Theologische Fakultät
Schrift vergrößern Schrift verkleinernBarrierefreie Version
Suche | English
Keine Angst vor Griechisch!


Ängste und Vorurteile gegenüber Altgriechisch?

Sie sollen, wollen oder müssen Griechisch lernen?
Dann möchte ich Sie als Griechischlektorin im Theologicum zunächst einmal mit einem herzlichen CHAIRETE begrüßen. Chairete heißt gleichzeitig "seid gegrüßt" und "freut euch".

Dass Griechisch tatsächlich ein Grund zur Freude ist, wird leider häufig verdeckt von vielen Vorurteilen und Ängsten gegenüber dieser schönen Sprache. Vielleicht sind auch Ihnen schon Sätze wie "Griechisch ist noch schwerer als Latein" oder "wenn man Griechisch macht, kann man nebenbei nichts anders mehr belegen" oder "Warum soll ich als Religionslehrerin auch noch Griechisch lernen? Das ist doch verschwendete Zeit" zu Ohren gekommen.
Zu diesen Ängsten und Vorurteilen, die Studierende zu Beginn des Anfängerkurses auf meine Anregung hin schriftlich geäußert haben, möchte ich jeweils kurz Stellung nehmen.
Meine Hoffnung ist, dass ich Ihnen dadurch meine Lieblingssprache etwas "schmackhafter" mache und Sie sich, wenn ich Sie dann demnächst morgens mit CHAIRETE begrüße, (wenigstens ein bisschen) freuen.

"Ich habe gehört, dass man Griechisch nur versteht, wenn man Latein kann und ich bringe diese Voraussetzung leider nicht mit. Ich hab jetzt Angst, im Unterricht nicht mitzukommen."
Sicherlich ist die Kenntnis der lateinischen Sprache nützlich für Griechisch-Anfänger, aber Latein ist keinesfalls die Voraussetzung für Griechisch. Da Griechisch die ältere Sprache ist, kann es sogar sinnvoll sein, mit Griechisch zu beginnen.
Zudem werde ich alle grammatikalischen Begriffe erklären, und da mir ein gutes, angstfreies Unterrichtsklima sehr am Herzen liegt, kann man immer und jederzeit Fragen stellen.
Übrigens: Auch wenn Sie nicht gerne Latein gelernt haben, geben Sie bitte Griechisch eine Chance: Denn vielleicht kennen Sie den Spruch: "wer mit seinem Latein am Ende ist, sollte Griechisch lernen".

"Ich habe gehört, Griechisch sei voll schwierig, schon die Buchstaben sind so fremd, dass ich das Gefühl habe, das lerne ich nie."
In der Tat braucht es etwas Zeit, um mit der griechischen Schrift vertraut zu werden. Vor allem in der ersten Woche erscheinen so manchem die Buchstaben wie Hieroglyphen. Auch die Akzente wirken erst einmal wie Konfetti, das ohne jede Regel über die Buchstaben gestreut wird. Doch mit ein wenig Geduld wird aus Fremdheit schnell Vertrautheit, denn dadurch, dass wir die spannenden Texte (im ersten Semester werden wir viele Mythen übersetzen) immer wieder lesen, werden die Buchstaben jeden Tag vertrauter. Schon nach zwei bis drei Wochen macht das Lesen in der Regel keine Probleme mehr und Sie werden dann vielleicht den wunderschönen Klang dieser geheimnisvollen Sprache sogar genießen.

"Ich habe oft gehört, dass man neben Griechisch keine weiteren Veranstaltungen besuchen kann. Aber das kann ich mir schon wegen BAFöG gar nicht leisten"
In der Tat muss man auch nach dem Unterricht noch Zeit für Griechisch aufbringen und vor allem "am Ball bleiben", regelmäßig den Unterricht besuchen und vor- und nachbereiten.
Am Ende meines Anfängerkurses habe ich meine Studierenden gefragt, wie lange sie im Schnitt noch nach dem Unterricht für Griechisch gearbeitet hätten. Das Ergebnis war 1/4 Stunde pro Tag. Im 2. Kurs (wenn Sie das Staatliche Graecum machen wollen/müssen) sollten Sie allerdings täglich zwei Stunden über den Unterricht hinaus einplanen.
Das bedeutet, dass Sie auch neben Griechisch ruhig noch zwei bis drei weitere Veranstaltungen besuchen können.

"Die Vokabeln gehen sicher nie in den Kopf. Schon in Latein habe ich immer so mit den Vokabeln gekämpft und in Griechisch soll es noch schlimmer sein"
Jede(r) ist ein anderer Lerntyp. Manche können sich die Vokabeln am besten merken, wenn sie sie aufschreiben. Ihnen empfehle ich, sich ein Vokabelheft oder Karteikärtchen anzulegen.
Andere sind visuelle Lerntypen. Sie sollten mit jeder Vokabel ein inneres Bild erzeugen, sich z.B. bei dem Wort PHILOS (Freund) den besten Freund vorstellen.
Für akustische Lerntypen kann es sinnvoll sein, die Vokabeln (u.U. mit einer geliebten Musik im Hintergrund) auf Band zu sprechen. Am meisten Spaß macht es, gemeinsam zu lernen, sich z.B. lustige Eselsbrücken für die schwer eingängigen Vokabeln auszudenken.
Für Spiele-Fans: Ein griechisches Schwarzer-Peter-Spiel mit den wichtigsten 100 Verben wird gerade in meinem Anfängerkurs entwickelt.
Außerdem: Ohne es zu wissen, sprechen wir täglich (je nachdem, wie viel wir reden) Hunderte oder gar Tausende Worte griechischen bzw. indogermanischen Ursprungs Von "Butter" über "Senf", von "Telephon" bis "Videothek", von "schizophren" bis "Psychiater" vom heimeligen "Kamin" bis zur "Kirche Christ": Viele uns so vertraut erscheinende Begriffe erhalten ihren tieferen Sinn durch die Kenntnis des Griechischen. Hier ein Beispiel: Das Wort Charakter heißt ursprünglich "Gepräge". Dahinter steht der Gedanke, dass sich die Dinge, die wir in unserem Leben erfahren, in unsere Seele und unser Gesicht gleichsam "einritzen", so dass auf diese Weise unsere unverwechselbare, einzigartige Individualität, eben unser Charakter entsteht.

"Mir hat zu Beginn des Graecumskurses jemand erzählt, dass es im Griechischen noch mehr Formen gebe als im Lateinischen. Das hat mir anfangs etwas Angst gemacht. Aber im Endeffekt ist es gar nicht so schlimm".
Diese Angst kann ich gut verstehen. Die griechischen Formen (v.a. die Verbformen) sind teilweise echte "Zungenbrecher". In einer Fabel von Äsop begegnet beispielsweise das Wort K A T A B R O C H T H I S T H Ä S O M E N O S (gruselig, nicht wahr?)
Aber mit ein bisschen Übung erkennt man, dass jede Silbe bzw. Silbenverbindung dem Leser/der Leserin eine Botschaft vermitteln will. So ist K A T A einfach eine Vorsilbe, die der Verstärkung dienen kann. B R O C H T H I S gibt uns einen Hinweis auf den Stamm (in diesem Fall das Verb mit der Bedeutung "verschlingen", T H Ä ist ein Hinweis darauf, dass dieses Verb im Passiv steht, das S ist ein Zeichen für Futur, das O ein Bindevokal, der das Aussprechen (etwas) erleichtert, das M E N ist ein Hinweis darauf, dass es sich um ein Partizip handelt. Und das O S zeigt uns schließlich, dass dieses Partizip Futur passiv von "verschlingen" sich auf das männliche Subjekt im Singular (in diesem Fall ein Käse, der einem Raben aus dem Schnabel fällt und von einem listigen Fuchs gierig verschlungen werden soll) beziehen muss. Auf diese Weise verlieren selbst die schwierigsten Worte ihren Schrecken (und schlimmer als KATABROCHTHISTHÄSOMENOS wird es in der Regel nicht).

"Ich dachte, dass es keinen Sinn macht, extra noch Griechisch zu lernen und fand es für das Lateinstudium nicht notwendig."
Eine andere Studentin schrieb: "Bevor ich eine tote Sprache lerne, lerne ich doch lieber eine lebende; dann habe ich wenigstens einen konkreten Bezug zur Realität."
Nicht nur Studierende der lateinischen Sprache, auch Religionspädagogen, Archäologen und Philosophen stellen im Blick auf Griechisch oft die Sinnfrage "Wozu der ganze Aufwand?"
Den angehenden Pfarrern und Pfarrerinnen kann ich nur sagen: Eine gründliche Übersetzung aus dem griechischen (bzw. hebräischen) Text ist die halbe Predigt. Gerade erstarrte Formeln bekommen dann wieder ihren tieferen Sinn und werden lebendig; hier als Beispiel einige z.T. häufig begegnende Imperative:


  • "Siehe" (Gr.: idou; kommt dauernd vor im Neuen Testament und wird vom Leser der deutschen Übersetzung in der Regel gar nicht mehr wahrgenommen) heißt eigentlich: "Siehe jetzt dich selbst bzw. guck in deinem eigenem Interesse genau hin!"


  • "Gehe hin in Frieden" (poreuou eis eiränän) bedeutet genau genommen: "Mach dich allmählich bzw. immer wieder (Imp. Präsens!) auf den Weg hinein in den Frieden".


  • "Herr, erbarme dich" (kyrie eleison; in religiösen Liedern oft mit Litaneicharakter)


  • Ist ein Imperativ Aorist, der stets bei spontanen Geboten verwendet wird, und muss daher eigentlich mit "hab hier und jetzt sofort Mitleid bzw. Erbarmen mit mir" übersetzt werden. Wir erkennen hier viel deutlicher die Not, in der sich der Mensch, der Gott um Hilfe anfleht, befindet.


  • "Fürchtet euch nicht" (mä fobeisthe) ist Imp. Präsens. und hat daher die Bedeutung: "Ihr braucht nicht nur jetzt in der konkreten Situation, sondern generell keine Angst mehr zu haben."


  • Als ein gehörloser und nur mit Mühe stammelnder Mensch zu Jesus kommt, steckt dieser ihm seine Finger in die Ohren und sagt "dianoichthäti", was gewöhnlich mit "öffne dich" übersetzt wird. Da es sich jedoch um einen Imperativ Aorist Passiv handelt, muss man diesen Imperativ eigentlich so übersetzen: "Lass dich jetzt öffnen"


  • Wir müssen uns hier einen Menschen vorstellen, der es aus eigener Kraft nicht mehr schafft und auf Hilfe von außen angewiesen ist (deshalb passiv). Dennoch ergeht an diesen Menschen ein Imperativ, der ja stets eine gewisse Aktivität voraussetzt Das einzige, was dieser Mensch noch tun kann, ist sich der Hilfe nicht zu verschließen, sondern sie gleichsam mit geöffneten Armen anzunehmen.


Wenn Sie Religionslehrer(in) werden wollen, werden Sie sicher ähnlich wie ich die Erfahrung machen, dass die Schüler ganz fasziniert von "Geheimschriften" sind und so manche Lernflaute lässt sich durch eine Prise Griechisch wieder in eine frische Brise verwandeln.
Für die Lateinstudierenden ist Griechisch deshalb wichtig, weil sie dadurch die Wurzeln der lateinischen Sprache kennen lernen und für die lateinischen Texte sozusagen durch Griechisch einen Schlüssel in die Hand bekommen. Ovid kann man nur richtig verstehen und genießen, wenn man mit den griechischen Mythen vertraut ist, und um die lateinischen Philosophen (z.B. Seneca) zu begreifen, sollte man die griechischen Philosophen zumindest in Auszügen gelesen haben.
Für die Archäologen ist es natürlich ein besonderes Vergnügen, die griechischen Inschriften nicht nur zu entziffern, sondern auch zu verstehen, und auch die Philosophen erfahren immer wieder, wie schön es ist, wenn man z.B. in einem Heraklit Seminar nicht auf die völlig variierenden Übersetzungen angewiesen ist, sondern anhand des Originaltextes fundiert mitdiskutieren kann.
Wer auch abends nach einem u.U. anstrengenden Unitag erfahren will, dass Griechisch keine tote, sondern vielmehr eine quicklebendige Sprache ist, den möchte ich einladen zu unseren Symposien mit leckerem griechischen Essen und Trinken sowie griechischen Tänzen, zu unseren Filmabenden oder zu unserer griechischen Theatergruppe.

Abschließend möchte ich zum Thema Griechisch noch einen Studierenden zu Wort kommen lassen:
"Griechisch ist die Königssprache, dieses geflügelte Wort vernimmt man sehr häufig nach der Erwähnung, dass diese Sprache für zwei Semester täglich auf dem Stundenplan steht. Natürlich ist sie sehr komplex und nur durch Einsatz auch nach der Unterrichtseinheit kann sie erlernt werden.
Aber: Die Freude, der Spaß an der Sache ist so groß, dass die Arbeit nicht als Mühe bezeichnet werden kann, sondern als angenehme Erweiterung des geistigen Horizontes. Denn vieles von unserem schöngeistigen Wissen stammt aus der damaligen Zeit, und in der Literatur, Musik und Kunst finden sich Werke mit diesen Bezügen.
Ja, Griechisch, die Königin, die so viel weiß und über vieles regiert".


In diesem Sinne: CHAIRETE.

Dr. Andrea Bencsik





Dr. Andrea Bencsik