In publica commoda

Presseinformation: Auch Neandertaler aßen Muscheln, Fisch und Robben

Nr. 2020/46 - 25.03.2020

Nicht nur Homo sapiens nutzte Meer als Nahrungsquelle – Auswirkung auf Fähigkeiten vermutet


(pug) Bereits die Neandertaler ernährten sich vor über 80.000 Jahren regelmäßig von Muscheln, Fisch und anderen Meeresbewohnern. Den ersten umfangreichen Nachweis dafür fand ein internationales Forschungsteam unter Beteiligung der Universität Göttingen bei einer Ausgrabung in der Höhle von Figueira Brava in Portugal. Dr. Dirk Hoffmann vom Göttinger Institut für Isotopengeologie datierte Sinterlagen – Kalzitablagerungen, die wie Stalagmiten aus Tropfwasser entstehen – mit der Uran-Thorium-Methode und konnte damit die Ausgrabungslagen auf ein Alter von 86.000 bis 106.000 Jahren bestimmen. Sie stammen also aus dem Zeitraum, in dem die Neandertaler Europa besiedelten. Die damalige Nutzung des Meeres als Nahrungsquelle wurde bislang nur dem anatomisch modernen Menschen (Homo sapiens) in Afrika zugeschrieben. Die Ergebnisse der Studie werden in der Fachzeitschrift Science veröffentlicht.

 

Die Höhle von Figueira Brava befindet sich 30 Kilometer südlich von Lissabon an den Hängen der Serra da Arrábida. Heute direkt am Wasser gelegen, war sie damals bis zu zwei Kilometer von der Küste entfernt. Das Forschungsteam, das der Erstautor der Studie Prof. Dr. João Zilhão von der Universität Barcelona koordiniert, fand heraus, dass die dort lebenden Neandertaler routinemäßig Muscheln ernten, fischen oder Robben jagen konnten. Auf dem Speiseplan standen unter anderem Muscheln, Krebstiere und Fisch sowie Wasservögel und marine Säugetiere wie Delfin oder Seehund. Die Nahrung aus dem Meer ist reichhaltig an Omega-3-Fettsäuren und anderen Fettsäuren, die die Entwicklung von Hirngewebe begünstigen.

 

Bislang wurde vermutet, dass ihr Konsum die kognitiven Fähigkeiten der afrikanischen Populationen steigerte. „Hiermit wurde unter anderem das frühe Auftreten einer symbolischen materiellen Kultur unter den modernen Menschen erklärt, wie zum Beispiel Körperbemalung mit Ocker, Verwendung von Ornamenten oder Dekoration von Behältern aus Straußeneiern mit geometrischen Motiven“, erklärt Hoffmann. „Solche Verhaltensweisen spiegeln die Fähigkeit des Menschen zum abstrakten Denken und zur Kommunikation durch Symbole wider, die auch zur Entstehung organsierterer und komplexerer Gesellschaften des modernen Menschen beitrug.“

 

Die aktuellen Ergebnisse der Ausgrabung von Figueira Brava bestätigen nun, dass, falls der gewohnheitsmäßige Verzehr von Meeresbewohnern eine wichtige Rolle bei der Entwicklung kognitiver Fähigkeiten spielte, dies für den Neandertaler wie für den modernen Menschen gilt. Hoffmann und seine Koautoren fanden bereits zuvor heraus, dass Neandertaler vor mehr als 65.000 Jahren in drei Höhlen auf der Iberischen Halbinsel Höhlenmalereien angefertigt haben und dass perforierte und bemalte Muscheln ebenfalls den Neandertalern zugeordnet werden müssen.

 

Originalveröffentlichung: J. Zilhão et al., Last Interglacial Iberian Neandertals as fisher-hunter-gatherers, Science, DOI: 10.1126/science.aaz7943

 

Kontakt:

Dr. Dirk Hoffmann

Georg-August-Universität Göttingen

Fakultät für Geowissenschaften und Geographie

Abteilung Isotopengeologie

Goldschmidtstraße 1, 37077 Göttingen

E-Mail: dirk.hoffmann@uni-goettingen.de