Seminar für Englische Philologie
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Kurze Seminargeschichte



Schon vor der Gründung eines eigenständigen Seminars für Englische Philologie im Jahr 1888 hatte sich Göttingen zu einem Vermittlungszentrum englischer Literatur und Kultur entwickelt; die Hannover und Großbritannien seit 1714 verbindende Personalunion bot dafür einmalige Voraussetzungen. Der englische König Georg II, Kurfürst von Hannover, hatte der 1737 eröffneten Göttinger Universität seinen Namen verliehen, und von Anfang an wurde an seiner Universität dem praktischen Interesse an der Sprache und Kultur Großbritanniens Rechnung getragen. Englische Literatur bildete einen Schwerpunkt beim Bestandsaufbau der rasch wachsenden Universitätsbibliothek. Planvolle, sachkundige Auswahl und zügige Anschaffung englischer Bücher ließen eine Sammlung entstehen, die der Georg-August-Universität eine günstige Ausgangsposition für anglistische Studien bot.



Bereits 1735 war der in London geborene John Tompson als Lektor für englische Sprache nach Göttingen gekommen, wo er sich rasch Ansehen erwarb. Er war nicht nur wegen seiner Belesenheit und seines guten Geschmacks beliebt, er verkörperte auch die vorbildliche Lebensart des englischen Gentleman. Seine 1737 vorgelegte Lehranthologie English Miscellanies, die bis 1766 insgesamt viermal aufgelegt wurde, spiegelt mit ihrer vielseitigen Auswahl Tompsons Bemühen, bloßen Grammatikunterricht durch die Lektüre vorbildlicher Texte zu ergänzen. 1751 wurde Tompson der Titel eines außerordentlichen, 1762 der eines ordentlichen Professors verliehen. Auch wenn Tompson durch die Verleihung dieses Titels nicht zum Mitglied der Fakultät wurde und nie „wissenschaftliche“ Vorlesungen anbot, war diese Ernennung doch Ausdruck der besonderen Wertschätzung des Göttinger Lektors zu einer Zeit, in der Lektoren als Sprachmeister auf einer Stufe mit Tanz-, Fecht- und Reitmeistern standen. Seinem Nachfolger Philip Pepin, dem Herausgeber der Sammlung Strains of the British Muses (1779), blieb diese Anerkennung versagt. Er verließ Göttingen 1788, ohne zum Professor ernannt worden zu sein.



In den folgenden hundert Jahren wurden Großbritannien betreffende Themen von Germanisten und Romanisten mit vertreten, bis 1888 dem Tiroler Alois Brandl ein Ordinariat übertragen und damit die Englische Philologie als eigenständige wissenschaftliche Disziplin an der Georg-August-Universität etabliert wurde.



Trotz der Bescheidenheit der damaligen Verhältnisse wurde ergänzend zur Präsenzbibliothek des Seminars eine Ausleihbibliothek eingerichtet. Die Seminarräume waren an Wochentagen von früh bis spät geöffnet; im Winter wurde ein Raum geheizt und beleuchtet. Leider büßte das Seminar für Englische Philologie seine bald beachtlich anwachsende Bibliothek während des Zweiten Weltkrieges ein. Die umfangreiche Bücherei war zum Schutz vor Luftangriffen in das Salzbergwerk Volpriehausen gebracht worden, wo auch Munition lagerte; bei deren Explosion wurde die ausgelagerte Sammlung vernichtet. Das Göttinger Seminargebäude hat den Krieg unversehrt überstanden.



Alois Brandl verließ Göttingen bereits 1892. Sein Nachfolger wurde der aus Bonn berufene Lorenz Morsbach. Morsbachs erste Amtshandlung in Göttingen war die Einrichtung eines Proseminars – des wohl ersten wissenschaftlichen Proseminars in der Anglistik überhaupt. Seine Absicht war es, die Anfänger mit den Zielen und Aufgaben des Faches bekannt zu machen und sie zu einem geordneten und zweckentsprechenden Studium anzuleiten. Morsbach lehrte historische Sprachwissenschaft wie auch Literaturgeschichte und legte großen Wert auf den Kontakt zwischen Universität und Schule, den er mit jährlich wiederkehrenden Ferienkursen für Lehrer an höheren Schulen zu festigen suchte. Als sich das preußische Kultusministerium im Kriegsjahr 1917 gegen die Gründung einer Auslandshochschule und für eine Dezentralisierung der in einer Denkschrift von 1916 geforderten auslandskundlichen Studien entschied, wurde Göttingen im Rahmen einer Schwerpunktbildung die besondere Pflege des englisch-amerikanischen Kulturkreises zugewiesen. Dem damals schon 67jährigen Morsbach, dessen Forschungsinteressen freilich auf ganz anderen Gebieten lagen, wurde die Leitung des Göttinger Auslandsstudiums und eines englisch-amerikanischen Studieninstituts übertragen. Eine personelle Verstärkung des Seminars ging mit diesen zusätzlichen Aufgaben nicht einher. Die Universitätsbibliothek erhielt 2000,- RM für die Anschaffung fremdsprachlicher Literatur, vorzugsweise zum Schwerpunkt
Wirtschaft, Politik und Geschichte Englands und Amerikas. Im Rahmen des Sondersammelgebietsprogramms der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) wird die Anschaffung wissenschaftlich relevanter Literatur zum englisch-amerikanischen Kulturkreis auch heute noch finanziell gefördert.



Als Nachfolger Morsbachs, der bis zu seiner Emeritierung im Jahr 1921 Ordinarius in Göttingen blieb, wurde Hans Hecht (Basel), ein Schüler Brandls, berufen. Auch er bemühte sich um guten Kontakt zu Englischlehrern an den Schulen. Von der ersten Entlassungswelle jüdischer Beamter blieb Hecht noch verschont. Eine 1934 einsetzende Vertreibungskampagne führte aber dazu, dass er dem Druck von Studierenden, Universitätsspitze und Ministerium nachgab und am 15. März 1935 einen Antrag auf Emeritierung stellte. Mit Ende des Monats August wurde Hecht seiner amtlichen Pflichten entbunden.



Am 31. Juli 1935 trat Hans-Oskar Wilde als ordentlicher Professor für Englische Philologie die Nachfolge Hechts an. Seine fachlichen Vorstellungen brachte er in seinem im Februar 1936 erschienenen Aufsatz „Das Englandstudium in Göttingen“ zum Ausdruck. Eine Beschränkung auf die literarische Sprache und einen elitären Literaturgeschmack lehnte er ab und betonte sein Interesse an der Erforschung der deutsch-englischen Beziehungen. Wilde bemühte sich bald um einen Wechsel nach Kiel oder Posen. Bei Ausbruch des Krieges wurde er eingezogen. In dieser schwierigen personellen Situation sprang die Privatdozentin Hertha Marquardt ein, die zu den wenigen habilitierten Frauen jener Jahre gehörte. Im Sommersemester 1941 wurde die Lehrstuhlvertretung dem aus Sachsen stammenden Kölner Anglisten Herbert Schöffler übertragen. Schöffler, der seine kritische Haltung gegenüber dem Nationalsozialismus nicht verbarg, was ihm immer wieder Probleme mit Studenten, Kollegen und der Partei einbrachte, war schließlich wegen der Bewertung, die er dem Kölner Humor in seiner in der Wochenzeitung Das Reich erschienen Artikelserie über den Witz der deutschen Stämme zuteil werden ließ, in Köln suspendiert und mit der Lehrstuhlvertretung in Göttingen betraut worden. Zum 15. September 1941 wurde Schöffler auf den Lehrstuhl von Wilde berufen, dessen Versetzungsbitte nach Posen das Ministerium schließlich nachgekommen war. Hertha Marquardt übernahm ab dem WS 1941/42 die Lehrstuhlvertretung in Königsberg. Da die Personaldecke am Göttinger Seminar in den letzten Kriegsmonaten sehr schmal geworden war, gelang es dem Dekan zu verhindern, dass man Schöffler noch im März 1945 zum Volkssturm einzog. Gleich nachdem die Amerikaner Göttingen eingenommen hatten, musste der Dekan sein Amt an Schöffler abgeben, der als politisch akzeptabel eingestuft wurde. Am 17. September konnte der Vorlesungsbetrieb wieder aufgenommen werden. Da ehemalige Soldaten so zahlreich an die Universität strömten, dass ein „Zwischensemester“ eingerichtet wurde, war Schöffler neben den in dieser Wiederaufbauphase besonders schwierigen Amtsaufgaben eines Dekans auch durch die Lehre außergewöhnlich belastet. Hinzu kamen Probleme mit der britischen Besatzungsmacht, die an einigen seiner Vorträge Anstoß genommen hatte. Schöffler war all diesen Belastungen nicht länger gewachsen und setzte seinem Leben am 18. April 1946 ein Ende. In dieser Situation war Hertha Marquardt, die sich Ende des Krieges von Königsberg nach Göttingen durchgeschlagen hatte, erneut eine Stütze des Seminars.



Der erstmals 1888 mit Brandl besetzte Lehrstuhl, auf den 1949 der Freiburger Ernst Theodor Sehrt berufen wurde, blieb bis in die 1960er Jahre der einzige anglistische Lehrstuhl an der Georg-August-Universität. Der binnenanglistischen Differenzierung entsprechend wurden dann ein Lehrstuhl für Englische Sprache und Literatur des Mittelalters sowie ein zweiter literaturhistorischer und 1970 ein Lehrstuhl für Neuere Englische Sprache eingerichtet; es folgten ein Ordinariat für Nordamerikanische Literatur und eine Professur für die Fachdidaktik des Englischen.



Das Seminar für Englische Philologie, das im Sommer 1984 vom Nikolausberger Weg in die ehemalige Chirurgische Klinik der Universität in der Humboldt-Allee 13 – heute Käte-Hamburger-Weg 3 – umzog, gliedert sich gegenwärtig in folgende Abteilungen:

  • Anglistische Literatur- und Kulturwissenschaft;
  • Nordamerikastudien (American Studies);
  • Englische Sprache und Literatur des Mittelalters (Mediävistik);
  • Neuere Englische Sprache (Linguistik);
  • Fachdidaktik des Englischen.




  • Literatur:
  • Finkenstaedt, Thomas, Kleine Geschichte der Anglistik in Deutschland: Eine
    Einführung (Darmstadt, 1983).

  • Frank, Armin Paul, „Die Entwicklung der Neueren Fremdsprachenphilologien in
    Göttingen“, Georgia Augusta 46 (1987), S. 31 – 35.
  • Haenicke, Gunta, Zur Geschichte der Anglistik an deutschsprachigen
    Universitäten 1850 – 1925, Augsburger I- & I-Schriften Bd. 8 (Augsburg,
    1979).
  • Morsbach, Lorenz, „Meine Lehrtätigkeit an der Universität Göttingen in den
    Jahren 1892 bis 1922“, Englische Studien 58 (1924), S. 230 – 234.
  • Müllenbrock, Heinz-Joachim, Theodor Wolpers, Englische Literatur in der
    Göttinger Universitätsbibliothek des 18. Jahrhunderts. Ausstellung der
    Niedersächsischen Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen, Arbeiten
    aus der Niedersächsischen Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen
    Bd. 14b (Göttingen, 1988).
  • Scholl, Lars U., „’Zum Besten der besonders in Göttingen gepflegten Anglistik’.
    Das Seminar für Englische Philologie“, Die Universität Göttingen unter
    dem Nationalsozialismus, hg. von Heinrich Becker, Hans-Joachim
    Dahms, Cornelia Wegeler (2., erw. Ausg., München, 1998), S. 391 –
    426.
  • Schrey, Helmut, Anglistisches Kaleidoskop. Zur Geschichte der Anglistik und
    des Englischunterrichts in Deutschland, Duisburger Studien (Geistes- und
    Gesellschaftswissenschaften) Bd. 6 (Sankt Augustin, 1982).
  • Sehrt, Ernst Theodor, „Hertha Marquardt †“, Anglia 82 (1964), S. 135 – 136.
  • Wilde, Hans-Oskar, „Das Englandstudium in Göttingen“, Niedersächsische
    Hochschul-Zeitung 20.2.1936, S. 12 – 13.
  • Wolpers, Theodor, „Göttingen als Vermittlungszentrum englischer Literatur im
    18. Jahrhundert“, Anglistentag 1988 Göttingen. Vorträge, hg. Heinz-
    Joachim Müllenbrock und Renate Noll-Wiemann (Tübingen, 1989), S.
    31 – 51.






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