Geführte SONNTAGSSPAZIERGÄNGE

Sonntag, den 17. Juli 2022 um 11.00 Uhr

Archäologisches Institut Göttingen, Nikolausbergerweg 15, 37073 Göttingen (Sie erreichen im Anschluß problemlos die Veranstaltung der Kunstgeschichte)

Professor Dr. Johannes Bergemann
führt Sie zum Thema

"Die alten Athener und der Tod: Gesellschaft und Politik im Spiegel der griechischen Grabreliefs – Neues aus der Göttinger Abgußsammlung"

Die Grabreliefs aus dem Athen des 5. und 4. Jahrhunderts v. Chr. sind die größte Gruppe originaler griechischer Skulpturen, die erhalten geblieben ist. Von den fast 3000 erhaltenen originalen Skulpturen gibt es eine qualitätvolle Auswahl von Abgüssen in Göttingen, darunter jüngste Neuankäufe. Die Grabreliefs geben Einblicke in den Totenkult und zugleich die sozialen und politischen Strukturen der demokratischen Stadt Athen.

430 v. Chr. gab es in Athen eine furchtbare Pandemie, die zahllose Tote forderte. Es ist nicht klar, ob Typhus, Pocken oder Pest die Ursache war. Der Historiker Thukydides, der selbst an der Seuche erkrankt war, beschreibt die Symptome und Auswirkungen aus eigenem Erleben.
Bald nach der Pest erscheint eine neue Form der Grabmonumente in den Nekropolen. Das Verbot aufwendiger Gräber vom Ende des 6. Jahrhunderts v. Chr. verlor damit seine Wirksamkeit. Thukydides spricht von der Verrohung und Sittenlosigkeit, die die Pest verursacht hatte, besonders bei der Bestattung der Toten. Nicht Trauer und Emotion durften die Bürger in den Bildern an ihren Gräbern zeigen, sondern die bürgerliche Werte. Offenbar gelang es der demokratischen Gesellschaft, den Wunsch der Athener Bürger nach prachtvollen Gräbern für ihre Vorfahren durch deren neue Funktionalisierung als Multiplikatoren einer bürgerlichen Ideologie zu integrieren. Fast jeder wollte, ja mußte ein Familiengrab haben, allein um zu zeigen, wie gut er seine Eltern behandelte. Denn, wer in Zwietracht mit seiner Familie lebte, der konnte auch dem Staat nicht nutzen, so dachte man im alten Athen nach dem Ende der Epidemie.

Athen Grabrelief