Institut für Regionalforschung e.V.

MINDESTLÖHNE:




04/11/2013:
Arbeitslos und/oder arm durch Mindestlohn?

Modellrechnungen haben den Vorteil, dass man Grundannahmen, zusätzliche Voraussetzungen und weitere Stellschrauben so justieren kann, dass man rechnerisch zu jedem gewünschten Ergebnis gelangt. Mit Hilfe solcher Modellrechnungen, Simulationen und Schätzungen hatten arbeitgebernahe Forschungsinstitute jahrelang gemahnt, dass Mindestlöhne zu Jobverlusten im sechsstelligen Bereich, wenn nicht in Millionenhöhe führen würden (siehe 25.02.2010). Dumm nur, dass empirische Untersuchungen regelmäßig zu gegenteiligen Ergebnissen gekommen sind, wonach von bestehenden Mindestlöhnen so gut wie keine negativen Beschäftigungswirkungen ausgegangen sind (siehe 18.11.2011 und 18.02.2013).

Die Ökonomen Viktor Steiner von der Freien Universität Berlin und Kai-Uwe Müller vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) lassen sich davon nicht beirren. Nach ihrer neuesten Modellrechnung zu den Verteilungseffekten eines gesetzlichen Mindestlohns und seinen Auswirkungen auf die verfügbaren Netto-Haushaltseinkommen führt ein gesetzlicher Mindestlohn nicht nur zu hohen Arbeitsplatzverlusten, sondern kann die Einkommen ärmerer Haushalte kaum erhöhen und, so weiß FAZ.NET zu berichten: er „macht die meisten Haushalte ärmer“.

Gemäß ihrem Simulationsmodell auf Basis von Daten des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) haben die Wirtschaftswissenschaftler errechnet, dass eine allgemeine Lohnuntergrenze kaum Auswirkungen auf die allgemeine Verteilung der Haushaltseinkommen und die Einkommensungleichheit hätte, dass eine allgemeine Lohnuntergrenze von 5 Euro/Stunde die Arbeitskräftenachfrage um 37.000 Personen, eine Untergrenze von 8,50 Euro/Stunde die Nachfrage um 500.000 Personen senken würde, dass unter der zusätzlichen Voraussetzung von durch den Mindestlohn steigenden Verbraucherpreisen sogar negative Haushaltseinkommenseffekte zu erwarten wären.

Laut FAZ.NET würden die vom Mindestlohn verursachten Arbeitsplatzverluste und Preiserhöhungen dazu führen, dass selbst den untersten 10 Prozent der Haushalte ein kleiner Rückgang ihrer Realeinkommen drohe: „laut Ergebnistabelle blüht ihnen per saldo ein Einkommensverlust von 19 Euro pro Jahr; Mittelschichthaushalte verlieren sogar 200 bis 300 Euro pro Jahr“.

Kai-Uwe Müller und Viktor Steiner haben früher schon gegen den Mindestlohn angeschrieben. Im Sommer 2011 etwa hatten sie die Beschäftigungswirkung von Mindestlöhnen und Lohnsubventionen gegenübergestellt. Während ihre „Schätzung“ beim Mindestlohn sechsstellige Jobverluste vorhersah, versprachen sie sich von aufkommensneutral gestalteten Lohnsubventionen, dass sie 80.000 Personen neu in Arbeit bringen würden (siehe 16.06.2011).

Quelle: FAZ.NET vom 04.11.2013

Weiterlesen:
Müller, K. U./ Steiner, V. (2013): Distributional effects of a minimum wage in a welfare state – The case of Germany, Diskussionspapier, Berlin.

Müller, K. U./ Steiner, V. (2011): Beschäftigungswirkungen von Lohnsubventionen und Mindestlöhnen – Zur Reform des Niedriglohnsektors in Deutschland. In: Zeitschrift für ArbeitsmarktForschung, Bd. 44, Nr. 1-2, S. 181-195.

Müller, K. U./ Steiner, V. (2010): Labor Market and Income Effects of a Legal Minimum Wage in Germany, DIW Discussion Papers No. 1000, Berlin.