Forstbotanischer Garten

Mythologie

Schon die Germanen verehrten die Linde als der Göttin „Freya“ geweihten Baum. Sie war die Göttin der Liebe, des Glücks, der Fruchtbarkeit und des guten Hausstandes (Laudert 2003). Die heiligen „Freya-Linden“ waren zumeist Sommerlinden (www.natur-lexikon.com) und galten den Germanen als Sitz der guten Geister (Petruszek 1991). Die Verehrung der Linde lag darin begründet, dass sie eine Vorstellung von einer Wesensgleichheit von Mensch und Baum hatten. Dies bildete die Grundlage für zahlreiche germanische Mythen und Legenden (Grabe et al 1991). Was sich auch in der Siegfried Sage widerspiegelt, die ein bedeutendes deutsches Kulturgut darstellt und zum nordischen Kulturgut zählt. Siegfrieds Schicksal steht in enger Verbindung mit der Linde. Unter ihr tötete er den Drachen Fafnir. Bei seinem Bad im Drachenblut fiel ein Lindenblatt zwischen seine Schulterblätter und verhinderte somit seine vollständige Unverwundbarkeit. Außerdem wurde Siegfried unter einer Linde von seinem Mörder Hagen getötet, indem ihm dieser einen Speer durch eben diese ungeschützte Stelle in sein Herz stieß (Vescoli 1991).

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Siegfrieds Bad im Drachenblut
(Bild: www.gold-gallery.com)


In vielen Stammesgebieten der Germanen war die Linde der Omphalos und hatte somit die Funktion als Mittelpunkt und Treffpunkt für alle Angelegenheiten der Gemeinschaft, da sie gleichzeitig als eine Art Manifestation von Wahrheit, Gerechtigkeit, Klarheit, Entschlossenheit, Mitgefühl und göttlichem Wissen galt. Die alten germanischen Stämme trafen sich unter den Linden, um Signale aus der Geisterwelt zu empfangen (Hageneder 2000).
Die Christianisierung machte auch vor den Linden nicht halt. Die alten Statuen der Gerichts- und „Freya-Linden“ wurden zerstört und durch Marienbilder ersetzt. So wurden aus den alten „Freya-Linden“ „Maria-Linden“, die heute die einzig noch vorhanden Baumheiligtümer sind.
Typisch für Deutschland sind auch die so genannten Apostellinden. Um sie zu erhalten, wurde ein gekappter Baum auf zwölf Hauptäste gezogen, die man dann nach den 12 Aposteln benannte (Laudert 2003). Heute gehört es zum Charakteristikum von Kirchen und Klöstern, dass vor ihnen Linden stehen.


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Wallfahrtskapelle im Lindenhain, Höher Berg, Wollbrandshausen (Foto: Björn Lotze)

In Skandinavien war die Linde der wichtigste von drei so genannten „Våträd“, den Schutzbäumen für Haus und Hof. Ihnen wurden regelmäßig Opfer dargebracht (Hageneder 2000)
Den Slawen galt die Linde als heiliger Baum (www.wikipedia.de). Sie besaßen eine eigene Lindengöttin, „Libussa“, vom slawischen Wort „liba“ für Linde. Sie wurde unter Linden als Rechtssprecherin und Orakelgöttin verehrt, vor allem in Liebesangelegenheiten (Beuchert 1996). Bei den Kelten umstanden Winterlinden die heiligen Plätze im Hain. Sie grenzten ihre Kultstätten ein. Die Linde galt somit in vielen Kulturen als Zeichen bzw. Baum der Liebe (Grabe et al. 1991).
Die Seher der alten Skythen trafen mit Hilfe von Lindenrinde Vorhersagen. Solche Praktiken gab es auch im alten Griechenland (Hageneder 2000).
Der Liebesgöttin „Aphrodite“ opferten die Griechen unter Linden (Grabe et al. 1991). Die im Dienste von „Aphrodite“ Stehenden, wanden sich Kränze aus duftenden Lindenblüten (Beuchert 1996). Im antiken Griechenland galt die Verwandlung in einen Baum als eine Gnade der Götter. Laut griechischer Sage ist die Linde eng mit dem Geistwesen „Phylira“ verbunden (www.weltbaum.de). Sie war eine Nymphe, die von den Göttern in einen Baum verwandelt wurde, und zwar in eine Linde, daher auch das griechische Wort „Phylira“, das Linde bedeutet (Chevallier 2000).
Die Götter „Hermes“ und „Zeus“ erfüllten dem Ehepaar „Philemon“ und „Baucis“ als Dank für deren Herberge und Unterkunft bei ihrer Wanderung auf der Erde einen Wunsch, nachdem sie bei den anderen Stadtbewohnern keine Gastfreundschaft erfahren hatten. Sie verwandelten die Hütte des Ehepaares in einen Tempel und beide am Ende ihres Lebens in Bäume, so dass sie nie getrennt sein müssen, da dies ihr Wunsch war. „Baucis“ wurde zu einer Linde und „Philemon“ zu einer Eiche (2. Godet 1999).