Seminar für Deutsche Philologie

Doktorandenschule ‚Dynamiken transkultureller Semiose‘ 2018-2020

Die Doktorandenschule ist eine Kooperation zwischen den beiden germanistischen Instituten in Göttingen und Tartu. Sie führt Diskussionen und Kooperationen aus einer vorangegangenen Germanistischen Institutspartnerschaft (GIP) weiter und wird ebenfalls vom DAAD gefördert.

Forschungsrahmen: Lotmans Semiosphäre

Jurij M. Lotmans Konzeptualisierung der Semiosphäre fokussiert auf die theoretische Modellierung dynamischer Interaktionen sprachlicher und kultureller Systeme anstelle isolierter und fixierter Strukturen: auf, mit seinen eigenen Worten, „Zeichensysteme“, die funktionieren, „weil sie in ein bestimmtes semiotisches Kontinuum eingebunden sind, das mit semiotischen Gebilden unterschiedlichen Typs auf unterschiedlichen Organisationsniveaus angefüllt ist.“ (Jurij M. Lotman: On the Semiosphere, zuerst 1984; in: Sign Systems Studies 33, 2005, 215–239).

Im Rahmen unserer Doktorandenschule interessieren uns vorrangig Bereiche sprachlicher und kultureller Transfers und Transformationen. Und hier hat dieses Konzept, ungeachtet seiner Abstraktheit, eine erhebliche kulturanthropologische und politische Reichweite gewonnen. Als Fundament für eine Vielzahl heterogener Projekte bietet es außerdem gerade wegen seiner Abstraktion eine ungemein produktive Offenheit.

Schon in der Entwicklung unserer Institutspartnerschaft (GIP Tartu / Göttingen) wurde das Werk des Tartuer Literaturwissenschaftlers und Semiotikers Lotman (1922-1993) zum Gegenstand von Forschungsarbeiten und Lehrveranstaltungen der beteiligten Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen und Studierenden (etwa in unserer Sommerschule 2013), immer wieder war es auch ein wesentlicher Anreger ihrer Arbeiten. Das hat sich keineswegs nur daraus ergeben, dass das Konzept einer Semiosphäre in Tartu entwickelt wurde, sondern auch aus den spezifischen sprachlichen, kulturellen und wissenschaftlichen Bedingungen, unter denen die GIP zustande kam und auf deren Geschichte und Gegenwart sie sich bezog: die genuin transkulturelle Geschichte Estlands und der Stadt Tartu, Fragen der pragmatischen und der literarischen Übersetzung, Prozesse eines sprachlich und politisch modellierten nation building (PDF), die gegenwärtigen Auseinandersetzungen um europäische Beziehungen die neuen Migrationsbewegungen in Deutschland und anderswo, usf.

Die Zusammenarbeit von Lehrenden und Studierenden unterschiedlicher Sprach- und Literaturwissenschaften, historischer Fächer und natürlich der Semiotik hat sich aus den spezifischen Konstellationen der Tartuer Geschichte und Gegenwart folgerichtig ergeben.

Deshalb erscheint nun, nach acht Jahren der GIP, Lotmans Semiosphäre als ideales Leitkonzept einer Doktorandenschule, die unterschiedliche Projekte produktiv zu integrieren vermag. Das Konzept ist offen genug, um eigenen Initiativen der beteiligten Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler Raum zu geben, und zugleich spezifisch genug, um mit der Ausrichtung auf semiotische Prozesse, auf dynamische Interaktionen und auf wechselseitige Transformationen einen gemeinsamen Referenzrahmen für den interdisziplinären Austausch bereitzustellen. Bedenkt man, wie eng Lotmans Semiosphären-Konzept räumliche mit kulturtypologischen Merkmalen verbindet und wie konsequent es sich auf wechselnde reale und symbolische Grenzziehungen und auf Verschiebungen zwischen Zentren und Peripherien konzentriert, dann wird unmittelbar deutlich, wie leicht und produktiv die einzelnen Themenbereiche an dieses Konzept anschließbar sind. Die Semiotik als Theorie vom Wirken der Zeichen ist als Metadisziplin in besonderer Weise geeignet, germanistische Fragen mit erweiterten kulturwissenschaftlichen Kontexten zu verknüpfen, ohne eines konkreten gemeinsamen Nenners – des Zeichens – zu entbehren und so in die Gefahr der Beliebigkeit zu geraten. Neben Projekten im Bereich der Neueren Deutschen Literatur / Literaturwissenschaft sind in der erste Antrags- und Förderphase auch Forschungsthemen berücksichtigt worden, die dieses Teilfach mit linguistischen, historischen, didaktischen und komparatistischen Themen verknüpfen. Durch das Semiosphären-Konzept wird unser literaturwissenschaftlicher Schwerpunkt anschlussfähig für einen fruchtbaren Austausch mit Nachbardisziplinen.

Rahmenbedingungen: GIP Tartu-Göttingen

Von 2008 bis 2017 waren die germanistischen Institute in Göttingen und Tartu (Estland) durch eine erfolgreiche GIP (Germanistische Institutspartnerschaft) des DAAD verbunden. Im Anschluss an diese Kooperation konnte 2017 ein Anschlussprojekt beantragt und bewilligt werden, das im Rahmen eines VAP (Vladimir Admoni Programms) die Kooperation auf Promotionsebene fortsetzt. Nach acht Jahren intensiver Zusammenarbeit sind die beteiligten Institute nicht nur ein dichtes Netzwerk von kooperierenden Forscherinnen und Forschern und ein Cluster von gemeinsam entwickelten Forschungsschwerpunkten miteinander verbunden; durch die in der zweiten Phase (2012-2016) der Germanistischen Institutspartnerschaft besonders intensivierte Schwerpunktsetzung im Bereich des studentischen Austauschs stehen inzwischen auch eine Reihe von vielversprechenden Nachwuchsforschern und -forscherinnen bereit, um einen wissenschaftlichen Karriereweg zu beschreiten. Im Folgenden werden die einzelnen Arbeiten kurz vorgestellt.

Triinu Saks

Dissertationsprojekt Politische Gewalt und Trauma in Texten deutschsprachiger Gegenwartsautorinnen

Das Projekt fragt nach der Versprachlichung von Traumata, die durch politische Gewalt und Repression ausgelöst werden, und nach ihren Auswirkungen auf das Schreiben insbesondere von Autorinnen. Welche Methoden, semiotischen Codes und literarischen Strategien werden benutzt, um die Traumata narrativ darzustellen bzw. zu versprachlichen? Mit welchen Traumata müssen sich die Protagonisten / Protagonistinnen ausgewählter Texte der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur auseinandersetzen? Welche Auswirkungen hat die Erfahrung politischer Gewalt auf diese Figuren, und durch welche Mittel können sie dieses Trauma überwinden, falls das überhaupt möglich ist? Die theoretischen Grundlagen des Vorhabens bilden, auf dem Hintergrund von Lotmans Semiosphäre, vorläufig Aleida Assmanns Analysen ästhetischer Strategien als eines Ausdrucks von Traumatisierung und Michael Foucaults Konzept einer countermemory, also dem Unterfangen, vergessene, unterdrückte und ausgeschlossene Geschichten zu erzählen, von Menschen, deren Geschichten im gleichsam offiziellen kulturellen Gedächtnis einer Gesellschaft nicht repräsentiert sind. Engeres Ziel des Dissertationsprojektes ist es, Autorinnen mit Migrationshintergrund zu analysieren, die aus verschiedenen Regionen der Welt stammen. In Betracht dafür kommen Texte von Herta Müller, Emine Sevgi Özdamar, Marica Bodrožić, Melinda Nadj Abonji und Terézia Mora. Eventuell wären auch Texte männlicher Autoren aufzunehmen, z.B. Sherko Fatah oder Abbas Khider.
Betreuerin und Betreuer: Silke Pasewalck (Tartu), Gerhard Kaiser (Göttingen)
MA-Abschluss: Juni 2016 (Beginn des Dissertationsprojekts im Herbst 2017/Winter 2018)

Marika Peekmann

Dissertationsprojekt Kulturelles Lernen im estnischen Deutschunterricht – Perspektiven und didaktische Potentiale

Das Vorhaben beschäftigt sich mit dem kulturellen Lernen im estnischen DaF-Unterricht. Obwohl in den letzten zwanzig Jahren im Fach Deutsch als Fremdsprache zahlreiche kulturwissenschaftliche Beiträge publiziert worden sind (u.a. Kramsch 2006, Ewert/Riedner/Schiedermair 2011, Badstübner-Kizik/Hille 2015, Fornoff 2016, Schiedermair 2016, Marten/Saagpakk 2017), werden solche neuen Ansätze nur selten im Deutschunterricht in Estland eingesetzt. Doch benötigt die immer komplexere kulturelle Umwelt auch eine neue Kulturdidaktik, die ausgehend von einem dynamischen Kulturverständnis und Lotmans Semiosphärenmodell die interkulturelle und symbolische Kompetenz der Lernenden entwickeln würde.
Ziel der Arbeit ist es, Perspektiven und didaktische Potentiale des kulturellen Lernens im estnischen DaF-Unterricht zu erforschen. Als Grundlage werden die interdisziplinären Ansätze der Erinnerungsorte und der Linguistic Landscapes dienen, die angesichts der deutschbaltischen Geschichte in Estland besonders ergiebig zu sein erscheinen (und die auch die Anschlussfähigkeit an die auf Lotmans Raumsemantik ausgerichteten Projekte sichern). Im Laufe der Arbeit sollen auch Didaktisierungen sowohl für den schulischen als auch für den hochschulischen Kontext entstehen.
Betreuerinnen: Silke Pasewalck (Tartu), Reet Bender (Tartu), Andrea Bogner (Göttingen)

Inga Sapunjan

Dissertationsprojekt Totalitarismus und Literatur. Die Phase der Systemetablierung im Spiegel der Prosaliteratur der ESSR und der DDR

Die geplante Dissertation beschäftigt sich mit der Frage, wie in literarischen Texten der deutschen und der estnischen Literatur die Etablierung des sowjetischen bzw. sozialistischen Systems dargestellt wird und wie sich diese Darstellung während der Zeit der Sowjetokkupation (im Falle Estlands) oder in der Einflusssphäre der Sowjetunion (im Falle der DDR) verändert. Als Zeitraum der Systemetablierung wird im Falle Estlands die Stalin-Ära und im Falle der DDR die Periode bis zum Mauerbau verstanden. Diese Perioden sind in beiden Kontexten mit grundsätzlichen politischen und gesellschaftlichen Veränderungen verbunden. Im Mittelpunkt der Untersuchung stehen Prosatexte aus der DDR und der ESSR vom Beginn der sowjetischen Besetzung resp. Gründung der DDR bis zur Erlangung der Unabhängigkeit bzw. zur Wiedervereinigung. Einbezogen werden sowohl Texte, die in dieser ersten Periode geschrieben wurden, als auch Texte, die sich retrospektiv mit dieser Zeit auseinandersetzen. Thematische Schwerpunkte der vergleichenden Analysen sind die Verflechtungen zwischen Privatsphäre und Öffentlichkeit und die semiotischen Besonderheiten der alltäglichen wie der literarischen Kommunikationssituationen. Obwohl die Kontexte der ESSR und der DDR einigermaßen unterschiedlich sind, wird in der Dissertation nach den Ähnlichkeiten der Erfahrung des Totalitarismus und nach den literarischen Mitteln, um diese darzustellen, gefragt.
Betreuer und Betreuerin: Liina Lukas (Tartu), Mart Velsker (Tartu), Heinrich Detering (Göttingen)

Tiina-Erika Friedenthal

Dissertationsprojekt Diskussion über das Theaterwesen um 1800 in Riga, Dorpat und Reval

Die Dissertation beschäftigt sich mit den Einstellungen zum Theater in Estland und Livland während der Zeit, als sich in den baltischen Ostseeprovinzen das Theater als zentrale Institution der Aufklärung etablierte. Am Ende des 18. Jahrhunderts werden in Estland und Livland ernsthafte Anstrengungen unternommen, um das Theater dort fest zu institutionalisieren. Untersucht wird, welche Debatte in den zentralen Städten der baltischen Region, in Riga, Dorpat und Reval, hinter diesen Bestrebungen steht. Gleichzeitig werden nämlich auch Vorbehalte gegen das Theater geäußert, z.B.: Warum sollte die Gesellschaft in ein in vielerlei Hinsicht so teures Unternehmen investieren, wie notwendig und wie zweckmäßig ist diese Einrichtung? Derartige Diskussionen finden in jedem der drei größeren Zentren statt und jedes hat einen eigenen Schwerpunkt: In Riga geht es um das kunstvolle professionelle Stadttheater; in Reval um das Liebhabertheater für Adlige und Gelehrte; in Dorpat, wo jede Art von Theater am Anfang des 19. Jahrhunderts mehr oder weniger strikt verboten wird, fragt man, ob Universität und Theater in derselben Stadt gleichzeitig existieren dürfen. In dem Dissertationsprojekt werden diese Debatten aufgearbeitet und nach deren Hintergründen gefragt. Die Theaterpolemik spiegelt sich in der Rede des Rektors der Rigaer Domschule Karl Philipp Michael Snell Über die Entbehrlichkeit und Notwendigkeit des Schauspiels in Riga (1785), in August von Kotzebues Schauspiel Das Liebhaber-Theater vor dem Parliament (1792) und in den Dokumenten des Conseils und des Universitätsgerichts der Kaiserlichen Universität zu Dorpat während der Zeit, als das Theaterverbot etabliert wird (1804-1812). Der lokalen Polemik wird ein breiterer geschichtlicher Hintergrund gegeben und die Diskussionen um 1800 werden mit denen im damaligen Deutschland verglichen.
Die Förderung wird für das Abschlussjahr des Projekts beantragt.
Betreuerinnen: Liina Lukas (Tartu), Ruth Florack (Göttingen)

Kadi Kähär-Peterson

Dissertationsprojekt Der Fortschritt der Menschheit – Europa und das Baltikum: Garlieb Merkels (1769-1850) Ideen im Kontext der europäischen Zivilisationstheorien

Das Dissertationsprojekt beschäftigt sich mit den Ideen von Garlieb Merkel, einem zentralen Denker im Baltikum am Ende der 18. Jahrhunderts und in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Im Mittelpunkt des Forschungsinteresses dieses Projekts steht das Verhältnis zwischen Merkels politischen Ideen und seiner Geschichtsphilosophie. Merkel beteiligte sich sehr aktiv an gesellschaftlichen Debatten in Deutschland und im Baltikum, dabei behandelte er sowohl Fragen der Geschichte als auch der Zukunft von Europa und dem Baltikum. Seine politischen Anschauungen standen in engem Zusammenhang mit seinen Ansichten über die Geschichte der Menschheit und die Grundprinzipien der Gesellschaft sowie mit den Zivilisationstheorien, die wesentliche Themen in der europäischen Aufklärung waren und komplexe Zukunftsentwürfe über den Verlauf der Zivilisation inspirierten. Mit diesen Theorien wurde versucht, die Zukunft sowohl der Menschheit als auch einzelner Nationen und folglich auch die Legitimität und Nachhaltigkeit der gesellschaftlichen Ordnung zu bewerten. Merkels Ansichten über die Geschichte des Baltikums, seine Kritik an der Leibeigenschaft sowie generell seine Gesellschaftskritik, sein Werk als Publizist, Redakteur und Literaturkritiker haben schon früher die Aufmerksamkeit der Wissenschaft geweckt; das Dissertationsprojekt behandelt Merkels Texte jedoch enger im Kontext der europäischen Ideengeschichte, um dadurch eine neue Perspektive zu gewinnen.
Betreuer und Betreuerinnen: Pärtel Piirimäe (Tartu), Eva Piirimäe (Tartu), Ruth Florack (Göttingen)