5. Differenzlinie „Sprachliche Register“

Teilprojekt Differenzlinie Sprachliche Register

Die Ausbildung sprachlicher Fähigkeiten im Erstsprachenunterricht zielt unter anderem auf eine Epistemisierung im Sinne einer ausgebauten Textkompetenz: auf die distanzsprachliche Darstellung systematisierten Wissens (Pohl 2019; 2016; Kleinschmidt-Schinke 2018). In den vergangenen Jahren wird gerade in Bezug auf Fragen nach Bildungsbenachteiligung und gesellschaftlicher Teilhabe diskutiert, wie Spracharbeit im Sinne von impliziter und expliziter Arbeit an und mit Sprache in der Schule als Anbahnung solcher sprachlichen Fähigkeiten gelingen kann. Diese generische Spracharbeit vollzieht sich im Wechsel zwischen den sprachlichen Registern der Mündlichkeit und Schriftlichkeit und zwischen Varianten wie Alltagssprache und Bildungssprache – beide Differenzlinien müssen für ein gemeinsames fachliches Verständnis in je spezifischen Situationen koordiniert werden. Dazu müssen die Differenzen wahrgenommen, markiert und bearbeitet werden. Wie sich Spracharbeit an diesen Differenzlinien gestaltet, untersucht das Teilprojekt. Im Fokus stehen die Sequenzen, in denen diese Differenzlinien durch korrektives Feedback bearbeitet werden. Das Forschungsinteresse schließt kontrastiv analoge Sequenzen ein, in denen dies nicht geschieht.
Neben einer möglichen Anbahnungs-, Modell- bzw. Stützfunktion von spezifischen Verfahren korrektiven Feedbacks (Pohl 2016; Harren 2015; Kleinschmidt-Schinke 2018) wird gerade im Kontext von Mehrsprachigkeit bzw. Deutsch als Zweitsprache auf Sprachbildung als Disziplinierung hingewiesen. Darüber hinaus können sprachliche Merkmale zum Ansatzpunkt sozialer Differenzierung werden (Dirim, Mecheril 2018).
Im Promotionsvorhaben sollen im Anschluss daran sprachbearbeitende Verfahren als Möglichkeit sprachlicher Anbahnung, aber auch Markierung sprachlicher Abweichung (Cherubim 1980) in den Blick kommen. Dazu soll die Herstellung und Bearbeitung sprachlicher Differenz zwischen Aussage und Vergleichshorizont (in Anlehnung an Bateson 1983; Cherubim 1980) innerhalb von Verfahren korrektiven Feedbacks konversationsanalytisch analysiert werden. Als Grundlage dafür dienen Unterrichtsvideos von Deutschunterricht unterschiedlicher Schulformen der 5.-10. Klassen. Um Fragen von Ein- und Ausschluss innerhalb dieser sprachlichen Differenzierungsprozesse nachzugehen, sollen Positionierungen der Angesprochenen sowie der Sprechenden mithilfe der Adressierungsanalyse (Kuhlmann, Ricken, Rose, Otzen 2017) untersucht werden. Die Ergebnisse fließen in ein Lehrkonzept zur Sensibilisierung Lehramtsstudierender für Inklusions- und Exklusionsprozesse bei der Arbeit an Sprache im Unterricht ein.


Quellen:
Bateson, Greogory (1983): Form, Substanz und Differenz. In: ders. (Hg.): Ökologie des Geistes. Antrophologische, psychologische, biologische und epistemologische Perspektiven. Frankfurt a. M.: Suhrkamp, S. 576–587.

Cherubim, Dieter (1980): Fehlerlinguistik. Sprachliche Abweichungen als Gegenstand einer germanistischen Linguistik. In: Zeitschrift für germanistische Linguistik 8 (1), S. 1–22.

Dirim, İnci; Mecheril, Paul (2018): Heterogenität, Sprache(n), Bildung. Eine differenz- und diskriminierungstheoretische Einführung; unter Mitarbeit von Alisha Heinemann, Natascha Khakpour, Magdalena Knappik, Saphira Shure, Nadja Thoma, Oscar Thomas-Olalde und Andrea Johanna Vorrink. Bad Heilbrunn: Verlag Julius Klinkhardt.

Harren, Inga (2015): Fachliche Inhalte sprachlich ausdrücken lernen. Sprachliche Hürden und interaktive Vermittlungsverfahren im naturwissenschaftlichen Unterrichtsgespräch in der Mittel- und Oberstufe. Mannheim: Verlag für Gesprächsforschung.
Kleinschmidt-Schinke, Katrin: Die an die Schüler/-innen gerichtete Sprache (SgS). Berlin: De Gruyter.

Pohl, Thorsten (2016): Die Epistemisierung des Unterrichtsdiskurses – ein Forschungsrahmen. In: Erwin Tschirner; Olaf Bärenfänger und Jupp Möhring (Hg.): Deutsch als fremde Bildungssprache. Das Spannungsfeld von Fachwissen, sprachlicher Kompetenz, Diagnostik und Didaktik. Tschirner, Erwin; Bärenfänger, Olaf; Möhring, Jupp (Hrsg.). Tübingen: Stauffenburg, 55–79.

Ricken, Norbert; Rose, Nadine; Kuhlmann, Nele; Otzen, Anne (2017): Die Sprachlichkeit der Anerkennung. Eine theoretische und methodologische Perspektive auf die Erforschung von «Anerkennung». In: Vierteljahresschrift für wissenschaftliche Pädagogik (2), S. 193–235.