Die Königin der Seerosen

Blüte Victoria 2014
Der Botanische Garten an der Karspüle geht auf die Gründungstage der Universität zurück. Von dem Mediziner Albrecht von Haller als "hortus medicus" gegründet, entwickelte er sich vom noch fast barocken Heilkräutergarten zu einer der bedeutendsten Pflanzensammlungen Deutschlands. Dank guter Kontakte z.B. zu den Königlichen Gärten in Hannover-Herrenhausen hatte er immer auch außergewöhnliche Sammlungen tropischer Pflanzen aus aller Welt. Und die Zeitspanne von 1900 bis 1931 stand ganz im Zeichen des genialen Gartenmeisters Carl Bonstedt, unter dem 1903 ein prachtvolles Victoria-Haus errichtet wurde. Nicht nur in "großen Gärten" wie Kew bei London, in Paris, Berlin, Frankfurt und München, auch im kleinen Göttingen sollten die Studenten und Besucher die spektakuläre Riesenseerose Victoria bewundern können.
Bonstedts prächtiges Victoria-Haus wurde nach dem Kriege durch den jetzigen, kleineren Zweckbau ersetzt. Aber viel wichtiger als das Gebäude ist der Inhalt: die Riesenseerose Victoria mit ihren Schwimmblättern von 1,5 bis 1,8 m Durchmesser, umrahmt von einem Hofstaat weiterer tropischer Seerosen in rot, blau und violett und anderer tropischer Sumpf- und Wasserpflanzen.

Anfang des Neunzehnten Jahrhunderts wurde im tropischen Südamerika die unglaubliche Riesenseerrose Victoria amazonica entdeckt und - zu Ehren der Englischen Königin Victoria - als Victoria regia bezeichnet. Seit ca. 1850 setzten die Botanischen Gärten in England und auf dem Kontinent alles daran, diese königliche Pflanze zu präsentieren. Es wurden eigens für diese Pflanze neue Gewächshaustypen konzipiert, und die Gärtner, die sich auf die hohe Kunst der Kultur der Victoria verstanden, waren hoch bezahlte Spezialisten. Alles in allem also auch eine Frage von Luxus, Prestige und dem nötigen Kleingeld - welch ein Glück für Göttingen, dass auch der junge Bonstedt im hiesigen kleinen Universitätsgarten in so großzügigen Dimensionen dachte und die Pläne auch in die Tat umsetzte. Hier in Göttingen zeigen wir übrigens nicht die amazonische Victoria, sondern ihre südliche Schwester Victoria cruziana mit ihrem noch höheren Blattrand.
Die tellerförmigen Schwimmblätter messen beeindruckende 1,50 m, zeitweise 1,80 m im Durchmesser und sind so tragfähig, dass sie mühelos Säuglinge und Kleinkinder tragen. Bei gleichmäßiger Belastung mit Sand kann ein Blatt sogar 50 kg tragen, und vor ein paar Jahren wurden hier in Göttingen alle Rekorde gebrochen, als Frau Dr. Gaba Weis und Herr Peter Schlung ein Blatt mit 80 kg Kartoffeln beluden (GT berichtete). Allzu häufig kann man diese medienwirksamen Aktionen der Pflanze jedoch nicht zumuten, da die Blätter in der Regel doch Blessuren davontragen.
Atemberaubend ist das Wachstum der Blätter: zur Zeit des stärksten Wachstums im Hochsommer entfaltet sich etwa jede Woche ein neues Blatt. Unter unseren beengten Platzverhältnissen müssen wir dann viel zu früh immer schon ein älteres Blatt herausschneiden, damit das neue einen Platz zum Entfalten findet.
Die Blüte der Victoria ist wie die aller anderen Seerose aufgebaut, aber bis zu 30 cm groß. In der Natur wird sie von nachtaktiven Käfern bestäubt und entfaltet sich daher in der Abenddämmerung ? wenn der Garten und die Gewächshäuser längst geschlossen sind! Daher laden wir seit fünfzehn Jahren alljährlich zur Blütezeit zu den "Victoria-Nächten" ein: Garten und Gewächshäuser sind dann eine Woche lang bis 21:30 Uhr geöffnet, damit das Publikum das Öffnen der beeindruckenden Blüte miterleben kann. Das alljährliche Naturschauspiel hat sich mittlerweile zu einem bekannten sommerlichen "Event" entwickelt, anlässlich dessen in dieser einen Woche ca. 5000 Göttinger und Gäste der Universitätsstadt "ihre" Victoria besuchen. Da jede Blüte sich an zwei aufeinanderfolgenden Abenden öffnet und sich in diesen Wochen alle 3-4 Tage eine neue Blüte entfaltet, besteht jetzt an vielen Abenden die Chance, eine Blüte offen zu erleben. Und wenn sich die Pflanze mal einen Tag "Pause" gönnt, haben die Leute dafür Verständnis, dass so etwas eben echte Natur und damit nicht planbar sei - anders als eine Computeranimation.
Seit einigen Jahren wird den Besuchern zusätzlich zur Viktoria noch ein weiteres Bonbon geboten, und Göttingen hat dann zeitgleich mit der Viktoria-Woche in der Orangerie sogar noch zusätzlich einen kleinen Zoo: der Aquaristische Arbeitskreis Leinetal ("AAL") richtet hier eine sehr professionell gemachte atemberaubend schöne Ausstellung aus, wo man in biotopgerechten Aquarien Ausschnitte aus der Lebewelt des Amazonas, der Reisfelder Südostasiens mit ihren Labyrinthfischen, dem Malawisee mit seiner Vielfalt an Buntbarschen oder der australischen Gewässer mit den Regenbogenfischen bewundern kann. Terrarien zeigen Pfeilgiftfrösche, Gespenstschrecken, Rosenkäfer und andere bizarre Insekten, und Fachleute stehen zu allen Fragen rund um die Tiere und ihre artgerechte Haltung Rede und Antwort.
Für all jene, die noch nicht in die großen Ferien aufgebrochen sind, also ein attraktiver Ausflug in die Tropen mit ihren faszinierenden Pflanzen und Tieren mitten in Göttingen.