Provenienzforschung "Sensible Provenienzen"

Sensible Provenienzen – Menschliche Überreste aus kolonialen Kontexten in den Sammlungen der Universität Göttingen

Die Debatten um menschliche Überreste in musealen Einrichtungen, die in Deutschland hauptsächlich durch die Pläne zum Humboldt-Forum in Berlin angestoßen wurden, haben auch akademische Sammlungen nicht unberührt gelassen, wobei eine kritische Auseinandersetzung um die Herkunft ihrer Bestände und deren Einsatz in Forschung und Lehre bisher nur in Ansätzen existiert.
Das von der VolkswagenStiftung auf drei Jahre finanzierte Provenienzforschungsprojekt möchte – ausgehend von zwei Beständen menschlicher Überreste aus (proto-)kolonialen Kontexten in Göttinger Sammlungen – deren Herkunft, die Umstände ihres Erwerbs, ihr Transfer und ihre Transformation zu „Wissensdingen“ in akademischen Sammlungen und ihren Einsatz zu Lehr- und Forschungszwecken in den Blick nehmen. Zum einen geht es um die Blumenbachsche Schädelsammlung, deren Grundstock von ca. 245 Schädeln auf den Naturforscher Johann Friedrich Blumenbach (1752-1840) zurückgeht. Nach Blumenbachs Tod wurde die Sammlung von seinen Nachfolgern bis in die 1940er Jahre weitergeführt, sodass sich heute rund 800 Schädel in der Sammlung befinden, von denen wiederum ca. 200 Schädel außereuropäischer Provenienz sind. Zum anderen wird die umfassende Sammlung menschlicher Schädel(-fragmente) in den Blick genommen, die am Hamburger Museum für Völkerkunde zur Zeit des Kolonialismus zwischen 1890 und den 1920er Jahren gesammelt und 1953 an die Göttinger Anthropologie abgegeben wurde. Eine erste Durchsicht ergab, dass die Gebeine vornehmlich aus den Regionen Afrika, Australien/Neuseeland und Ozeanien stammen.
Das Projekt ist interdisziplinär angelegt und vereint unterschiedliche Fachkulturen, die jeweils ihre methodischen Ansätze in das Projekt einfließen lassen: Eine sich hautsächlich auf Archivmaterial stützende historisch-kritische Provenienzforschung wird durch anthropologisch-anatomische Zugänge erweitert, die direkt an den Gebeinen weitere, die historische Analyse ergänzende Informationen erbringen. Im ethnografisch-kulturanthropologischen Teilprojekt wird zum einen eine Begleitforschung des Projektes selbst stattfinden, um den meist unreflektierten Umgang mit den „Arbeitsmaterialen“ bewusst zu machen und eine Reflexion über die eigenen Forschungspraktiken zu erwirken, die wiederum in den zukünftigen Umgang mit den Gebeinen einfließen soll. Zum anderen soll Kontakt zu Vertreter*innen der Herkunftsgesellschaften aufgenommen werden, um sie in das Projekt einzubinden.
Eine solche Kontaktaufnahme und Einbindung ist konstitutiver Teil des Projektes. Dabei geht es erstens darum, den Vertreter*innen Zugang zu den in Göttingen lagernden Gebeinen ihrer Vorfahren zu verschaffen. Zweitens soll dadurch ein multiperspektivischer Dialog hergestellt werden, der westlich-wissenschaftliche Selbstverständlichkeiten hinterfragt und sie mit anderen Zugängen und Perspektiven anreichert. Schließlich wird es darum gehen, gemeinsam eine Forschungsagenda für das Projekt zu entwickeln, die Anknüpfungspunkt für weitere Provenienzforschungen sein kann.
Ein zentrales Ziel des Projekts ist es, Nachwuchswissenchaftler*innen aus den Herkunftsgesellschaften in das Projekt einzubeziehen. Dies geschieht durch die Finanzierung einer Doktorandenstelle, die von Anfang an Teil des Teams des Provenienzforschungsprojektes ist. Darüber hinaus werden im Laufe des Projekts Kurzzeitstipendien für Forscher*innen aus den Herkunftsgesellschaften vergeben.
Das Forschungsteam des Projektes besteht aus zwei Doktorand*innen und zwei Post-Doktorand*innen.


Das interdisziplinäre Forschungsprojekt wird gemeinsam von der Zentralen Kustodie, dem Lehrstuhl für Neuere Geschichte, Frau Prof. Dr. Rebekka Habermas, Herrn PD Dr. Richard Hölzl, dem Institut für Kulturanthropologie/Europäische Ethnologie, Frau Prof. Dr. Regina Bendix, dem Institut für Historische Anthropologie und Humanökologie, Frau Dr. Susanne Hummel, und dem Zentrum Anatomie/Blumenbachsche Schädelsammlung, Herr Prof. Dr. Christoph Viebahn, bearbeitet.