Göttinger Naturrecht
Kurztagung anlässlich des 300. Geburtstags von Gottfried Achenwall
14. und 15. November 2019

Achenwall und sein Naturrecht

Der Naturrechtslehrer und Staatswissenschaftler Gottfried Achenwall (1719–1772) gehört zu den bedeutenden, wenn auch weniger bekannten Persönlichkeiten der Göttinger Aufklärung des 18. Jahrhunderts. Am 20. Oktober 2019 jährt sich sein Geburtstag zum dreihundertsten Mal. Aus diesem Anlass soll im Rahmen einer interdisziplinären Kurztagung Achenwalls Stellung in der Göttinger Gelehrtengeschichte, vor allem aber seine Bedeutung als einflussreicher Theoretiker des Naturrechts gewürdigt werden.

Achenwall lehrte ab 1749 zunächst an der Philosophischen Fakultät und ab 1754 auch an der Juristischen Fakultät die Fächer Natur- und Völkerrecht, öffentliches Recht, Politik, europäische Staatengeschichte und – unter dem Namen der Statistik – vergleichende Staatskunde. Achenwalls historische, staatswissenschaftliche und naturrechtliche Lehrbücher erfuhren allesamt mehrere Auflagen und wurden auch nach seinem Tod mehrfach neu aufgelegt. Gemeinsam mit seinem Göttinger Freund und Kollegen Johann Stephan Pütter (1725–1805) leistete Achenwall einen wesentlichen Beitrag zum herausragenden Ruf der Göttinger Rechtswissenschaften und damit zugleich zur epochemachenden Stellung der Georgia Augusta.

Wurde die wissenschaftshistorische Bedeutung Achenwalls bis weit ins 20. Jahrhunderts hinein vor allem auf dem Feld der Statistik, d.h. der empirischen Staatskunde, gesehen, rückt seit einiger Zeit die Bedeutung seiner Naturrechtslehre in den Fokus. Achenwalls „bekannte Lehrbücher“ des Naturrechts gehörten für die Zeitgenossen „unstreitig zu den besten Schriften in ihrem Fache“, wie es 1775 in der Allgemeinen deutschen Bibliothek heißt, und sie zählten entsprechend zu den in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts meistbenutzten und maßgebenden Kompendien. Achenwalls Lehrbuch bildet die Basis für Ludwig Höpfners ebenfalls viel genutztes Naturrechtslehrbuch, und Immanuel Kant entwickelt seine Konzeption eines kritischen Vernunftrechts in Auseinandersetzung mit der achenwallschen Lehre. Diese zeichnet sich nicht nur durch begriffliche Klarheit und ein hohes Maß an Systematizität aus, sondern ebenso durch theoretische Innovationen: So nimmt Achenwall etwa moderne normlogische Systematisierungen vorweg, präzisiert die Unterscheidung von Recht und Moral und liefert die Grundlage für die Entwicklung der modernen Strafrechtslehre durch Anselm Feuerbach.

Die Tagung wird daher die Naturrechtslehre Achenwalls ins Zentrum stellen und sie aus werksystematischer sowie quellen-, entwicklungs- und wirkungsgeschichtlicher Perspektive beleuchten. Dieser Zielsetzung entsprechend werden die Vorträge vor allem Achenwalls Begründung des Naturrechts, seine Theorie der Verbindlichkeit und seine Freiheitskonzeption thematisieren. Damit wird die Möglichkeit gegeben, nicht nur einen noch unzureichend erforschten Abschnitt der Geschichte der Rechtsphilosophie, sondern auch ein wichtiges Kapitel der Geschichte der Göttinger Universität genauer in den Blick zu nehmen.