gestorben ist. Als wäre dazwischen nichts gewesen (außer einem Gedankenstrich vielleicht). So geht's uns wie seinen Aphorismen: sie brauchen wie der Käse die Löcher genügend Luft dazwischen, um Geschmack zu entwickeln. Unser Beitrag nicht nur zum Lichtenberg-Jahr also: Aphorismen.



Der erste Amerikaner, der Kolumbus begegnete, machte ein furchtbare Entdeckung.

Die Welt muß noch nicht sehr alt sein, weil die Menschen noch nicht fliegen können.

Er exzerpierte beständig, und alles, was er las, ging aus einem Buche neben dem Kopfe vorbei in ein anderes.

Er las immer Agamemnon statt "angenommen", so sehr hatte er seinen Homer gelesen.

Wenn ein Kopf und ein Buch zusammenstoßen, und es klingt hohl, ist es dann allemal das Buch'?

Die edle Einfalt in den Werken der Natur hat nur gar zu oft ihren Grund in der edlen Kurzsichtigkeit dessen, der sie beobachtet.

Einer zeugt den Gedanken, der andere hebt ihn aus der Taufe, der Dritte zeugt Kinder mit ihm, der Vierte besucht ihn am Sterbebette, und der Fünfte begräbt ihn.

Es gibt wirklich sehr viele Menschen, die bloß lesen, damit sie nicht denken dürfen.

Er wunderte sich, daß den Katzen gerade an der Stelle zwei Löcher in den Pelz geschnitten wären, wo sie die Augen hätten.

Die letzte Hand an sein Werk legen, das heißt verbrennen.

Es ist fast unmöglich, die Fackel der Wahrheit durch ein Gedränge zu tragen, ohne jemanden den Bart zu sengen.

Der vollkommenste Affe kann keinen Affen zeichnen, auch das kann nur der

Mensch, aber auch nur der Mensch hält dies zu können für einen Vorzug.

Erfahrung, nicht lesen und hören ist die Sache. Es ist nicht einerlei ob eine Idee durch das Auge oder das Ohr in die Seele kommt.

Es gibt Leute, die glauben, alles wäre vernünftig, was man mit einem ernsthaften Gesicht tut.

Ein Buch ist ein Spiegel, wenn ein Affe hineinguckt, so kann freilich kein Apostel heraus sehen. Wir haben keine Worte mit dem Dummen von Weisheit zu sprechen.

Der ist schon weise der den Weisen versteht.

Ein Grab ist noch immer die beste Befestigung wider die Stürme des Schicksals.

Schreibt man denn Bücher bloß zum Lesen? oder nicht auch zum Unterlegen in die Haushaltung? Gegen eins, das durchgelesen wird, werden Tausende durchgeblättert, andere Tausende liegen stille, andere werden auf Mauslöcher gepreßt, nach Ratten geworfen, auf anderen wird gestanden, gesessen, getrommelt, Pfefferkuchen gebacken, mit anderen Pfeifen angesteckt, hinter dem Fenster damit gestanden. Die Menschen können nicht sagen. wie sich eine Sache zugetragen, sondern nur wie sie meinen, daß sie sich zugetragen hätte.

Wenn jemand etwas sehr gerne tut, so hat er fast immer in der Sache was die Sache nicht selber ist. Dieses ist eine Bemerkung, die ein tiefsinnige Untersuchung durch den nützlichen Erfolg belohnen würde.

Es war ihm unmöglich, die Wörter nicht in dem Besitz ihrer Bedeutungen zu stören.

Die Menschen denken über die Vorfalle des Lebens nicht so verschieden, als sie darüber sprechen.

Quelle: Deutsche Aphorismen, Stuttgart 1978

(wtz)





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