Der Wolf in Hessen

Durch sein Netzwerk von Fotofallen unterstützt das Luchsprojekt der Universität Göttingen das Hessische Landesamt für Naturschutz, Umwelt und Geologie (HLNUG) beim Monitoring des Wolfes in Nordhessen. Auf diese Weise möchten wir einen Beitrag zu einer objektiven Bestandserfassung des Wolfes in Nordhessen leisten.
Im Kalenderjahr 2020 sind uns bis einschließlich Oktober insgesamt 18 voneinander unabhängige Aufnahmen (Foto-Ereignisse) von Wölfen gelungen. Diese 18 Aufnahmen verteilen sich auf mindestens zwei Individuen. 12 Aufnahmen entfallen wahrscheinlich auf die Wölfin GW1644f. Diese Wölfin ließ sich anhand charakteristischer Fellmerkmale (Flecken, Läsionen) vergleichsweise gut von anderen Individuen abgrenzen. Wir weisen aber darauf hin, dass die Unterscheidung von Wölfen anhand von Fellmustern eigentlich keine nach den nationalen Monitoringstandards für den Wolf anerkannte Methode zur Unterscheidung von Individuen ist. Wölfin GW1644f wurde am 02. Juni 2020 bei Oberkaufungen von einem Auto erfasst und getötet.

Weitere sechs Aufnahmen entfallen auf mindestens einen weiteren Wolf (Abbildung 1).

Wolfsnachweise Hessen
Abbildung 1. Wolfsnachweise in Nordhessen. Blaue Punkte bezeichnen Fotofallen-Nachweise, die wahrscheinlich der Wölfin GW1644f zugeordnet werden können, gelbe Punkte Fotofallen-Nachweise eines oder mehrerer weiterer Wölfe (je größer der Punkt, desto mehr Nachweise entstanden). Blaue Rauten bezeichnen genetische Nachweise der Wölfin GW1644f, gelbe Rauten genetische Nachweise der Wölfin GW1409f. Daten der genetischen Nachweise: HLNUG.


Wie viele Wölfe leben in Nordhessen?
Nach derzeitigem Kenntnisstand lebt im Herbst 2020 ein Wolf dauerhaft in Nordhessen: Die als „Stölzinger Wölfin“ bekannt gewordene Wölfin mit der Kennung GW1409f. Diese Wölfin kann durch das HLNUG seit August 2019 genetisch nachgewiesen werden. Ein Wolf gilt als in einem Gebiet sesshaft (resident), wenn er dort über einen Zeitraum von mindestens einem halben Jahr nachgewiesen werden kann. Der letzte genetische Nachweis der Stölzinger Wölfin stammt von Ende Oktober 2020 (Stand: November 2020).
Nicht alle Fotofallen-Aufnahmen und nicht alle genetischen Nachweise können individuell bekannten Wölfen zugeordnet werden. Außerdem ist es möglich, dass nicht alle Wölfe, die sich im Kalenderjahr 2020 in Nordhessen aufhielten, von Fotofallen erfasst oder genetisch nachgewiesen werden konnten. Insbesondere Wölfe, die ein Gebiet nur kurz durchwandern, bleiben oft unentdeckt. Hält sich ein Wolf aber über einen längeren Zeitraum in einem Gebiet auf, wird er in der Regel auch durch das Monitoring erfasst. Basierend auf den genetischen Nachweisen von Wölfen in Nordhessen (siehe Box 1) ist es daher wenig wahrscheinlich, dass es neben der Wölfin GW1409f derzeit weitere sesshafte Wölfe in Nordhessen gibt.


Box 1: Genetische Nachweise von Wölfen in Nordhessen
Bis einschließlich Oktober 2020 gelang es dem HLNUG in Zusammenarbeit mit der Abteilung Naturschutzgenetik des Senckenberg Instituts für Naturkunde (Gelnhausen) in Nordhessen (nördlich der A4) an fünf Wildtierrissen und sechs Nutztierrissen einen Wolf nachzuweisen. Außerdem konnte eine Kotprobe einem Wolf zugeordnet werden. 10 dieser insgesamt 12 Nachweise entfielen auf die Stölzinger Wölfin, ein Nachweis auf die Wölfin GW1644f, ein weiterer Nachweis ließ lediglich die Artbestimmung (Wolf), jedoch keine individuelle Bestimmung zu. Betrachtet man die Häufigkeit und Regelmäßigkeit mit der die Stölzinger Wölfin genetisch nachgewiesen wurde, ist es wenig wahrscheinlich, dass neben der Stölzinger Wölfin weitere sesshafte, jedoch „genetisch unsichtbare“ Wölfe in Nordhessen leben.
Daten: HLNUG, www.hlnug.de/themen/naturschutz/tiere-und-pflanzen/arten-melden/wolf


Haben sich Wölfe in Nordhessen fortgepflanzt?
Nach derzeitigem Kenntnisstand (November 2020) ist es in Nordhessen bislang noch nicht zu einer Reproduktion (Fortpflanzung) von Wölfen gekommen. Mitte September kam es in der Nähe von Waldkappel-Stolzhausen (Werra-Meißner-Kreis) zu einer Sichtung eines mutmaßlichen Jungwolfes. Ein fotografischer Nachweis des vermeintlichen Jungwolfes (oder anderer Jungwölfe) liegt aber bislang nicht vor. Auch ein männlicher Wolf konnte in Nordhessen während der letzten Monate nicht nachgewiesen werden. Daher ist momentan davon auszugehen, dass in es in Nordhessen noch nicht zu einer Reproduktion gekommen ist.


Box 2: Was ist ein genetischer Nachweis?
Ein Wolf kann über Kot, Blut, Haare oder Speichelreste nachgewiesen werden. Dazu muss im Labor Erbmaterial des Wolfes aus Körperzellen in der Probe (Kot, Blut, Haare, Speichel) extrahiert werden. Je nach Qualität der Probe kann so der Artstatus (Wolf, kein Wolf) festgestellt werden und/ oder ein sogenannter genetischer Fingerabdruck des Wolfes angefertigt werden. Der genetische Fingerabdruck ermöglicht es, die Probe einem einzelnen, individuell bekannten Wolf zuzuordnen und dessen Geschlecht zu bestimmen oder ein neues individuelles Profil zu ermitteln. Mithilfe des genetischen Fingerabdrucks ist es darüber hinaus oft möglich, Verwandtschaftsbeziehungen zwischen bekannten Wölfen zu rekonstruieren (z.B. Rudelzugehörigkeit). In Deutschland ist das Senckenberg Institut für Naturkunde (Gelnhausen) das anerkannte, nationale Referenzlabor für Wolfsgenetik.
Was wenn eine Probe negativ ist?
Enthält eine an einem Nutz- oder Wildtierriss entnommene Probe Erbmaterial (DNA) eines Wolfes, so sprechen wir von einer positiven Probe. In diesem Fall ist ein Wolf als Verursacher wahrscheinlich. Handelt es sich um einen Nutztierriss, bildet eine solche positive Probe eine Voraussetzung für einen möglichen Schadensausgleich (im Rahmen einer Billigkeitsleistung) für dens Nutztierhalter. Doch was wenn die Probe negativ ist? Ein negatives Ergebnis bedeutet im Umkehrschluss nicht, dass ein Wolf als Verursacher ausgeschlossen werden kann. Ein negatives Ergebnis kann auch auf eine mangelnde Qualität der Probe zurückgeführt werden. Gerade bei Rissabstrichproben muss die Entnahme der Probe innerhalb von 24-48 Stunden erfolgen, um im Labor noch eine realistische Chance auf die Gewinnung von Erbmaterial zu haben. Für einen Nutztierhalter bedeutet eine negative Probe jedoch, dass eine Billigkeitsleistung in der Regel nicht erbracht werden kann.