Kommentierte Neuedition der frühen Tagebücher Thomas Manns


Thomas Mann als Tagebuchschreiber

Über weite Strecken seines Lebens und bis kurz vor seinem Tod im August 1955 hat Thomas Mann Tagebuch geführt. Nach seinen eigenen Worten dienten die Diarien ganz im Geiste des Protestantismus der »Rechenschaft, Rekapitulation, Bewußthaltung und bindenden Überwachung« des eigenen Lebens (Eintrag vom 11.2.1934). Neben Notizen zum Familienleben, zu Theater- und Konzertbesuchen, zu Begegnungen mit Freunden und Bekannten und zum Stand der eigenen (immer heiklen) Gesundheit stehen Einträge, in denen akribisch und ganz im Sinne der »Rechenschaft« der Fortgang der Arbeit dokumentiert wird. Detailliert lässt sich so die Entstehung von Meisterwerken wie Der Zauberberg, Joseph und seine Brüder und Doktor Faustus, von Erzählungen und zahlreichen essayistischen Texten und Reden genau verfolgen. Vor allem aber setzte er sich in den Tagebüchern auch mit den aktuellen politischen Ereignissen, mit kulturellen Moden und Tendenzen auseinander. Thomas Mann wurde so zum kritischen Chronisten des Übergangs vom Kaiserreich zur Weimarer Republik, der Nazi-Diktatur, des Exils, der Präsidentschaft des von ihm bewunderten Franklin D. Roosevelt, des Zweiten Weltkrieges und des beginnenden Kalten Krieges. Dies alles in einem Stil von wortgewaltiger Prägnanz und bisweilen aphoristischer Zuspitzung. Das etwa 4.400 Druckseiten umfassende Korpus der Tagebücher ist ein literarisches und historisches Monument ersten Ranges.




Die erste Edition der Tagebücher

Thomas Mann hat große Teile der Tagebücher vernichtet, in erster Linie wahrscheinlich wegen der darin auch dokumentierten homoerotischen Sehnsüchte (die wohl stets Sehnsüchte blieben): Im Frühjahr 1933 führte der Umstand, dass die von München per Post ins Schweizer Exils geschickten Tagebücher fast in die Hände der Politischen Polizei (und das heißt Reinhard Heydrichs) fielen, an den Rand einer Katastrophe, doch der brisante Inhalt der Tagebücher, der sich für denunzierende Publikationen der Nazis hätte missbrauchen lassen (»Furchtbares, ja Tötliches kann geschehen.«, Eintrag vom 30.4.1933), blieb unentdeckt. Thomas Mann verbrannte die Tagebücher vor September 1918 und diejenigen von Ende 1921 bis Anfang 1933. Wahrscheinlich unter dem Eindruck der letzten (wiederum platonisch bleibenden) Liebe zu Franz Westermeier im Sommer 1950, die von Ehefrau und Tochter mit lächelnder Nachsicht begleitet wird, entschließt er sich im Geiste von Platens Vers »Es kenne mich die Welt« (Eintrag vom 13.10.1950), die Tagebücher von März 1933 bis zu seinem Tod nicht auch zu zerstören, sondern nach einer Sperrfrist von 20 Jahren zur Veröffentlichung freizugeben. Durch einen glücklichen Zufall entgingen auch die Diarien von September 1918 bis Dezember 1921 der Vernichtung (Mann hatte sie für die Arbeit am Spätroman Doktor Faustus beiseitegelegt und dann vergessen).

Ein erster Anlauf zur Veröffentlichung der Texte mit Thomas Manns jüngstem Sohn Michael als Herausgeber kam durch dessen Tod Anfang 1977 nicht zum Abschluss. Geplant war eine (sehr knapp kommentierte) Auswahl aus allen Tagebüchern in nur zwei Bänden. Zum Herausgeber wurde danach Peter de Mendelssohn bestimmt, ein Freund der Familie, der 1975 den ersten Teil seiner Biographie vorgelegt hatte: Der Zauberer. Das Leben des deutschen Schriftstellers Thomas Mann. Er stellte die Weichen für eine nahezu vollständige Publikation der Tagebuchtexte. Nur Stellen, die ihm allzu intim erschienen, ließ er in den fünf von ihm in rascher Folge edierten Texten mit den Diarien der Jahre 1918-1921 und 1933-1943 aus. Thomas Manns häufig eigenwillige Schreibung von Eigennamen verbesserte er (entgegen seinen in den Vorworten dargelegten editorischen Prinzipien) an zahlreichen Stellen; grammatische Fehler korrigierte er stillschweigend; fehlende Buchstaben und Satzzeichen wurden ergänzt. Das auch dem öffentlichen Interesse geschuldete hohe Publikationstempo führte dazu, dass die – ohnedies sehr auf Biographisches und Anekdotisches fokussierte – Kommentierung vor allem in den ersten beiden Bänden lückenhaft blieb. Das erwies sich bei diesen wegen ihrer rasch wechselnden, manchmal nur angerissenen Themen und ihres nicht selten abbreviativen Stils in hohem Maße erläuterungsbedürftigen Texten bald als Problem. Nach Mendelssohns Tod im Jahr 1982 setzte Inge Jens die Edition mit fünf weiteren Bänden in wissenschaftlich weitaus anspruchsvollerer Weise fort. Gerade die von ihr gesetzten Maßstäbe weckten bei Leserinnen und Lesern und in der Forschung den Wunsch nach einer Neuausgabe der ersten fünf Bände.




Die Neuausgabe der Tagebücher innerhalb der Großen kommentierten Frankfurter Ausgabe

Die nun innerhalb der GKFA erscheinende, vom S. Fischer Verlag und der VolkswagenStiftung getragene und in enger Kooperation zwischen der Universität Göttingen, der Westfälischen Wilhelms-Universität und dem Thomas-Mann-Archiv der ETH Zürich begonnene Neuausgabe soll zunächst die ersten 5 Tagebuchbände in einer dem heutigen Stand der Editionswissenschaft entsprechenden Weise zugänglich machen.

Zum ersten Mal wird der vollständige und authentische Text der Handschrift präsentiert. Dies bedeutet zunächst (1), dass die nicht sehr häufigen, aber durchaus vorhandenen Lesefehler der Mendelssohn-Edition berichtigt werden – mit manchmal weitreichenden Konsequenzen für das Verständnis der Texte: Wenn es in Mendelssohns Edition heißt, Ernst Bertrams Nietzsche-Buch sei, »ein Variationen-Reigen über das Thema der ›Woge‹« (statt »die Wage«, Eintrag vom 18.9.1918), dann geht es hier immerhin um ein Werk, das eine grundlegende Bedeutung hatte für Thomas Manns Verständnis des Philosophen, dessen Leben und Werk er als seinen »Central-Gegenstand« (Eintrag von 14.9.1918) bezeichnet. Und wenn Thomas Mann 1919 bei der Wiederaufnahme der Zauberberg-Arbeit zufrieden feststellt, der bisherige Anfang habe »Leichtigkeit«, bei Mendelssohn stattdessen aber »Seichtigkeit« zu lesen ist (Eintrag vom 3.5.1919), dann handelt es sich um eine Entstellung des Textes, die Thomas Manns poetologische Überlegungen unverständlich macht. Erst die Neuedition legt sie wieder frei.

Zu diesen unabsichtlichen Fehlern der Erstedition kommen (2) die bewussten Eingriffe Mendelssohns, vor allem die aus Diskretionsgründen vorgenommenen Auslassungen. Sie betreffen immer wieder nicht nur einzelne Sätze, sondern ganze Passagen, in denen Einzelerlebnisse (etwa ein unabsichtlicher frühmorgendlicher »Samen-Verlust«) verbunden werden mit grundsätzlichen Aussagen (etwa dem Satz: »Das Geschlechtliche ein boshaftes Element«, Eintrag vom 1.4.1919). Diese gehören ebenso zu einem vollständigen (und nun erst mit der Neuausgabe sichtbar werdenden) Bild wie die zahlreichen Eintragungen, die deutlich werden lassen, dass diese Existenz und dieses Künstlertum ohne die Lebenskameradschaft mit Ehefrau Katia (»Und wenn sie stürbe, würde ich vergehen vor Traurigkeit«, Eintrag vom 11.10.1918) nicht möglich gewesen wären.

Eine zeichengenaue Wiedergabe des Originaltextes bedeutet auch, dass (3) alle Glättungen von eigenwilligen Schreibweisen und orthographischen Fehlern rückgängig gemacht werden. Auch Fehler und Fehler-Häufungen haben eine manchmal überraschende Aussagekraft. So spiegelt sich Thomas Manns Nervosität während der Zeit der Münchner Räte-Regierung in einer drastischen Zunahme von Fehlern. Schreibungen wie »bevördert« statt »befördert« finden sich nur in diesen erregten Wochen; sie dokumentieren eindringlicher als jeder Kommentar den angespannten Gemütszustand des Dichters. Die Neuedition ergänzt Buchstaben und ausnahmsweise auch Wörter nur dort, wo dies für das Verständnis des Textes unbedingt nötig ist. Gekennzeichnet werden solche Ergänzungen stets durch eckige Klammern.

Wiederhergestellt wird (4) auch die ursprüngliche Zeichensetzung. Auch sie ist oft gerade dort sinntragend, wo sie nicht den Regeln folgt. So fungiert in dem Satz »Die M.[ünchner] N.[euesten] N.[achrichten] sollen unter anderm Namen in – eine große kommunistische Zeitung umgewandelt werden« (Eintrag vom 18.4.1919) der Gedankenstrich (er fehlt bei Mendelssohn) als Äquivalent für ein erstauntes oder empörtes Atemholen.

Die Neuedition wird also zum ersten Mal einen von allen entstellenden Fehlern, Auslassungen und Glättungen befreiten Text präsentieren. Darüber hinaus bildet sie (5) auch, soweit irgend entzifferbar, Thomas Manns eigene Korrekturen im philologischen Kommentar auf der jeweiligen Textseite ab. Auch hier zeigt sich sein ständiges Bemühen um sprachliche Exaktheit – nicht nur in der Ersetzung einzelner Wörter, sondern auch in den vielen noch während der Niederschrift eingeschobenen präzisierenden Attributen.

Zur Vollständigkeit der Wiedergabe gehören schließlich (6) auch die vielen nachträglichen An- und Unterstreichungen, gelegentlich auch Korrekturen, mit Rotstift. Sie zeigen, wie Thomas Mann seine eigenen Tagebücher später noch einmal durchging und auswertete. Gerade im ersten Band prägen diese Spuren seiner Selbst-Lektüre das Bild der Tagebuch-Handschrift. Auch sie werden in der Neuausgabe zum ersten Mal visualisiert.

Im Sachkommentar werden Mendelssohns Erläuterungen korrigiert, präzisiert und die zahlreichen Lücken geschlossen. Markierte und nicht markierte Zitate werden nachgewiesen, Anspielungen kenntlich gemacht und aufgelöst. Auf diese Weise wird der Bildungshorizont, in dem diese Texte entstanden sind, weitaus deutlicher als bisher. Vor allem aber zeigt der neue Kommentar die Verbindungen zwischen den Tagebüchern und dem übrigen Œuvre auf. Zumal die den ersten Tagebuchbänden zeitlich benachbarten Werke (Buddenbrooks, Königliche Hoheit, Der Zauberberg, Frühe Erzählungen, Fiorenza, Essays I-II und Briefe I-III) ja bereits innerhalb der GKFA erschienen sind.

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Der Auftaktband: Tagebücher 1918-1921

Im Unterschied zu Peter de Mendelssohn beginnt die Neuedition chronologisch mit den Tagebüchern 1918-1921. Es mag die große Komplexität und Kommentarbedürftigkeit gerade dieses Bandes gewesen sein, die den ersten Herausgeber dazu bewogen hat, nicht mit diesem, sondern mit dem Band 1933-1934 einzusetzen. Vielleicht war es auch der von ihm in seinem Vorwort formulierte Umstand, dass der sich hier artikulierende Thomas Mann »manchem Leser, dessen Vorstellungen sich an den Schriftsteller in seiner zweiten Lebenshälfte heften« (und vielleicht auch dem ersten Herausgeber selbst?) »bis zur völligen Unbegreiflichkeit fremd sein« mag (S. IX).

Dabei wird auch hier eine Revision bis heute oft zu lesender Vorurteile fällig sein. Keineswegs manifestiert sich in den frühen Tagebüchern der oft unterstellte Konservatismus und Nationalismus. Die Einträge zeugen von einer gewissen Sympathie für die Monarchie, nicht aber von einer Anhänglichkeit an Person und Regierungsstil Wilhelms II. (Thomas Mann wehrt sich lediglich gegen die Forderungen von Entente-Seite, den Kaiser vor ein internationales Tribunal zu stellen.) Hatte er die Betrachtungen eines Unpolitischen, mit deren Veröffentlichung der erste Tagebuchband einsetzt, als »Revision aller Grundlagen« (GKFA 13.1, 15) seines Künstlertums verstanden, so zwang ihn der Zusammenbruch der bürgerlichen Welt der Kaiserzeit 1918/19 zu einer nochmaligen Revision seiner Grundlagen, einer existentiellen Auseinandersetzung mit Demokratie, Sozialismus und Kommunismus. Die Tagebücher der Jahre 1918 bis 1921 zeigen eine erregte Suchbewegung, zeigen, wie Thomas Mann bei und nach der Beobachtung der Revolutionsereignisse, die sich teilweise fast vor seiner Haustür abspielten, um eine eigene Position ringt – nachdenkend, in der Lektüre zahlloser Zeitungsartikel und Zeitschriftenaufsätze, Bücher und Broschüren, in neuen Auseinandersetzungen mit Goethe, Tolstoij und Dostojewskij. Diese unruhige Suchbewegung führt ihn zu zeitweiligen Annäherungen an Kreise und Positionen der Jungdeutschen, der Konservativen Revolution (er wird sich im Exil kopfschüttelnd daran erinnern), am Ende zum Beginn einer Aussöhnung mit der jungen Republik.

Als Erzähler reagiert Thomas Mann auf die Umwälzungen von Kriegsende und Revolution zunächst ausweichend, mit den »Idyllen« Herr und Hund und Gesang vom Kindchen. Wenn er im Frühjahr zu der 1915 unterbrochenen Arbeit am Zauberberg zurückkehrt, findet er die Vorkriegskonzeption »veraltet« (Eintrag vom 14.4.1919); auf seine Überlegungen zu einer Neuausrichtung nehmen die aktuellen Ereignisse entscheidenden Einfluss.

Man wird Thomas Manns Suche nach einer Synthese von Reaktion und humanistischer Aufklärung, nach einer »neuen Konzeption des Menschen als einer Geist-Leiblichkeit« (Eintrag vom 17.4.1919) nur schwer verstehen und einordnen können ohne die im neuen Kommentar gezeigten Verbindungslinien zur Vorkriegs-Essayistik. Andererseits wird auch der Weg Thomas Manns von der Utopie einer sozialen Monarchie in Königliche Hoheit über die Verteidigung des wilhelminischen Deutschland bis zum Engagement für die Weimarer Republik sich kaum angemessen begreifen lassen ohne Kenntnis der Tagebücher von September 1918 bis Dezember 1921. Der neue Kommentar steht, über die Bereitstellung von erläuternden und verständnisnotwendigen Einzelinformationen hinaus, ganz im Dienst dieser wechselseitigen Erhellung.

Für den Künstler Thomas Mann war das »Spannende« kein wesentliches Kriterium zur Beurteilung erzählender Literatur. Die frühen Tagebücher aber, die von den ganz großen Ereignissen der Zeit ebenso berichten wie von den ganz kleinen Sorgen des Alltags, sind (gerade im Zusammenspiel von authentischem Text und neuem Kommentar) spannend wie kaum ein anderes Buch in seinem Œuvre.



Der Band Tagebücher 1918-1921 erscheint voraussichtlich 2018 im S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main.

Die Bände Tagebücher 1933-1934 und Tagebücher 1935-1936 folgen voraussichtlich 2019 und 2020.


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