Forschungsprojekt zur Erschließung des Göttinger Grass-Archivs

Im Oktober 2018 hat die Volkswagen-Stiftung ein auf zwei Jahre ausgelegtes, von Heinrich Detering und der Niedersächsischen Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen (SUB) beantragtes Projekt zur Erschließung des Göttinger Grass-Archivs bewilligt, das kurz zuvor im September von der Universität Göttingen treuhänderisch übernommen worden war.

Das Göttinger Grass-Archiv dokumentiert die gesamte, über dreißig Jahre dauernde Zusammenarbeit zwischen dem Künstler und dem Göttinger Steidl-Verlag: Es enthält Korrespondenzen, Fahnenabzüge, Bildentwürfe und buchgestalterische Konzepte, Probedrucke, Kataloge und Werbematerialien sowie zahlreiche weitere Dokumente. Der Bestand wird ergänzt durch eine Sammlung von Grassʼ Druckgraphik, ein umfangreiches Fotoarchiv, ein Tonarchiv der in diesen dreißig Jahren zumeist von Grass selbst eingelesenen neuen und älteren Werke, Lizenzausgaben und Übersetzungen aus aller Welt sowie eine Dokumentation der kritischen Rezeption. Außerdem existiert ein umfassendes Pressearchiv.

Damit bildet das Göttinger Archiv eine Verbindung zwischen der Grass-Sammlung der Berliner Akademie der Künste, das den größten Teil des literarischen Nachlasses bewahrt, und dem Lübecker Grass-Haus, das sich auf die bildkünstlerischen Arbeiten konzentriert. Der Göttinger Bestand dokumentiert vor allem den Buchgestalter Günter Grass, der Bücher als Kunstwerke aus Text und Bild, typographischer und graphischer Gestaltung verstand und konzipierte. Eben diese Leidenschaft war ein wesentlicher Grund für seinen Wechsel zum Verlag Steidl 1993 (die Zusammenarbeit begann schon einige Jahre vorher); erst gemeinsam mit seinem Göttinger Verleger konnte Grass seine Vorstellungen in für ihn befriedigender Weise realisieren.

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In der Kunst der Buchgestaltung liegt die vielleicht wichtigste, weltweit sicher wirkungsmächtigste Leistung des Bildkünstlers Grass: Jede*r Literaturliebhaber*in hat bei der Erwähnung der Blechtrommel auch den Umschlag des Buches vor Augen; die tanzenden Buchstaben von Grimms Wörter und die düsteren Tuschezeichnungen des Indienbuches Zunge zeigen sind mindestens so bekannt geworden wie die Geschichten, die diese Bücher erzählen. Die Reihe ließe sich fortsetzen bis zum unmittelbar nach Grass᾿ Tod erschienenen letzten Werk Vonne Endlichkait.

Seit Januar 2019 wird das Archiv im Rahmen des von der VW-Stiftung geförderten Forschungsvorhabens systematisch erschlossen. Neben einer Gesamtsichtung des Bestands wurden diverse Einzelbestände werkbezogen sortiert, aufbereitet und teilweise (wie diejenigen zu Grimms Wörter, Zunge zeigen, Vonne Endlichkait und Totes Holz) katalogisiert. Besonders aufschlussreich sind zudem die gesichteten vielfältigen Korrespondenzen.
Parallel dazu sollen die Erschließungsarbeiten in Publikationen und Teile des erschlossenen Materials in einer für Ende 2020/Anfang 2021 geplanten Ausstellung zu Grass‘ Grimms Wörter sichtbar werden.

Über den bereits erfassten Bestand zu Grimms Wörter und erste Forschungsergebnisse sprach Heinrich Detering im September 2019 an der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen in seinem Vortrag Grimms Buchstaben: Günter Grass, die Brüder Grimm und das Deutsche Wörterbuch.
Zwei aktuelle Seminare an der Universität Göttingen (Grass als Büchermacher, Leitung: Heinrich Detering; Günter Grass und die Brüder Grimm, Leitung: Katrin Wellnitz (WiSe2019/20)) beschäftigen sich mit Günter Grass als Buchkünstler und beziehen dazu teilweise die Archivmaterialien ein. So wird schon jetzt ein wissenschaftliches Arbeiten mit den Beständen und ein eigenständiges Forschen unter Anleitung für Studierende möglich.
Der Archivbestand wird nach Projektabschluss für die Wissenschaft und die interessierte Öffentlichkeit zugänglich sein.


Projektmitarbeiterinnen (SDP)


  • Katrin Wellnitz, M.A.
  • Lisa Kunze, M.A.
  • Svenja Brand, B.A.



Projektmitarbeitende (SUB)


  • Corinna Beermann, B.A.
  • Jaqueline Gwiasdowski, B.A.
  • Frederik Prush, B.A.