Dr. Martin Gierl


Arbeitsschwerpunkte

Aufklärung; Geschichte der Historiographie; Universitätsgeschichte; die soziale Konstruktion des Wissens; Geschichte als Organisationsprozess




Projekt: Wissensproduktion als Ereignisstruktur

Ich arbeite über Wissensgeschichte. Besonders bin ich daran interessiert, wie Wissen durch Organisation bestimmt, geformt, ja im eigentlichen Sinn erst erzeugt wird. Mein Fokus ruht auf den Bedingungen, Möglichkeiten, Freiräumen und Begrenzungen, die Institutionen, Medien, allgemein gesagt, Kommunikationsverfahren bieten, um Information zu verarbeiten, Wissen wahrzunehmen und auszuwählen. Letztlich studiere ich Wissensgeschichte nicht als diskursiven Prozess der besten, zutreffendsten oder hervorragendsten Ideen, sondern als Akkumulationsprozess der passendsten Aussagen, die in einem gegebenen sozialen und institutionellen Umfeld erfolgreich waren. Wissen entsteht aus dieser Perspektive nur in eingeschränktem Maß intrinsisch, das heißt als Ergebnis unbedingten Denkens und dessen Rezeption durch unbedingtes Überdenken. Es entsteht vielmehr in hohem Maß nach Art und Weise, Wissen innerhalb institutioneller Interaktion und deren Kommunikationsverfahren auszuwählen, anzupassen und weiterzuentwickeln. Ein derartiges Wissensverhandeln besitzt eine aktive und eine reaktive Seite. Institutionalisiertes Verhandeln bestimmt, welches Wissen im institutionellen Setting Gültigkeit besitzt. Zugleich jedoch passt es in permanenter Wissensablehnung und Integration die eigenen Parameter der Wissenswahrnehmung und ?verarbeitung permanent an. Kurz, ich versuch Wissen, in erster Linie nicht als Gedanken, sondern als Ereignis zu interpretieren.

Ich benutze hierzu die Göttinger Universität zur Zeit der Aufklärung als Labor. Die Idee ist, die lokalen Traditionen, Amtsverpflichtungen, Kooperation und Konkurrenz und ihr Zusammenspiel mit der Rezeption auswärtigen neuen Wissens, neuer Theorien und aktueller Debatten zu analysieren. Dazu werden vier Leitmedien ins Auge gefasst, mit denen die Universität Wissens verarbeitete: Ich untersuche die Veränderungen des Göttinger Lehrplans, die Entwicklung der Handbücher sowie die Rezeption und Kommentierung der auswärtigen gelehrten Diskurse im national führenden Rezeptionsjournal, den Göttingischen Gelehrten Anzeigen, die das Sprachrohr der Göttinger Universität bildeten. Und ich vergleiche Lehre und Wissensrezeption mit der lokalen Forschung, wie sie in den Sitzungen der Sozietät der Wissenschaften präsentiert worden ist. Ich konzentriere die Untersuchung auf die Göttinger Rezeption und Produktion von Geschichte. Verglichen werden die Zusammensetzung der Lehre und der Handbücher, die Rezensionspraxis und die Forschungsgegenstände der Historiker Gatterer und Schlözer, des Popularphilosophen Meiners sowie der Altertumswissenschaftler Michaelis und Heyne.




Publikationen (Auswahl)

  • Geschichte als präzisierte Wissenschaft. Johann Christoph Gatterer und die Historiographie des 18. Jahrhunderts im ganzen Umfang. Stuttgart Frommann 2012
  • Geschichte und Organisation. Institutionalisierung als Kommunikationsprozess am Beispiel der Wissenschaftsakademien um 1900 (Abhandlungen der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen, Phil-Hist. Klasse, 233). Göttingen Vandenhoeck 2004.
  • Pietismus und Aufklärung. Theologische Polemik und die Kommunikationsreform der Wissenschaft am Ende des 17. Jahrhunderts (Veröffentlichungen des Max-Planck-Instituts für Geschichte 129). Göttingen Vandenhoeck 1997.
  • "Change of Paradigm as a Squabble between Institutions: The Institute of Historical Sciences, the Society of Sciences, and the Separation of Cultural and Natural Sciences in Göttingen in the Second Half of the Eighteenth Century", in: André Holenstein, Hubert Steinke, Martin Stuber (Hg.), Scholars in Action. The Practice of Knowledge and the Figure of Savant in the 18th Century. Leiden 2013, 267-287.
  • "Das Alphabet der Natur und das Alphabet der Kultur im 18. Jahrhundert. Botanik, Diplomatik, Linguistik und Ethnographie nach Carl von Linné, Johann Christoph Gatterer und Christian Wilhelm Büttner", in: NTM 1, 2010, 1-27.
  • "Science, Projects, Computers, and the State: Swift's Lagadian and Leibniz's Prussian Academy", in: Max Nowak (Hg.), The Age of Projects: Changing and Improving the Arts, Literature, and Life during the Long Eighteenth Century, 1660-1820. Toronto 2008, 297-317.