Wissen ethnografieren


Tagung der Kommission für Film und audiovisuelle Anthropologie in der DGEKW in Kooperation mit dem LVR-Institut für Landeskunde und Regionalgeschichte und mit Unterstützung des LVR-Freilichtmuseums Kommern

23.-24.11.2023, LVR-Freilichtmuseum Kommern
Organisation: Dr. Lisa Maubach, Andrea Graf M.A., Antje Buchholz M.A.

Ob visuelles Storytelling, Video-Tutorials, Utility-Film-Formate oder Do-it-Yourself Videos auf Youtube, Video- und Fotosharing über die Social-Media Plattformen Instagram und TikTok: Wir leben in einem audiovisuellen Zeitalter. Nicht nur privat, sondern auch im Arbeitsleben werden Informationen und Wissen über Bilder und Filme vermittelt.

Unsere Wissensgesellschaft befindet sich somit in einem Umbruch. Durch die Möglichkeiten der digitalen Bereitstellung von Wissen ist ein Demokratisierungsprozess angestoßen, der den geteilten Wissensvorrat enorm ausgeweitet hat, sich dabei doch immer nur als vorläufig, stetig veränderlich und fortschreibbar ausweist. Vor dem Hintergrund der erweiterten Zugänglichkeit von audiovisuell aufbereitetem Wissen, wobei die Grenzen zwischen Produzent*in und Konsument*in verschwimmen können, stehen historische, aktuelle, privat entstandene und offizielle Formate gleichberechtigt nebeneinander. Welches intentionale und nicht-intentionale Wissen verbirgt sich in diesen vielgestaltigen audiovisuellen Repräsentationen? Wie wird Wissen in Bildern und Filmen performativ hergestellt? Und welches Wissen wird in den kulturwissenschaftlichen Fächern mit audiovisuellen Methoden dokumentiert?

Was unter Wissen gefasst wird, kann dabei unterschiedlich sein. Kulturanthropolog*innen gehen davon aus, dass Wissen sozial, zeitlich und räumlich gebunden ist, zirkuliert und sich Wissensbestände in und über Gemeinschaften tradieren. Dabei wird Wissen als Instrumentarium gefasst Handlungskompetenz herzustellen: Wissen ist, so Fredrik Barth, alles, was ein Mensch einsetzt, um sich die Welt anzueignen und in ihr zu handeln (Barth 2002). Somit stellt die Dokumentation von Wissensbeständen über das Alltagsleben des Menschen in Vergangenheit und Gegenwart (mit Hilfe ethnografischer Methoden) eine Kernaufgabe der kulturanthropologischen Arbeit und die Grundlage jeglicher Forschung dar.

Wissen als Ressource, die den Menschen zur Gestaltung seiner Lebenswelt befähigt, wird oftmals abseits von schriftlich festgehaltenem und wissenschaftlich bezeugtem Wissen ganz unterschiedlich memoriert: als Erfahrungswissen, biographisches Wissen, Handlungswissen, verkörpertes Wissen, sinnliches Wissen. Doch wie beständig kann Handlungswissen vor dem Hintergrund der stetigen Zunahme von Informationen und der technischen Beschleunigung sein?

Vor den Herausforderungen der Wissenssicherung und -vermittlung durch Wissenstransfer als Zirkulation von Wissen zwischen Systemen, Organisationen oder Parteien (Pircher 2014) stehen dagegen Wirtschaftsunternehmen, Handwerksbetriebe und Ausbildungsstätten. Archive und Sammlungen können hierbei als Wissensspeicher unterstützen und suchen dafür nach Wegen der Selektion und dauerhaften Sicherung von audiovisuellen Wissensrepräsentationen. Besonders für kulturhistorische Museen steht, mit Blick auf den Wandel der Arbeitswelt, die Sicherung dieses Knowing als aktives Handlungswissen (Habit 2017) zentral, um es für nachhaltige Nutzung bereitzustellen. Hier schließt das LVR-Projekt „Wissenstransfer in musealen Vorführbetrieben“ an, welches die Problematik des Wissensverlusts zwischen Museumsobjekt, Mitarbeitenden und Besucher*innen im Kontext historischer Arbeitstechniken aufgreift und museumsübergreifende Strategien des Wissenstransfers entwickelt. Dieser gilt als heuristisches Prozessmodell, welches seinen Platz zwischen Wissensgenerierung und Wissensnutzung hat (Froese, et al. 2014). Dadurch ist er, laut Dagmar Simon, zirkulär und rekursiv – und nicht linear (Simon 2016). Um einem Wissensverlust zu begegnen, werden auch audiovisuelle Medien als Speicher von Wissensrepräsentationen genutzt.

Die Tagung der Kommission für Film und audiovisuelle Anthropologie in der DGEKW möchte Forschende, die sich in gegenwärtiger wie historischer Perspektive mit der Konstruktion, Produktion, Repräsentation und Zirkulation von Wissen in audiovisuellen Medien allgemein und im Besonderen in Wissensfilmen befassen, einladen, um über die folgenden Fragen nachzudenken:

  • Wie wird Wissen über performatives Alltagshandeln konstruiert und vermittelt? Lässt sich implizites Wissen mit Hilfe audiovisueller Medien überhaupt repräsentieren (Repräsentation von Wissen)?
  • Mit welchen Techniken, Methoden und Konzepten wird Wissen audiovisuell festgehalten (Techniken der Wissensspeicherung)?
  • Welche Perspektiven werden eingenommen und wie fokussiert (Inszenierung von Wissen)?
  • Wessen Wissen erscheint erhaltenswert (marginalisiertes Wissen)?
  • Wie artikulieren sich Machtverhältnisse im Prozess des Ethnografierens von Wissen (Kollaboration/Partizipation in der Bildproduktion)?
  • Welche audiovisuellen Narrative werden erschaffen (Produktion von Wissen)?
  • Welche Bedeutung hat implizites Wissen in der musealen Vermittlung (Nachhaltigkeit und Nutzen)?
  • Welches Verständnis des Wissensbegriffs aus Perspektive kulturanthropologischer Forschung spiegelt sich in diesen Fragen?

Neben Kultur- und Sozialanthropolog*innen und Vertreter*innen verwandter Fächer sind Medienschaffende, Dokumentarfilmer*innen und anderweitig audiovisuell arbeitende Medienproduzent*innen, Restaurator*innen im Handwerk sowie Wissenschaftler*innen an Museen, Sammlungen und Archiven, die sich mit dem Wissensbegriff auseinandersetzen, herzlich eingeladen Paper einzureichen. Die Tagung möchte die inhaltliche Vernetzung zwischen Filmschaffenden, Produzent*innen und Anwender*innen von Wissensfilmen und Fachwissenschaftler*innen, die sich auf einer eher theoretisch-analytischen Ebene mit dem Thema Wissen und medialen Produkten auseinandersetzen, vorantreiben. Ziel ist es, den Dialog zu eröffnen und neue Perspektiven der inhaltlichen Auseinandersetzung mit und über Film sowie andere audiovisuelle Medien zu ermöglichen.

Die Präsentation und Diskussion aktueller audiovisueller Beiträge zum Tagungsthema soll relevanter Bestandteil der Veranstaltung sein. Wir freuen uns, dass wir einen diesem Zweck entsprechenden Veranstaltungsort gewinnen konnten und hoffen auf zahlreiche Einsendungen.

Wir freuen uns auf Filme, die Präsentation anderweitiger audiovisueller Medien, Beiträge zu aktuellen Forschungen als auch Arbeitsberichte aus laufenden Projekten.

Die Vorträge inkl. Medienpräsentation sollten nicht länger als 30 Minuten sein und die Screenings 60 Minuten nicht überschreiten.

Wir bitten alle Interessierten, ihre Exposés (max. 3000 Zeichen) mit Themenvorschlag,
Titel und kurzem CV sowie Links zu Film-/Hörbeiträgen bis zum 11. April 2023 per E-Mail an Antje Buchholz (antje.buchholz@lvr.de) zu senden. Fragen gerne auch telefonisch möglich: Tel.:  0228 9834-255.