Di 28.06.22 E. Kaiser - Populationsdynamiken im 3. Jahrtausend v. Chr.

Populationsdynamiken im 3. Jahrtausend v. Chr. – Die Interpretation archäologischer und paläogenetischer Daten

Prof. Dr. Elke Kaiser (Berlin)

Seit 2015 sorgen paläogenetische Daten für eine gewisse Furore innerhalb unter Archäologinnen und Archäologen, die sich mit dem 3. Jahrtausend beschäftigen. Diese Daten besagen, dass in beprobten Individuen aus Gräber der schnurkeramischen Kultur in Mitteleuropa und angrenzenden Räumen neue genetische Komponenten festzustellen sind. Diese Genomkomponenten sind ansonsten typisch für Populationsgruppen in den osteuropäischen Steppengebieten, insbesondere wurde sie mit der Jamnaja-Kultur in Verbindung gebracht. Daher wurde ihr Vorkommen in Individuen, die mit der Kultur der Schnurkeramik assoziiert werden, als Hinweis, teilweise sogar als Beleg, für Einwanderungen aus der Steppe nach Mitteleuropa im frühen 3. Jt. gewertet.

In meinem Vortrag möchte ich kurz die paläogenetischen Studien und die mit ihnen aufgekommene Debatte in der prähistorischen Archäologie skizzieren. Anschließend werde ich an Fallbeispielen archäologisch die Kontaktsituationen im 3. Jt. mit möglichen Zuwanderern aus dem Steppengebiet nördlich des Schwarzen Meeres und lokaler in benachbarten Räumen darstellen. Anhand dieser Fallstudien lässt sich die Vielfalt an möglichen Interaktionen, die bei Wanderungsprozessen auftreten können, illustrieren und die nicht durch pauschalisierende Modelle erklärt werden können.