Projekte



Wissenschaftspraktiken.
Bilder in der Geschichte der experimentellen und angewandten Lebens­­­wissenschaften

2014-2017 gemeinsam mit Margarete Vöhringer am ZfL Berlin durchgeführtes BMBF-Projekt

Im Projekt wird der Einsatz von Bildern in der Wahr­nehmungs­for­schung un­ter­sucht. Da­bei sind die Über­le­gungen lei­tend, dass Bil­der (wie Reizbilder, Modell­bilder oder Test­bilder) einen ent­schei­den­den An­teil an der Ent­stehung von Wissen ha­ben, dass sie als Ver­mittler zwischen Ex­peri­mental­praxis und Theorie­gewinnung agieren und dass sie weit über den wissen­schaft­lichen Raum hinaus­wirken (etwa wenn sie von Künst­lern an­verwan­delt werden). Ziel ist es - im Sinne der histo­rischen E­piste­mo­logie - die Aus­brei­tung des mit­hilfe von Bil­dern gewonnenen Wissens nach­zu­voll­ziehen und seine me­dialen, polit­ischen und so­zialen Im­plikatio­nen in den Blick zu bekommen. Ein be­son­deres Augen­merk wird auf die Ästhe­tik des Wissens ge­legt, zugleich pers­pek­tiviert das Pro­jekt die Vor­aus­setzungen ei­ner ak­tuellen Kon­junk­tur em­pirischer For­schung.

Der Frage nach der epistemischen Funktion von Bildern wird an zwei Fallbeispielen aus der Wahr­neh­mungs­forschung des 19. Jahrhunderts nachgegangen:


Optische Täuschungen. Wissensgeschichte und Bildpraxis der Wahrnehmungsforschung (Jana August)

In der experimentellen Erforschung des Sehens kommt den optischen Täuschungen im 19. Jahr­hun­dert eine be­son­dere Rolle zu. Einer­seits the­ma­tisier­ten die­se Phäno­mene als Illu­sio­nen von Farb-, Form- oder Be­we­gungs­wahr­nehmungen in be­son­derem Maße die Sub­jek­tivität der Er­kenn­tnis, in­dem sie auf die physio­lo­gischen wie psycho­logisch­en Be­din­gun­gen von Wahr­nehmung ver­wiesen. Anderer­seits ent­standen zur Er­forschung optischer Täuschung­en eine Reihe von Mess- und Unter­such­ungs­ve­r­fahren, die unter Ein­satz speziell ent­wickelter Test­bilder die wissen­schaft­liche Be­schrei­bung visueller Er­kennt­nis ermög­lichten. In den Schrif­ten beispiels­weise von Hermann von Helmholtz, Wilhelm Wundt und Max Wertheimer sind die Ergeb­nisse dieser Labor­ex­peri­mente mit Bil­dern theo­retisch aus­­for­mu­liert worden. Wie das Ver­hältnis von Bild­praxis und Theorie­bildung in der Er­forschung des Sehens zu bestimmen ist, unter­sucht das Projekt am Bei­spiel diverser Test­bilder optischer Täusch­ungen.


Augenspiegelbilder. Zur Sicht­bar­machung des Sehens (Margarete Vöhringer)

Das Projekt ist kon­zipiert mit dem Ziel einer ma­teriellen Kultur der Wahr­nehmungs­for­schung. Im Mit­tel­punkt steht Hermann von Helmholtz' Er­findung des Augen­spiegels, seine An­wen­dung in der Augen­heil­kunde und seine Wir­kung über die Wissen­schaft­en hinaus in Kunst und Kunst­theorie. Das Ma­terial befindet sich in dem nahezu un­berührten Nach­lass des Augen­arztes Albrecht von Graefe am Berliner Medizin­histo­rischen Museum.
Das Pro­jekt hat die Bilder zum Gegen­stand, die mit dem Augen­spiegel ange­fertigt wurden: Aus­gehend vom ersten Atlas für Ophthal­mos­kopie, den Helmholtz' Assis­tent Richard Liebreich ent­wickelte, um Au­gen­ärzte im Er­kennen von Krank­heiten zu schulen, lässt sich die Nutzung von Augen­hinter­grund­bildern vom wissen­schaft­lichen Labor bis an die National Gallery in London und die École des Beaux-Arts in Paris nach­voll­ziehen. Das Projekt ver­sucht, das Ver­hältnis von Theorie und Praxis - hier kon­kret von Wahr­nehmungs­lehre, Augen­heil­kunde und Kunst - an­hand der Bilder neu zu fassen.

Im Projekt wurde vom 24.-25.11.2016 der Workshop "Das Wissen vom Auge. Wahr­nehmungs­ge­schichte und Bild­praxis" am ZfL Berlin durch­geführt.