Seminar für Ur- und Frühgeschichte

Das frühchristliche Gräberfeld von Gevensleben, Ldkr. Helmstedt

Als im Frühjahr 2016 in der Ortsmitte von Gevensleben im Landkreis Helmstedt bei Baggerarbeiten in einem Gartenareal mehrere menschliche Knochen gefunden wurden, war die Überraschung groß. Wie sich herausstellte, wurde bei den Gestaltungsmaßnahmen ein bis dahin unbekanntes frühmittelalterliches Gräberfeld angeschnitten, das sich gut in eine Reihe bereits bekannter zeitgleicher Bestattungsplätze im Braunschweiger Land einfügt. Ein entschlossenes Team, das sich aus der Bezirksarchäologie Braunschweig (Dr. Michael Geschwinde), der Kreisarchäologie Helmstedt (Dr. Monika Bernatzky), dem Seminar für Ur- und Frühgeschichte (Dr. Immo Heske) der Georg-August-Universität und einer Anthropologin (Dr. Silke Grefen-Peters) zusammensetzte, strebte umgehend die archäologische und anthropologische Untersuchung des Gräberfeldes an. Für die  Aufarbeitung und Auswertung des Bestattungsplatzes wurde am Seminar für Ur- und Frühgeschichte eine eigene Projektstelle eingerichtet. Durch die zweiwöchige Ausgrabung wurden auf einer Fläche von etwa 400 m² 54 Grabgruben mit insgesamt 61 West-Ost orientierten Bestattungen in gestreckter Rückenlage erforscht, die sich drei Belegungsphasen zuordnen lassen. Zum Teil traten Mehrfachbestattungen; seltener Grabgrubenüberschneidungen auf, die durch doppelte Belegung bzw. Störungen gekennzeichnet waren. Der Bestattungsplatz, der zu einem Reihengräberfriedhof von schätzungsweise ursprünglich 150-200 Bestattungen gehört, kann vorerst in das 8.-10. Jahrhundert datiert werden. Er gehört damit in die Zeit der Übernahme des Christentums im bis dahin noch heidnisch geprägten Braunschweiger Land im historischen Ostfalen. Neben den meist beigabenlosen einfachen Erdbestattungen traten auch wenige Gräber auf, die sich durch einige Besonderheiten auszeichneten. Neben einfachen Bestandteilen, wie Messern oder Gürtelschnallen, die der Trachtausstattung der Toten zugerechnet werden können, enthielten zwei Bestattungen besondere Funde. Das Grab einer 40-50-jährigen Frau, die im Vergleich zu den übrigen Grablegen besonders tief bestattet worden war, enthielt neben einem eisernen Messer auch 18 in Form und Farbe unterschiedliche Glasperlen, die im Halsbereich gefunden wurden und offenbar zu einer Kette gehörten. Daneben sind zwei silberne Ohrringe mit Hakenverschluss, von denen einer eine aus Silberdraht gewickelte, kegelstumpfförmige Perle trug, besonders hervorzuheben. Diese lassen die Bestattung, die zu den ältesten Grablegen des Friedhofes gehört, als sozial gehoben hervortreten. Als besonderes Kennzeichen, das regelhaft auf karolingerzeitlichen Friedhöfen auftritt, kann ein eisernes pfriemartiges Metallobjekt mit Zwinge, ein so genannter Stabdorn angeführt werden, der sich im unteren Beinbereich eines etwa 40-jährigen Mannes befand. Derartige Objekte, die zur Bewehrung eines hölzernen Stabendes dienten, wurden wiederholt u. a. als Rangabzeichen oder Symbol einer mit Rechtsaufgaben betrauten Person gedeutet und als Schulzen- oder Amtsstab beschrieben. Die angestrebte vollständige anthropologische Auswertung des Gräberfeldes muss hier als Besonderheit betont werden. Nur wenige der zahlreichen zeitgleichen Bestattungsplätze im Braunschweiger Land, darunter das nahegelegene große Gräberfeld von Werlaburgdorf, wurden bislang einer umfassenden anthropologischen Reihenuntersuchung unterzogen. Derartige Untersuchungen erlauben weitreichende und detaillierte Einblicke in die Bevölkerungsstruktur und Lebensbedingungen einer ländlichen Bevölkerung des Frühmittelalters.    


Plan Gevensleben


Plan des Gräberfeldes mit den einzelnen Grabgruben (braun) und spätmittelalterlichen-frühneuzeitlichen Siedlungsbefunden (orange-ocker) (Grafik: H. Marx).


Schädel Gevensleben


Die Bestattung einer 40-50-jährigen Frau (Bef. 7) enthielt eine Glasperlenkette und silberne Ohrringe (Foto: A. Palka).


Ausstellung:

Vom 18./19. bis 25./26. August 2018 werden die archäologischen und anthropologischen Ergebnisse in Ergänzung historischer Forschungen im Dorfgemeinschaftshaus in Gevensleben präsentiert. Die Ausstellung wird als kleine Wanderausstellung anschließend in Helmstedt und im Foyer des Kulturwissenschaftlichen Zentrums (KWZ) der Georg-August-Universität Göttingen zu sehen sein.
 

Mediale Präsentation:

Die Projektergebnisse werden im Rahmen einer eigenen Website unter www.graeberfeld-gevensleben.de  im Internet präsentiert. Die Seite befindet sich derzeitig im Aufbau.  

Logo Gevensleben


Literatur:

Blaich, M. C.: Werla 2. Die Menschen von Werlaburgdorf. Ein Beitrag zur Geschichte des Nordharzvorlandes im 8. bis 10. Jahrhundert. Monographien des Römisch-Germanischen Zentralmuseums, Bd. 114. Mainz 2103.

Heske, I., Palka, A., Wesemann, A.: Kat.Nr. 160 Gevensleben FstNr. 10, Ldkr. Helmstedt. Nachrichten aus Niedersachsens Urgeschichte, Fundchronik 2016. Beiheft 21 (Darmstadt 2018) 137-139.

Most, S.: Älter als vermutet. Ein neu entdecktes Gräberfeld der Karolingerzeit in Gevensleben datiert die Ortschaft neu. Archäologie in Niedersachsen 20, 2017, 72-76.