Dr. Jochen Biedermann - Senior Vice President International Affairs bei der Deutschen Börse AG

Bei welchem Unternehmen sind Sie beschäftigt und in was für einer Position/ in welchem Bereich arbeiten Sie dort? Was sind Ihre Aufgaben?

Ich bin Senior Vice President International Affairs bei der Deutschen Börse AG in Frankfurt am Main. Die Gruppe Deutsche Börse ist eine der größten Börsenorganisationen der Welt. Sie organisiert integre, transparente und sichere Märkte für Investoren, die Kapital anlegen, und für Unternehmen, die Kapital aufnehmen. An diesen Märkten kaufen und verkaufen professionelle Händler Aktien, Derivate und andere Finanzinstrumente nach klaren Regeln und unter strenger Aufsicht. Die Gruppe Deutsche Börse sorgt mit ihren Dienstleistungen und Systemen dafür, dass diese Märkte funktionieren und alle Teilnehmer gleiche Chancen erhalten. Dabei kommen rund 2/3 des Handelsvolumens an den Märkten der Deutschen Börse aus dem Ausland, insbesondere aus der EU und den Vereinigten Staaten.

Ich leite bei der Deutschen Börse ein internationales Team, welches vor allem in den sogenannten Emerging Markets aktiv ist und dort Partnerschaften mit anderen Börsenorganisationen anbahnt, Banken und Broker als Handelsteilnehmer für die Märkte der Deutschen Börse gewinnt sowie im Dialog mit dortigen Regierungen und staatlichen Stellen die rechtlichen und regulatorischen Voraussetzungen für solche Aktivitäten schafft. Analog zu den Fluggesellschaften ist das internationale Börsengeschäft immer noch sehr national geprägt, so dass oft eine politische Flankierung erforderlich ist, bevor man Partnerschaften und Allianzen eingehen kann. Auf der anderen Seite macht die Globalisierung natürlich nicht vor den Kapitalmärkten halt. Heutzutage ist es selbstverständlich, neben deutschen Aktien und Anleihen auch in amerikanische, russische, japanische oder chinesische Wertpapiere zu investieren, um am dortigen Wachstum zu partizipieren und das eigene Portfolio zu diversifizieren. Investoren aus diesen und anderen Ländern sind umgekehrt an den rund 1 Million unterschiedlichen Wertpapieren interessiert, die an den Märkten der Deutschen Börse gehandelt werden.

In den letzten Jahren waren wir schwerpunktmäßig in Russland/GUS, Zentral- und Osteuropa, in der Türkei sowie in China und Indien unterwegs, um die dafür notwendigen Strukturen zu schaffen. Entsprechend ist mein Team auch nach Nationalitäten aufgestellt.


Wie haben Sie diese Position erlangt bzw. wie sieht Ihr beruflicher Werdegang aus?

Nach meinem Studium der Mathematik an der Universität Göttingen bin ich meinem Professor nach Cottbus gefolgt, der an der dortigen Technischen Universität als Gründungsdekan eine neue Fakultät aufgebaut hat. Ich habe dort als wissenschaftlicher Mitarbeiter gearbeitet und promoviert.

Wie haben Sie Ihren Berufseinstieg erlebt bzw. wie hat das Studium auf die Praxis vorbereitet?

Schon während meines Studiums hatte ich neben der Mathematik immer eine große Affinität zur Informatik. Ich habe mich nach meiner Promotion bei verschiedenen Global Players beworben und mich für eine Stelle als IT-Projektmanager bei der Deutschen Börse entschieden. Ausschlaggebend war dabei für mich, dass ich gleich vom ersten Tag an international aktiv sein konnte. Damals stand die Deutsche Börse in Fusionsverhandlungen mit der Londoner Börse und meine erste Aufgabe war, gemeinsam mit einem Kollegen der Londoner Börse Vorschläge für eine Migration der verschiedenen IT-Systeme beider Börsen auf gemeinsame Standards zu entwickeln.


Inwiefern wenden Sie Ihre im Studium erlernten Fähigkeiten und Fachkenntnisse im Beruf an?

Tiefgründige mathematische Kenntnisse sind für meine Tätigkeit in der Regel nicht erforderlich. Aber die während meines Studiums erworbene Fähigkeit, strukturiert, analytisch und mit einer gewissen Hartnäckigkeit an Probleme heranzugehen, hat mir immer sehr geholfen.

Denken Sie an Ihre Studienzeit in Göttingen zurück…

Ich habe viele gute Erinnerungen an Göttingen, das mathematische Institut und natürlich das Gänseliesel. Mir hat Göttingen als Universitätsstadt unheimlich gut gefallen. Göttingen bietet eine hohe Lebensqualität. Fast alles kann man zu Fuß erreichen.

Neben dem Studium war ein Highlight für mich meine studentische Tätigkeit am Max Planck-Institut für biophysikalische Chemie. Während ich dort gearbeitet habe, bekam Prof. Neher seinen Nobelpreis verliehen. Das war schon eine interessante Erfahrung, dies aus der Nähe mitzubekommen.

Welche Tipps geben Sie Studierenden und Berufseinsteigern/innen mit auf den Weg?

Mir persönlich hat es sehr gut getan, mein Studium breit auszurichten und immer wieder über den Tellerrand herauszuschauen. Das Studium ist eine wichtige Grundlage, aber erst im Berufsleben lernt man die entscheidenden Dinge.

Meine Empfehlung ist deshalb, frühzeitig Kontakte zu Unternehmen zu knüpfen und als Student/-in erste Erfahrungen im Berufsalltag zu erwerben. Ich beschäftige in meinem Team mehrere Studentinnen und Studenten (in der Regel Muttersprachler/-innen aus den oben genannten Ländern), die damit nicht nur ihren Lebensunterhalt verdienen, sondern auch für sie wertvolle Einblicke in die Arbeit der Deutschen Börse und den Kapitalmarkt ihres Heimatlandes bekommen. Die Deutsche Börse profitiert umgekehrt von frischen Ideen und ihrem Enthusiasmus, an Themen zu arbeiten, bei denen sie ihr im Studium erarbeitetes Wissen mit ihrem Heimatland verbinden können. Und natürlich lernt man sich gut kennen, was möglicherweise von Vorteil für eine spätere Bewerbung sein kann …