Institut für Physikalische Chemie

Die Geschichte der Physikalischen Chemie in Göttingen

Im Folgenden wird ein kurzer Abriss der Geschichte des Instituts für Physikalische Chemie an der Georg-August-Universität Göttingen gegeben. Weiterführende Literatur und Web-Links sind unten angegeben.

Das Institut für Physikalische Chemie

Das am 2. Juni 1896 eingeweihte Institut für Physikalische Chemie in Göttingen ist das erste und somit älteste allein den Zielen der physikalischen Chemie dienende Institut, das an einer deutschen Universität eingerichtet wurde.
Keimzelle des Instituts war eine bereits 1891 von Walther Nernst (1864 - 1941) am Physikalischen Institut (Michaelishaus am Leinekanal) unter Eduard Riecke eingerichtete Abteilung für physikalische Chemie.
Nernst war nach seinem Studium in Berlin, Zürich und Graz, seiner Promotion bei Friedrich Kohlrausch in Würzburg und seiner Habilitation (Nernstsche Gleichung) bei Wilhelm Ostwald in Leipzig im Jahre 1890 als Assistent zu Riecke gekommen.
Seine wissenschaftliche Tätigkeit auf dem rasch aufblühenden neuen Gebiet der physikalischen Chemie war außerordentlich erfolgreich, sodass er bereits 1891 einen Ruf an die Universität Gießen erhielt. Durch Schaffung eines Extraordinariats konnte sein Weggang verhindert werden.
1893 erschien die erste Auflage seines Lehrbuches Theoretische Chemie vom Standpunkte der Avogadroschen Regel und der Thermodynamik, das mit vielen weiteren Auflagen außerordentliche Popularität erlangte.
Ein weiterer ehrenvoller Ruf als Nachfolger von Ludwig Boltzmann in München folgte 1894.
Da das preußische Kultusministerium (insbesondere der Geheime Oberregierungsrat Friedrich Althoff) und die Göttinger Professoren Felix Klein (Mathematik), Otto Wallach (Chemie) und Eduard Riecke (Physik) Nernst unbedingt in Göttingen halten wollten, gewährte man ihm ein Ordinariat und ein eigenes Institut.
Hierzu wurde ein bestehendes größeres Wohnhaus in der Bürgerstraße 50 (erbaut 1860 von Friedrich Doeltz für den Kurator Adolph von Warnstedt) den Vorstellungen Nernsts entsprechend umgebaut und erweitert; die Beletage (1. OG) diente als Wohnung des Institutsdirektors.
Bereits Ostern 1895 konnten die ersten Räume in Betrieb genommen werden, und bei der Einweihung im Sommersemester 1896 arbeiteten schon etwa 30 fortgeschrittene Praktikanten (Studierende, Doktoranden, darunter zahlreiche Ausländer), zwei Postdoktoranden und zwei Privatdozenten im neuen Institut.



Die vollständige Institutsbezeichnung war Institut für Physikalische Chemie und besonders Elektrochemie, wodurch der damalige Schwerpunkt der Arbeiten betont wird. Die Forschungsthemen reichten vom Bleiakkumulator bis zur elektrischen Nervenreizung. Aus der Untersuchung der elektrischen Leitfähigkeit oxidischer Festkörper resultierte 1897 die Erfindung der Nernstlampe, die der weiteren Entwicklung der elektrischen Beleuchtung wichtige Impulse gab. (Der Nernststift diente noch bis in die 1980er Jahre als wichtige Strahlungsquelle in der Infrarotspektroskopie.) Nernst konnte diese Erfindung finanziell sehr vorteilhaft vermarkten und schenkte erhebliche Mittel zur baulichen Erweiterung des Instituts. 1899 wurde am Göttinger Institut die Hauptversammlung der Deutschen Elektrochemischen Gesellschaft (1902 in Bunsen-Gesellschaft umbenannt) ausgerichtet.



Ostern 1905 folgte Nernst einem Ruf an die Universität Berlin. Den Umzug machte die Familie im eigenen Auto, was damals eine sensationelle Pionierleistung war und viele Schaulustige anzog. Aufbauend auf den Göttinger Arbeiten formulierte Nernst im Sommer 1905 sein berühmtes Wärmetheorem (Dritter Hauptsatz der Thermodynamik). Seine thermochemischen Arbeiten wurden schließlich 1921 mit dem Nobelpreis für Chemie 1920 ausgezeichnet.



Nachdem in den Jahren 1905 - 1907 das Institut kommisarisch vom Nernst-Schüler (seit 1894 Extraordinarius) Friedrich Dolezalek (1873 - 1920) geleitet worden war, wechselte 1908 Gustav Tammann (1861 - 1938) vom gerade erst 1903 begründeten Göttinger Institut für Anorganische Chemie, als dessen Direktor er aus Dorpat (heute Tartu, Estland) berufen worden war, an das Institut für Physikalische Chemie. Dieses wurde unter seiner Leitung zu einem führenden Zentrum der Metallkunde ausgerichtet.
Weitere Forschungsschwerpunkte Tammanns waren Gläser und heterogene Systeme.
1924 fand in Göttingen die Bunsentagung statt. In den Jahren 1909 - 1932 bestand am Institut eine photochemische Abteilung unter der Leitung von Alfred Coehn.
Die metallkundlichen Forschungen wurden in ein metallographisches Laboratorium unter Leitung von Rudolf Vogel überführt, das 1938 in das unter Leitung des Tammann-Schülers Georg Masing stehende, neu gegründete Institut für Allgemeine Metallkunde eingegliedert wurde (später Institut für Metallphysik, heute Materialphysik).



Nach Tammanns Emeritierung 1929 wurde der Nernst-Schüler Arnold Eucken (1884 - 1950), der bereits zehn Jahre an der Technischen Hochschule Breslau gewirkt hatte, als Direktor des Instituts berufen.
Unter seiner Leitung wurde das Institut an der Bürgerstraße beträchtlich erweitert.
Seine Forschungsthemen waren sehr vielfältig: Struktur von Flüssigkeiten (besonders Wasser), Elektrolytlösungen, Molekülschwingungen, innere Rotation, homogene und heterogene Gaskinetik.
Neben den experimentellen Forschungsleistungen schuf Eucken ein umfangreiches wissenschaftlich-literarisches Werk, z. B. das kompakte Lehrbuch Grundriß der Physikalischen Chemie und das dreibändige Lehrbuch der Chemischen Physik.
Wohlbekannte Schüler Euckens waren z. B. Klaus Clusius, Ernst Bartholomé, Klaus Schäfer, Hans Sachsse, Franz Patat, Gerhard Damköhler, Ewald Wicke und Manfred Eigen; erwähnenswert ist auch ein zweijähriger Gastaufenthalt des jungen Edward Teller in Zusammenarbeit mit James Franck und Hertha Sponer am Physikalischen Institut Anfang der 1930er Jahre.
Nach dem Tod von Eucken wurde das Institut in den Jahren 1950 - 1953 kommisarisch von seinem Schüler Ewald Wicke (1914 - 2000) geleitet, der die Forschungsthemen Euckens fortführte.



1953 folgte Wilhelm Jost (1903 - 1988), der bereits Professor in Hannover (1930), Leipzig (1937), Marburg (1943) und Darmstadt (1951) war, dem Ruf an das Göttinger Institut, das er dann bis zur Emeritierung 1971 leitete.
Seine Forschungsschwerpunkte waren vor allem Diffusionsprozesse in Festkörpern, Thermodynamik und Technik der Destillation sowie die Kinetik von Gasreaktionen, insbesondere Verbrennungsprozesse und Flammen.
Er führte das von Hermann Ulich begonnene populäre Kurze Lehrbuch der Physikalischen Chemie von der sechsten Auflage (1954) an fort (ab der 18. Auflage (1972) von J. Troe weitergeführt).
Auf sein Betreiben hin wurde ein Lehrstuhl für Theoretische Chemie begründet mit Räumlichkeiten im Nachbargebäude Bürgerstraße 50a und mit Werner Bingel (*1922) als Ordinarius.
Die Arbeiten zur physikalischen Chemie fester Körper wurden u. a. vom Jost-Schüler Jens Nölting (*1931) am Göttinger Institut fortgesetzt.



1971 wurde Heinz Georg Wagner (*1928) von Bochum kommend Direktor des Instituts (1996 emeritiert). Mitte der 1970er Jahre wurde das neue Institut an der Tammannstraße auf dem Campus für die Naturwissenschaften in Göttingen-Weende bezogen, in Gemeinschaft mit den Instituten für Anorganische Chemie und für Organische Chemie.
H. Gg. Wagner und seine Mitarbeiter führten die thermodynamisch und anwendungstechnisch orientierten Arbeiten über Destillationsprozesse sowie besonders die Untersuchungen zur Kinetik von Gasreaktionen, Verbrennungsprozessen, Flammen und Explosionsvorgängen fort.
Hierzu wurden u. a. neuartige, experimentell anspruchsvolle Strömungssysteme mit massenspektrometrischer Detektion und vielfältige Stoßwellenapparaturen (adiabatische Kompression zur Erzeugung sehr hoher Temperaturen bis über 5000 K) mit schneller optischer Detektion entwickelt und mit großem Erfolg eingesetzt.



1975 folgte Jürgen Troe (*1940) dem Ruf an das Institut.
J. Troe hatte in Freiburg i. Br. und in Göttingen studiert, 1965 bei W. Jost über Zerfallsreaktionen kleiner Moleküle promoviert, sich 1968 habilitiert und war 1971 einem Ruf an die École Polytechnique Fédérale de Lausanne gefolgt.
Seine Arbeitsgebiete sind Reaktionskinetik, Spektroskopie und Photochemie in Gasen und Flüssigkeiten.



In den 1980er Jahren profitierten die Forschungsarbeiten außerordentlich von der substanziellen Förderung durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft im Rahmen des legendären Sonderforschungsbereiches Photochemie mit Lasern (SFB 93) in Zusammenarbeit mit einigen Abteilungen der Max-Planck-Institute für biophysikalische Chemie und für Strömungsforschung (heute MPI für Dynamik und Selbstorganisation).
1987 wurde die Bunsentagung in Göttingen ausgerichtet.
1996 feierte man den 100. Geburtstag des Instituts.




Literatur und Weblinks

Walther Nernst, Das Institut für Physikalische Chemie und besonders Elektrochemie an der Universität Göttingen. Festschrift zur Einweihungsfeier am 2. Juni 1896, Verlag von Wilhelm Knapp, Halle a. S., 1896 - weblink

Siehe auch (weitgehend identisch): Z. Elektrochem. 29 (1896) 629 - 636



Walther Nernst, Die Ziele der physikalischen Chemie. Festrede gehalten am 2. Juni 1896 zur Einweihung des Instituts für Physikalische Chemie und Elektrochemie der Georgia Augusta zu Göttingen, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen, 1896 - facsimile - weblink



Friedrich Dolezalek, Das Institut für physikalische Chemie, In: Die physikalischen Institute der Universität Göttingen. Festschrift im Anschlusse an die Einweihung der Neubauten am 9. Dezember 1905. Herausgegeben von der Göttinger Vereinigung zur Förderung der angewandten Physik und Mathematik. Druck und Verlag von B. G. Teubner, Leipzig und Berlin, 1906 - weblink



Günther Beer, 200 Jahre chemisches Laboratorium an der Georg-August-Universität Göttingen 1783 - 1983, Göttingen, 1983

Oskar Glemser, Die Entwicklung der Chemie in Göttingen seit Gründung der Universität 1734, Georgia Augusta, Mai 1987, S. 61 - 68



Ernst Ulrich Franck, 250 Jahre Chemie in Göttingen und ihre Auswirkungen: anorganische und physikalische Chemie, In: Naturwissenschaften in Göttingen. Eine Vortragsreihe. Herausgegeben von Hans-Heinrich Voigt. Göttinger Universitätsschriften, Serie A: Schriften / Band 13, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen, 1988



Walther Nernst memorial website



Museum der Göttinger Chemie



Version 2010-10-28 (Ulrich Schmitt)