Pressebericht zur Eröffnung des ZTMKs



Göttinger Tageblatt


"Herberge für Grenzgänger" der Disziplinen


Eine Podiumsdiskussion über Wissenschaftsgeschichte, die Selbstreflexion von Fächern
und interdisziplinäre Forschung hat das Zentrum für Theorie und Methodik der Kulturwissenschaften (ZTMK) der Universität Göttingen eröffnet.



Kulturwissenschaften gibt es viele, gemeinsame Foren bislang wenige. Seit diesem Semester arbeitet das ZTMK dem entgegen: Forscher der verschiedensten Disziplinen sind hier zum Austausch eingeladen, so die Vorsitzende Prof. Regina Bendix. Über das Thema "Wissens- und Wissenschaftsgeschichte heute: Potentiale für kulturwissenschaftliche Theorie- und Methodenbildung" diskutierte Moderator Prof. Frank Kelleter mit bekannten Wissenschaftlern in der Historischen Sternwarte. Wenn Kulturwissenschaftler zusammenkommen, dann darf die obligatorische Frage nach einem produktiven Kulturbegriff nicht fehlen: Der Kulturanthropologe Prof. Johannes Fabian seinerseits wehrt sich vehement gegen Konzepte, die Kultur als das Erhabene, Geordnete, Rationale positivieren. Vielmehr präferiere er einen "Winkel des Negativen", einen Stil des Denkens, der das Prekäre des menschlichen Lebens als das eigentlich Wesentliche begreift.


Was das heißt, zeigt Fabian in seinen wissenschaftsgeschichtlichen Arbeiten: Rauschmittel, Tropenfieber und sexuelle Begierden sind hier die maßgeblichen Determinanten, unter denen sich die Forschungsreisenden des 19. Jahrhunderts durch den afrikanischen Dschungel schlugen. Entsprechend zeichne sich dieser frühe ethnographische Blick mehr durch Delirium als durch rationale Beobachtung aus. Eine solche selbstreflexive Beschäftigung mit der eigenen Fachgeschichte sei wichtig, findet auch der Historiker Prof. Mitchell Ash. Sie sei aber nicht das primäre Ziel von Wissenschaftsgeschichte. Die Disziplinen müssten ihre kanonisierten Gegenstandsbereiche überschreiten. Denn ob Kultur- oder Naturwissenschaften - letztlich spiegelt sich in allen Disziplinen das epistemische Fundament einer Zeit. Und eben diese Strukturen des Denkens in ihrer historischen Genese seien Gegenstand einer Wissenschaftsgeschichte. Wie unterschiedlich solche Denksysteme sein können, verdeutlichen die medizinischen Annahmen der Renaissance: Die Walnuss galt aufgrund ihrer Ähnlichkeit zu Schädel und Gehirn als Heilmittel bei Kopfverletzungen. Eine solche Analogie mag hübsch klingen - heute gilt sie als unwissenschaftlich. Die Schulmedizin urteilt objektiv, und würde zuerst einmal röntgen. Entscheidender als die technische Innovation des Röntgens aber ist die Einsicht, dass auch ein vermeintlich ahistorisches Konzept wie das der Objektivität als wissenschaftliches Kriterium eine Geschichte hat. Die Formate wissenschaftlicher Vermittlung - Reiseberichte, Fotografien, Landkarten oder Röntgenbilder - bedürfen immer einer Interpretation, einer Erklärung, wie und was hier zu sehen ist. Dennoch dürfe sich die Wissenschaftsgeschichte nicht zum verlängerten Arm des Konstruktivismus machen lassen, warnt der Philosoph Prof. Holmer Steinfath: "Wissenschaften haben reale Gegenstände, die sie nicht immer nur konstruieren, sondern auch selbst entdecken." Das würde jeder Naturwissenschaftler unterschreiben. Und doch hafte der Wissenschaftsgeschichte ein "Spielverderber-Gestus" an, wie der Historiker Dr. Marian Füssel meint: Physiker sehen es nicht gerne, wenn Kulturwissenschaftler das Interesse Newtons an der Alchemie erforschen. Dabei eröffnen Historisierungen doch Räume, in denen Natur- und Kulturwissenschaften miteinander ins Gespräch kommen können. An solchen Räumen mangele es, findet auch die Medizinethikerin Dr. Silke Schicktanz und hofft, dass das ZTMK noch lange "eine Herberge für Grenzgänger zwischen den Disziplinen bleibt".



Veröffentlicht am 09.01.2009