Der Wolf in Hessen

Durch sein Netzwerk von Fotofallen unterstützt das Luchsprojekt der Universität Göttingen das Hessische Landesamt für Naturschutz, Umwelt und Geologie (HLNUG) beim Monitoring des Wolfes in Nordhessen. Auf diese Weise möchten wir einen Beitrag zu einer objektiven Bestandserfassung des Wolfes in Nordhessen leisten.

Zwischen Februar 2020 und Februar 2021 entstanden an unseren Kameras insgesamt 19 voneinander unabhängige Aufnahmen (Foto-Ereignisse) von Wölfen. Diese 19 Aufnahmen verteilen sich auf mindestens zwei Individuen. 12 Aufnahmen entfallen wahrscheinlich auf die Wölfin GW1644f. Diese Wölfin ließ sich anhand charakteristischer Fellmerkmale (Flecken, Läsionen) vergleichsweise gut von anderen Individuen abgrenzen. Wir weisen aber darauf hin, dass die Unterscheidung von Wölfen anhand von Fellmustern eigentlich keine nach den nationalen Monitoringstandards für den Wolf anerkannte Methode zur Unterscheidung von Individuen ist. Wölfin GW1644f wurde am 02. Juni 2020 bei Oberkaufungen von einem Auto erfasst und getötet.

Weitere sechs Aufnahmen entfallen auf mindestens einen weiteren Wolf (Abbildung 1).


Wolfsnachweise Hessen
Abbildung 1. Wolfsnachweise in Nordhessen 2020/21. Blaue Punkte bezeichnen Fotofallen-Nachweise, die wahrscheinlich der Wölfin GW1644f zugeordnet werden können, gelbe Punkte Fotofallen-Nachweise eines oder mehrerer weiterer Wölfe (je größer der Punkt, desto mehr Nachweise entstanden). Blaue Rauten bezeichnen genetische Nachweise der Wölfin GW1644f, gelbe Rauten genetische Nachweise der Wölfin GW1409f, rote Rauten genetische Nachweise des Rüden GW1939m. Daten der Fotofallen: Uni Göttingen/ HLNUG, Daten der genetischen Nachweise: HLNUG, www.hlnug.de/themen/naturschutz/tiere-und-pflanzen/arten-melden/wolf

Wie viele Wölfe leben in Nordhessen?
Nach derzeitigem Kenntnisstand (April 2021) leben zur Zeit mindestens zwei Wölfe dauerhaft in Nordhessen: Einer der Wölfe ist die als „Stölzinger Wölfin“ bekannt gewordene Wölfin mit der Kennung GW1409f. Diese Wölfin kann durch das HLNUG seit August 2019 regelmäßig genetisch nachgewiesen werden. Ein Wolf gilt als in einem Gebiet sesshaft (resident), wenn er dort über einen Zeitraum von mindestens einem halben Jahr nachgewiesen werden kann. Der letzte genetische Nachweis der Stölzinger Wölfin stammt von Ende Oktober 2020 (Stand: April 2021). Ende Januar gelang dem HLNUG bei Alheim zudem der genetische Nachweis einer zweiten Wölfin (mit dem Kürzel GW1142f). Diese Wölfin konnte bereits im Frühjahr 2019 genetisch in der Region nachgewiesen werden, und gilt deshalb ebenfalls als in Nordhessen sesshaft.
Ende Dezember 2020 konnte nahe Ludwigsau (Kreis Hersfeld-Rotenburg) ein männlicher Wolf genetisch nachgewiesen werden (vgl. Box 1). Dieser Nachweis war der erste gesicherte Nachweis eines Rüden im Kalenderjahr 2020. Der Nachweis entstand unweit des jüngsten Nachweises der Wölfin GW1142f, aber auch nicht weit vom bisher bekannten Streifgebiet der Stölzinger Wölfin entfernt. Wenige Wochen später, im Februar 2021, gelang einer privaten Wildkamera bei Ludwigsau eine Aufnahme, die erstmals in Nordhessen zwei Wölfe zusammen zeigte. Um welche Wölfe es sich handelt, lässt sich anhand des Fotos nicht beurteilen. Auch das Alter und Geschlecht der Wölfe lassen sich anhand der Aufnahme nicht bestimmen.

An den nördlich und östlich gelegenen Kameras der Universität Göttingen konnte seit Herbst 2020 kein Wolf mehr nachgewiesen werden. Inzwischen ist die Anzahl der Kamerastandorte dort auf 15 erhöht worden. Nicht alle Fotofallen-Aufnahmen und nicht alle genetischen Nachweise können individuell bekannten Wölfen zugeordnet werden. Außerdem ist es möglich, dass nicht alle Wölfe, die sich zeitweise in Nordhessen aufhielten, von Fotofallen erfasst oder genetisch nachgewiesen werden konnten. Insbesondere Wölfe, die ein Gebiet nur kurz durchwandern, bleiben oft unentdeckt. Hält sich ein Wolf aber über einen längeren Zeitraum in einem Gebiet auf, wird er in der Regel auch durch das Monitoring erfasst.

Haben sich Wölfe in Nordhessen fortgepflanzt?
Nach derzeitigem Kenntnisstand (Februar 2020) ist es in Nordhessen bislang noch nicht zu einer Reproduktion (Fortpflanzung) von Wölfen gekommen. Mitte September kam es in der Nähe von Waldkappel-Stolzhausen (Werra-Meißner-Kreis) zu einer Sichtung eines mutmaßlichen Jungwolfes. Ein fotografischer Nachweis des vermeintlichen Jungwolfes (oder anderer Jungwölfe) liegt aber bislang nicht vor. Auch liegen derzeit keine Beobachtungen eines Wolfsrudels vor. Daher ist momentan davon auszugehen, dass in es in Nordhessen noch nicht zu einer Reproduktion gekommen ist.


Box: Was ist ein genetischer Nachweis?
Ein Wolf kann über Kot, Blut, Haare oder Speichelreste nachgewiesen werden. Dazu muss im Labor Erbmaterial des Wolfes aus Körperzellen in der Probe (Kot, Blut, Haare, Speichel) extrahiert werden. Je nach Qualität der Probe kann so der Artstatus (Wolf, kein Wolf) festgestellt werden und/ oder ein sogenannter genetischer Fingerabdruck des Wolfes angefertigt werden. Der genetische Fingerabdruck ermöglicht es, die Probe einem einzelnen, individuell bekannten Wolf zuzuordnen und dessen Geschlecht zu bestimmen oder ein neues individuelles Profil zu ermitteln. Mithilfe des genetischen Fingerabdrucks ist es darüber hinaus oft möglich, Verwandtschaftsbeziehungen zwischen bekannten Wölfen zu rekonstruieren (z.B. Rudelzugehörigkeit). In Deutschland ist das Senckenberg Institut für Naturkunde (Gelnhausen) das anerkannte, nationale Referenzlabor für Wolfsgenetik.

Was, wenn eine Probe negativ ist?
Enthält eine an einem Nutz- oder Wildtierriss entnommene Probe Erbmaterial (DNA) eines Wolfes, so sprechen wir von einer positiven Probe. In diesem Fall ist ein Wolf als Verursacher wahrscheinlich. Handelt es sich um einen Nutztierriss, bildet eine solche positive Probe eine Voraussetzung für einen möglichen Schadensausgleich (im Rahmen einer Billigkeitsleistung) für den Nutztierhalter. Doch was wenn die Probe negativ ist? Ein negatives Ergebnis bedeutet im Umkehrschluss nicht, dass ein Wolf als Verursacher ausgeschlossen werden kann. Ein negatives Ergebnis kann auch auf eine mangelnde Qualität der Probe zurückgeführt werden. Gerade bei Rissabstrichproben muss die Entnahme der Probe innerhalb von 24-48 Stunden erfolgen, um im Labor noch eine realistische Chance auf die Gewinnung von Erbmaterial zu haben. Für einen Nutztierhalter bedeutet eine negative Probe jedoch, dass eine Billigkeitsleistung in der Regel nicht erbracht werden kann.