Außergewöhnliche Promotion

Am 1. September 2022 fand an der Theologischen Fakultät zu Göttingen eine eher ungewöhnliche Promotion zum „Dr. theol.“ statt. Denn der Doktorand, Herr Pastor i.R. Wolfgang Meißner, legte die Disputation, den mündlichen Prüfungsteil des Promotionsverfahrens, im stattlichen Alter von 89 Jahren ab. Meißner ist emeritierter Pastor der Braunschweigischen Landeskirche; er wohnt mit seiner Frau in Mahlum bei Bockenem.

Die Geschichte dieser Dissertation reicht weit in Meißners eigen Biographie zurück. In der Mitte der 1980er Jahre hatte ihn die Kirche für eine Zeit aus dem ‚Frontdienst‘ in Gemeinde und Diakonie herausgenommen und für archivalische Arbeiten im landeskirchlichen Archiv – damals in Braunschweig, heute in Wolfenbüttel – freigestellt. Dabei stieß Meißner auf einen unerschlossenen, in Packpapier gelagerten Aktenbestand, der ihn in den Bann zog: Eine annähernd vollständig erhaltene Sammlung von Protokollen der Predigersynoden auf dem Lande im Herzogtum Braunschweig-Wolfenbüttel aus der Zeit vom 17. bis ins 20. Jahrhunderts.

Meißner erschloss das Material und erarbeitete eine mehrbändige Dokumentation; der damalige Inhaber der Professur für Niedersächsische Kirchengeschichte Prof. Dr. Dr. Hans-Walter Krumwiede ermutigte ihn, das Material in einer Doktorarbeit zu analysieren. Doch dann stand für Meißner erst einmal erneut der Dienst im Pfarramt an – in der Kirchengemeinde Othfresen/Heißum in Verbindung mit der Diakoniestation Liebenburg/Lutter. Die Arbeit an der Dissertation lag nun brach – für annähernd drei Jahrzehnte. Doch vor zwei Jahren erinnerte sich Meißner des Materials und setzte sich mit dem gegenwärtigen Inhaber der Professur für Mittlere und Neuere Kirchengeschichte Prof. Dr. Thomas Kaufmann in Verbindung. In mehreren Gesprächen vereinbarte man eine Strategie für den Abschluss. Zu diesem kam es nun am vergangenen Mittwoch.

Ein Promotionsverfahren dieser Art ist in der Tat ungewöhnlich, denn ein wesentlicher Zweck der Promotion, die Beförderung beruflicher Perspektiven innerhalb und außerhalb der Wissenschaft, kommt für Herrn Meißner nicht mehr in Betracht. Es war die Leidenschaft für die Sache, aber auch der Wunsch, etwas ‚fertig zu machen‘, die ihn antrieb. Das Ergebnis kann sich sehen lassen: Die Analyse eines einzigartigen Quellenbestandes, der Aufschluss über die Bildungs- und Fortbildungsverhältnisse der ländlichen Geistlichkeit vor allem im 18. Jahrhundert eröffnet. Dabei erweist sich der landesherrliche Impuls, auch um des Seelenheils der Untertanen willen die Bildungsverhältnisse zu verbessern, als ein entscheidender Motor der Dynamik. Anhand des Materials wird auch deutlich, dass traditionelle dogmatische Formeln und Ideen schon im Verlauf des 18. Jahrhunderts auch in ländlichen Kontexten an Plausibilität verloren und die Transformation des neuzeitlichen Protestantismus einsetzte.

Promotion Meißner 2022


Die Prüfungskommission – bestehend aus Prof. Christian Polke (Systematische Theologie; Studiendekan), Prof. Susanne Luther (Neues Testament), PD Dr. Thomas Kück, dem Vorsitzenden der Gesellschaft für niedersächsische Kirchengeschichte und Thomas Kaufmann war mit den Leistungen Meißners auch in der Disputation zufrieden und freute sich mutmaßlich den ältesten Doktoranden in der Geschichte der Göttinger Theologischen Fakultät promoviert zu haben.